Dienst­wa­gen, Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te und die 1 %-Rege­lung

Die 1%-Regelung (§ 8 Abs. 2 Satz 2 EStG) ist nicht anwend­bar, wenn der Arbeit­neh­mer ein betrieb­li­ches Fahr­zeug ledig­lich für betrieb­li­che Zwe­cke sowie für die Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te nutzt.

Dienst­wa­gen, Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te und die 1 %-Rege­lung

Über­lässt der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer unent­gelt­lich oder ver­bil­ligt einen Dienst­wa­gen auch zur pri­va­ten Nut­zung, führt dies nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs zu einem steu­er­ba­ren Nut­zungs­vor­teil des Arbeit­neh­mers der als Arbeits­lohn zu erfas­sen ist. Der Vor­teil ist ent­we­der anhand des Fahr­ten­buchs oder, wenn ein Fahr­ten­buch nicht geführt wird, nach der 1%-Regelung zu bewer­ten. In dem jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall stan­den dem Klä­ger, der in einem Auto­haus als Ver­käu­fer beschäf­tigt ist, Fir­men­wa­gen für Pro­be- und Vor­führ­fahr­ten zur Ver­fü­gung. Dar­über hin­aus durf­te er die­se Wagen auch für die Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te nut­zen. Ein Fahr­ten­buch führ­te der Klä­ger nicht. Das Finanz­amt ging des­halb davon aus, dass die 1%-Regelung anzu­wen­den sei. Ein­spruch wie auch die Kla­ge vor dem Nie­der­säch­si­schen Finanz­ge­richt blie­ben ohne Erfolg.

Auf die Revi­si­on des Klä­gers hat der Bun­des­fi­nanz­hof nun das Urteil des Nie­der­säch­si­schen Finanz­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Sache zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Nie­der­säch­si­sche Finanz­ge­richt zurück­ver­wie­sen. Die Nut­zung eines Fahr­zeugs für die Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te ist, so der Bun­des­fi­nanz­hof, kei­ne pri­va­te Nut­zung, denn der Gesetz­ge­ber hat die­se Fahr­ten in § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 EStG und § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6 EStG der Erwerbs­sphä­re zuge­ord­net. Das Finanz­ge­richt muss nun noch prü­fen, ob die Fahr­zeu­ge dem Klä­ger dar­über hin­aus auch zu pri­va­ten Zwe­cken über­las­sen waren.

Die Anwen­dung der 1%-Regelung setzt vor­aus, dass der Arbeit­ge­ber sei­nem Arbeit­neh­mer tat­säch­lich einen Dienst­wa­gen zur pri­va­ten Nut­zung über­las­sen hat 1. Denn der Ansatz eines lohn­steu­er­recht­lich erheb­li­chen Vor­teils recht­fer­tigt sich nur inso­weit, als der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer gestat­tet, den Dienst­wa­gen pri­vat zu nut­zen.

Allein die Gestat­tung der Nut­zung eines betrieb­li­chen Fahr­zeugs für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te begrün­det noch kei­ne Über­las­sung zur pri­va­ten Nut­zung i.S. des § 8 Abs. 2 Satz 2 EStG.

Über­lässt der Arbeit­ge­ber einem Arbeit­neh­mer unent­gelt­lich oder ver­bil­ligt einen Dienst­wa­gen auch zur pri­va­ten Nut­zung, führt das nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des BFHs zu einem als Lohn­zu­fluss nach § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG zu erfas­sen­den steu­er­ba­ren Nut­zungs­vor­teil des Arbeit­neh­mers 2. Der Vor­teil ist nach § 8 Abs. 2 Sät­ze 2 bis 5 i.V.m. § 6 Abs. 1 Nr. 4 Satz 2 EStG ent­we­der mit der Fahr­ten­buch­me­tho­de oder, wenn wie im Streit­fall ein Fahr­ten­buch nicht geführt wird, mit der 1%-Regelung zu bewer­ten.

Aller­dings begrün­det § 8 Abs. 2 Satz 2 EStG eben­so wenig wie § 6 Abs. 1 Nr. 4 Satz 2 EStG ori­gi­när einen steu­er­ba­ren Tat­be­stand. Die Vor­schrif­ten regeln viel­mehr nur die Bewer­tung eines Vor­teils, der dem Grun­de nach fest­ste­hen muss 3. Des­halb setzt die Anwen­dung der 1%-Regelung vor­aus, dass der Arbeit­ge­ber sei­nem Arbeit­neh­mer tat­säch­lich einen Dienst­wa­gen zur pri­va­ten Nut­zung über­las­sen hat 4. Denn der Ansatz eines lohn­steu­er­recht­lich erheb­li­chen Vor­teils recht­fer­tigt sich nur inso­weit, als der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer gestat­tet, den Dienst­wa­gen pri­vat zu nut­zen. Die unbe­fug­te Pri­vat­nut­zung des betrieb­li­chen PKW hat dage­gen kei­nen Lohn­cha­rak­ter. Ein Vor­teil, den sich der Arbeit­neh­mer gegen den Wil­len des Arbeit­ge­bers selbst zuteilt, wird nicht "für" eine Beschäf­ti­gung im öffent­li­chen oder pri­va­ten Dienst gewährt und zählt damit nicht zum Arbeits­lohn nach § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 8 Abs. 1 EStG 5.

Ob und wel­ches Fahr­zeug einem Arbeit­neh­mer arbeits­ver­trag­lich aus­drück­lich oder doch min­des­tens auf Grund­la­ge einer kon­klu­dent getrof­fe­nen Nut­zungs­ver­ein­ba­rung auch zur pri­va­ten Nut­zung über­las­sen ist, ist auf­grund einer tat­säch­li­chen Wür­di­gung der Gesamt­um­stän­de fest­zu­stel­len.

Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs strei­tet der Anscheins­be­weis jedoch ledig­lich dafür, dass ein vom Arbeit­ge­ber zur pri­va­ten Nut­zung über­las­se­ner Dienst­wa­gen auch tat­säch­lich pri­vat genutzt wird. Der Anscheins­be­weis strei­tet aber weder dafür, dass dem Arbeit­neh­mer über­haupt ein Dienst­wa­gen aus dem vom Arbeit­ge­ber vor­ge­hal­te­nen Fuhr­park pri­vat zur Ver­fü­gung steht, noch dafür, dass er einen sol­chen auch pri­vat nut­zen darf. Denn nach der all­ge­mei­nen Lebens­er­fah­rung ist zwar typi­scher­wei­se davon aus­zu­ge­hen, dass ein dem Arbeit­neh­mer auch zur pri­va­ten Nut­zung über­las­se­ner Dienst­wa­gen von ihm tat­säch­lich auch pri­vat genutzt wird. Wei­ter reicht die­ser all­ge­mei­ne Erfah­rungs­satz aber nicht 4.

Es lässt sich ins­be­son­de­re kein all­ge­mei­ner Erfah­rungs­satz des Inhalts fest­stel­len, dass Arbeit­neh­mer Ver­bo­te miss­ach­ten und damit einen Kün­di­gungs­grund schaf­fen oder sich unter Umstän­den- gar einer Straf­ver­fol­gung aus­set­zen. Dies gilt selbst dann, wenn der Arbeit­ge­ber ein arbeits­ver­trag­lich ver­ein­bar­tes Pri­vat­nut­zungs­ver­bot nicht über­wacht.

Nach den bis­her getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen steht im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall ledig­lich fest, dass die vom Arbeit­ge­ber des Klä­gers zu Betriebs­zwe­cken vor­ge­hal­te­nen Vor­führ­wa­gen vom Klä­ger sowohl für beruf­li­che Zwe­cke als auch für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und regel­mä­ßi­ger Arbeits­stät­te genutzt wur­den. Allein die Nut­zung eines betrieb­li­chen Fahr­zeugs für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te begrün­det indes­sen noch kei­ne Über­las­sung zur pri­va­ten Nut­zung i.S. des § 8 Abs. 2 Satz 2 EStG. Der Gesetz­ge­ber hat die­se Fahr­ten in § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 EStG und § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6 EStG viel­mehr der Erwerbs­sphä­re zuge­ord­net 6 und den mul­tik­au­sa­len und den mul­ti­fi­na­len Wir­kungs­zu­sam­men­hän­gen, die nach der bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung auch für die­sen Lebens­sach­ver­halt im Schnitt­be­reich zwi­schen beruf­li­cher und pri­va­ter Sphä­re kenn­zeich­nend sind 7, ein­fach­ge­setz­lich durch einen beschränk­ten Wer­bungs­kos­ten­ab­zug Rech­nung getra­gen.

Das Finanz­ge­richt wird des­halb im zwei­ten Rechts­gang den strei­ti­gen Sach­ver­halt ins­be­son­de­re dahin­ge­hend wei­ter auf­zu­klä­ren haben, ob das Pri­vat­nut­zungs­ver­bot vor­lie­gend nur zum Schein aus­ge­spro­chen wor­den ist und dem Klä­ger ein Vor­führ­wa­gen ent­ge­gen der arbeits­ver­trag­li­chen Rege­lung etwa auf Grund­la­ge einer kon­klu­dent getrof­fe­nen Nut­zungs­ver­ein­ba­rung tat­säch­lich zur pri­va­ten Nut­zung über­las­sen war. Erst wenn dies vom Finanz­ge­richt mit der erfor­der­li­chen Gewiss­heit fest­ge­stellt ist, kommt der Anscheins­be­weis zum Tra­gen, dass zur pri­va­ten Nut­zung über­las­se­ne Kraft­fahr­zeu­ge auch tat­säch­lich pri­vat genutzt wer­den. Dann wäre wei­ter zu beach­ten, dass der all­ge­mei­ne Erfah­rungs­satz, ein Dienst­fahr­zeug wer­de auch pri­vat genutzt, zwar grund­sätz­lich auch bei einem zur Ver­fü­gung ste­hen­den Pri­vat­fahr­zeug gilt, dass aber der für die Pri­vat­nut­zung spre­chen­de Anscheins­be­weis umso leich­ter zu erschüt­tern ist, je gerin­ger die Unter­schie­de zwi­schen dem Pri­vat- und dem Dienst­fahr­zeug aus­fal­len 8. Soll­te indes­sen die Anwen­dung der 1%-Regelung man­gels fest­zu­stel­len­der Über­las­sung eines Vor­führ­wa­gens aus­schei­den, wäre kon­kret fest­zu­stel­len, wel­che PKW im Ein­zel­nen pri­vat genutzt wur­den 9.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. Okto­ber 2011 – VI R 56/​10

  1. Anschluss an BFH, Urteil vom 21.04.2010 – VI R 46/​08, BFHE 229, 228, BSt­Bl II 2010, 848[]
  2. BFH, Urtei­le vom 06.11.2001 – VI R 62/​96, BFHE 197, 142, BSt­Bl II 2002, 370; vom 07.11.2006 – VI R 19/​05, BFHE 215, 256, BSt­Bl II 2007, 116; und VI R 95/​04, BFHE 215, 252, BSt­Bl II 2007, 269; vom 04.04.2008 – VI R 68/​05, BFHE 221, 17, BSt­Bl II 2008, 890; vom 21.04.2010 – VI R 46/​08, BFHE 229, 228, BSt­Bl II 2010, 848[]
  3. BFH, Urtei­le vom 13.02.2003 – X R 23/​01, BFHE 201, 499, BSt­Bl II 2003, 472; in BFHE 215, 256, BSt­Bl II 2007, 116, m.w.N., und vom 19.05.2009 – VIII R 60/​06, BFH/​NV 2009, 1974[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 229, 228, BSt­Bl II 2010, 848[][]
  5. vgl. BFH, Urtei­le vom 11.02.2010 – VI R 43/​09, BFHE 228, 354, BFH/​NV 2010, 1016, und in BFHE 229, 228, BSt­Bl II 2010, 848[]
  6. BFH, Urteil vom 22.09.2010 – VI R 54/​09, BFHE 231, 127, BSt­Bl II 2011, 354[]
  7. vgl. Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts BVerfG- vom 09.12.2008 2 BvL 1/​07, 2 BvL 2/​07, 2 BvL 1/​08, 2 BvL 2/​08, BVerfGE 122, 210[]
  8. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 229, 228, BSt­Bl II 2010, 848, und in BFH/​NV 2009, 1974[]
  9. BFH, Urtei­le in BFHE 229, 228, BSt­Bl II 2010, 848, und vom 18.12.2008 – VI R 34/​07, BFHE 224, 108, BSt­Bl II 2009, 381[]