Job­ti­cket als geld­wer­ter Vor­tei­le – und die Lohn­steu­er­pau­scha­lie­rung

Hat das Finanz­amt einen Haf­tungs­be­scheid erlas­sen, darf das Finanz­ge­richt die­sen Bescheid nicht auf­he­ben und statt­des­sen einen (nied­ri­ge­ren) Nach­for­de­rungs­be­trag fest­set­zen. Das Wahl­recht des Arbeit­ge­bers, die Lohn­steu­er für geld­wer­te Vor­tei­le bei Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te nach § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG zu pau­scha­lie­ren, wird nicht durch einen Antrag, son­dern durch Anmel­dung der mit einem Pausch­steu­er­satz erho­be­nen Lohn­steu­er aus­ge­übt. Ein dahin­ge­hen­der Antrag, der im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gestellt wird, ist unbe­acht­lich.

Job­ti­cket als geld­wer­ter Vor­tei­le – und die Lohn­steu­er­pau­scha­lie­rung

Eas Wahl­recht, die Lohn­steu­er für geld­wer­te Vor­tei­le bei Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te nach § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG zu pau­scha­lie­ren, kann nicht erst­mals nach der Über­mitt­lung oder Aus­schrei­bung der Lohn­steu­er­be­schei­ni­gun­gen für den Pau­scha­lie­rungs­zeit­raum aus­ge­übt wer­den.

Der Haf­tungs­tat­be­stand des § 42d Abs. 1 Nr. 1 EStG ist hin­sicht­lich des den Arbeit­neh­mern der Arbeit­ge­be­rin ein­ge­räum­ten ver­bil­lig­ten Erwerbs der Jah­res­kar­ten erfüllt. Denn danach haf­tet der Arbeit­ge­ber für die Lohn­steu­er, die er nach § 38 Abs. 3 Satz 1 EStG bei jeder Lohn­zah­lung vom Arbeits­lohn ein­zu­be­hal­ten und nach § 41a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG abzu­füh­ren hat.

Die­ser Ver­pflich­tung kam die Arbeit­ge­be­rin im Hin­blick auf die Zuwen­dung des Bezugs­rechts nicht nach. Denn die­ses stellt einen geld­wer­ten ‑auf dem Arbeits­ver­hält­nis beru­hen­den- Sach­be­zug und damit Arbeits­lohn (§ 19 EStG) dar, der den Arbeit­neh­mern mit Aus­übung und damit dem Erwerb der Jah­res­kar­ten gemäß § 11 EStG (ein­ma­lig) zuge­flos­sen ist. Hier­über besteht zwi­schen den Betei­lig­ten nach der Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs im ers­ten Rechts­gang1 zu Recht kein Streit mehr.

Der ange­foch­te­ne Haf­tungs­be­scheid ist im kla­ge­ab­wei­sen­den Umfang recht­mä­ßig. Die Betei­lig­ten haben sich über die Höhe des der Lohn­be­steue­rung unter­lie­gen­den geld­wer­ten Vor­teils tat­säch­lich ver­stän­digt und die­sen hier­bei auf ins­ge­samt 210.712, 16 EUR bezif­fert. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat wie das Finanz­ge­richt kei­nen Anlass zu Zwei­feln an der Wirk­sam­keit die­ser tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung. Ein­wän­de gegen den vom Finanz­amt auf die­se Bemes­sungs­grund­la­ge der Haf­tungs­schuld ange­wen­de­ten Brut­to­steu­er­satz von 30, 10 % hat die Arbeit­ge­be­rin weder inner­halb der Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist des § 120 Abs. 2 FGO ‑son­dern erst mit Schrift­satz vom 26.06.2015- vor­ge­tra­gen noch sind sol­che Ein­wän­de sonst ersicht­lich. Die Inan­spruch­nah­me der Arbeit­ge­be­rin als Haf­tungs­schuld­ne­rin lässt auch kei­ne Ermes­sens­feh­ler erken­nen.

Der Inan­spruch­nah­me der Arbeit­ge­be­rin als Haf­tungs­schuld­ne­rin steht § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG nicht ent­ge­gen.

Nach § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG kann der Arbeit­ge­ber die Lohn­steu­er mit einem Pausch­steu­er­satz von 15 % für Sach­be­zü­ge in Form der unent­gelt­li­chen oder ver­bil­lig­ten Beför­de­rung eines Arbeit­neh­mers zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te erhe­ben, soweit die­se Bezü­ge den Betrag nicht über­stei­gen, den der Arbeit­neh­mer nach § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 und Abs. 2 EStG als Wer­bungs­kos­ten gel­tend machen könn­te, wenn die Bezü­ge nicht pau­schal besteu­ert wür­den.

Für die Pau­scha­lie­rung nach § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG ist ein Antrag oder eine Geneh­mi­gung durch das Finanz­amt nicht erfor­der­lich2. Das Wahl­recht wird viel­mehr durch die Anmel­dung der mit einem Pausch­steu­er­satz erho­be­nen Lohn­steu­er aus­ge­übt3.

Nach die­sen Rechts­grund­sät­zen hat das Finanz­ge­richt im Ergeb­nis zu Recht ent­schie­den, dass der Haf­tungs­be­scheid ‑soweit die Kla­ge abge­wie­sen wur­de- auch nicht des­halb auf­zu­he­ben ist, weil die Arbeit­ge­be­rin erst­mals mit Schrift­satz vom 29.08.2013 bean­tragt hat, die Lohn­steu­er für den hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Sach­be­zug gemäß § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG zu pau­scha­lie­ren.

Zwar wird die kos­ten­lo­se oder ver­bil­lig­te Abga­be von Fahr­kar­ten des öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehrs (Job-Ticket) grund­sätz­lich von § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG erfasst4.

Im Streit­fall hat die Arbeit­ge­be­rin nach den nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt für den hier zu beur­tei­len­den geld­wer­ten Vor­teil aus der ver­bil­lig­ten Über­las­sung der Job-Tickets jedoch in kei­ner Lohn­steu­er-Anmel­dung pau­scha­le Lohn­steu­er erho­ben. Der von der Arbeit­ge­be­rin nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt mit Schrift­satz vom 29.08.2013 erst­mals gestell­te Antrag auf Lohn­steu­er­pau­scha­lie­rung geht ins Lee­re, da ein sol­cher Antrag für die Pau­scha­lie­rung nach § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG gesetz­lich nicht vor­ge­se­hen ist. Als blo­ße Absichts­er­klä­rung ver­mag er ins­be­son­de­re die nach § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG erfor­der­li­che Erhe­bung der pau­scha­len Lohn­steu­er in der Lohn­steu­er-Anmel­dung weder zu erset­zen noch das Pau­scha­lie­rungs­ver­fah­ren nach § 40 Abs. 2 EStG in Gang zu set­zen.

Folg­lich war auch der vor­lie­gen­de Rechts­streit weder vom BFH noch von der Vor­in­stanz gemäß § 74 FGO aus­zu­set­zen. Hier­zu hät­te allen­falls dann Anlass bestan­den, wenn das gegen den Haf­tungs­be­scheid gerich­te­te Revi­si­ons- bzw. Kla­ge­ver­fah­ren nicht hät­te fort­ge­setzt wer­den kön­nen, bevor ein ‑bei­spiels­wei­se durch einen Pau­scha­lie­rungs­an­trag nach § 40 Abs. 1 EStG oder die Erhe­bung (Anmel­dung) der pau­scha­len Lohn­steu­er nach § 40 Abs. 2 EStG- eröff­ne­tes Pau­scha­lie­rungs­ver­fah­ren durch einen Pau­scha­lie­rungs­be­scheid oder in ande­rer Wei­se rechts­kräf­tig abge­schlos­sen ist. Denn wenn das Finanz­amt einen Haf­tungs­be­scheid erlas­sen hat, darf das Finanz­ge­richt nicht die­sen Bescheid auf­he­ben und statt­des­sen einen (nied­ri­ge­ren) Nach­for­de­rungs­be­trag fest­set­zen5. Im Streit­fall fehlt es aber ‑wie dar­ge­legt- an einer Lohn­steu­er­pau­scha­lie­rung durch die Arbeit­ge­be­rin und damit an einem vor­greif­li­chen Rechts­ver­hält­nis i.S. von § 74 FGO.

Da die Arbeit­ge­be­rin ihr Pau­scha­lie­rungs­wahl­recht nach § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG nicht aus­ge­übt hat, kann die von ihr auf­ge­wor­fe­ne Rechts­fra­ge, ob das Wahl­recht des Arbeit­ge­bers, die Lohn­steu­er für geld­wer­te Vor­tei­le bei Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te nach § 40 Abs. 2 Satz 2 EStG zu pau­scha­lie­ren, noch im Kla­ge­ver­fah­ren und damit auch noch nach Über­mitt­lung oder Aus­schrei­bung der Lohn­steu­er­be­schei­ni­gun­gen aus­ge­übt wer­den kann, eben­falls offen­blei­ben. Damit kann auch dahin­ste­hen, ob an der Recht­spre­chung, nach der ein erst­mals im Kla­ge­ver­fah­ren aus­ge­üb­tes Pau­scha­lie­rungs­wahl­recht gegen­über einem Haf­tungs­be­scheid gel­tend gemacht wer­den kann6, fest­zu­hal­ten ist. Denn eine ande­re zeit­li­che Begren­zung des Pau­scha­lie­rungs­ein­wands gegen einen Haf­tungs­be­scheid könn­te des­halb gebo­ten sein, weil für die Ent­schei­dung über die Recht­mä­ßig­keit eines Haf­tungs­be­scheids nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH die Sach- und Rechts­la­ge im Zeit­punkt der Ein­spruchs­ent­schei­dung maß­geb­lich ist7. Die Aus­übung eines Wahl­rechts im Revi­si­ons­ver­fah­ren vor dem BFH kommt ohne­hin nicht in Betracht8.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. Sep­tem­ber 2015 – VI R 69/​14

  1. BFH, Urteil in BFHE 239, 410, BSt­Bl II 2013, 382 []
  2. Schmidt/​Krüger, EStG, 34. Aufl., § 40 Rz 11; Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 40 Rz C 1; Blümich/​Thürmer, § 40 EStG Rz 86; Wag­ner in Herrmann/​Heuer/​Raupach ‑HHR‑, § 40 EStG Rz 32, 45; Eis­gru­ber in Kirch­hof, EStG, 14. Aufl., § 40 Rz 18; Wier­schem in Bordewin/​Brandt, § 40 EStG Rz 52; Paetsch in Frot­scher, EStG, Frei­burg 2011, § 40 Rz 41; Mar­tin in Lade­mann, EStG, § 40 EStG Rz 61; a.A. Stick­an in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 40 Rz 49 []
  3. Blümich/​Thürmer, § 40 EStG Rz 86; Paetsch in Frot­scher, a.a.O., § 40 Rz 41; zur Pau­scha­lie­rung nach § 40a EStG eben­so BFH, Urteil vom 26.11.2003 – VI R 10/​99, BFHE 204, 186, BSt­Bl II 2004, 195 []
  4. HHR/​Wagner, § 40 EStG Rz 46 []
  5. BFH, Urteil vom 16.03.1990 – VI R 88/​86, BFH/​NV 1990, 639 []
  6. BFH, Urtei­le vom 25.05.1984 – VI R 223/​80, BFHE 141, 54, 57 f., BSt­Bl II 1984, 569 zu § 40a EStG, und in BFH/​NV 1990, 639 zu § 40 Abs. 1 EStG []
  7. vgl. BFH, Beschluss vom 27.10.2014 – VII B 192/​13, BFH/​NV 2015, 155; BFH, Urteil vom 26.09.2012 – VII R 3/​11, BFH/​NV 2013, 337 []
  8. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 20.05.1976 – VI R 207/​74, BFHE 119, 70, BSt­Bl II 1976, 548; BFH, Urtei­le vom 28.03.1984 – I R 191/​79, BFHE 141, 244, BSt­Bl II 1984, 664; vom 13.07.1993 – VIII R 85/​91, BFHE 172, 416, BSt­Bl II 1994, 243 []