Lohn­steu­er­nach­for­de­rung – und die Bil­lig­keits­maß­nah­me

Ist die Arbeit­ge­be­rin ihrer Ver­pflich­tung zur Ein­be­hal­tung, Anmel­dung und Abfüh­rung der Lohn­steu­er (§ 41a Abs. 1 EStG) in gesetz­li­cher Höhe nicht nach­ge­kom­men, kann sie durch einen Lohn­steu­er­nach­for­de­rungs­be­scheid gemäß § 155 i.V.m. § 167 Abs. 1 Satz 1 AO in Anspruch genom­men wer­den. Dabei muss das Finanz­amt, weil es sich um die behörd­li­che Ände­rung der Steu­er­an­mel­dung der Arbeit­ge­be­rin und somit um eine Steu­er­fest­set­zung han­del­te, kein Ent­schlie­ßungs- und Aus­wahler­mes­sen aus­üben 1.

Lohn­steu­er­nach­for­de­rung – und die Bil­lig­keits­maß­nah­me

Die Steu­er­fest­set­zung und die Ent­schei­dung über eine abwei­chen­de Fest­set­zung der Steu­er aus Bil­lig­keits­grün­den gemäß § 163 AO sind nach stän­di­ger Recht­spre­chung in zwei geson­der­ten Ver­wal­tungs­ver­fah­ren zu prü­fen und in zwei Ver­wal­tungs­ak­ten vor­zu­neh­men.

Im Anfech­tungs­ver­fah­ren gegen die Steu­er­fest­set­zung kann das Finanz­ge­richt des­halb grund­sätz­lich nicht über einen Bil­lig­keits­an­trag ent­schei­den 2.

Nach­dem ein Antrag auf eine abwei­chen­de Fest­set­zung der Steu­er aus Bil­lig­keits­grün­den bereits gegen­über dem Finanz­amt gestellt und von die­sem abge­lehnt wur­de, ist über eine Maß­nah­me nach § 163 AO in dem sich gegen die­sen Bescheid rich­ten­den geson­der­ten Ver­fah­ren zu ent­schei­den. Im Rah­men die­ser Ermes­sens­ent­schei­dung wird auch dar­über zu befin­den sein, ob im Streit­fall aus Bil­lig­keits­grün­den die Steu­er abwei­chend fest­zu­set­zen ist, weil die Arbeit­ge­be­rin auf­grund der Ergeb­nis­se der durch­ge­führ­ten Lohn­steu­er-Außen­prü­fun­gen auf die Ord­nungs­mä­ßig­keit ihres Ver­gü­tungs­sys­tems für Bereit­schafts­diens­te ver­traut hat und sich dies­be­züg­lich in einem Rechts­irr­tum befand 3.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 29. Novem­ber 2016 – VI R 61/​14

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 11.07.2016 – VI B 14/​16, BFH/​NV 2016, 1540; BFH, Urteil vom 17.05.1985 – VI R 137/​82, BFHE 144, 217, BSt­Bl II 1985, 660, zur Inan­spruch­nah­me des Arbeit­neh­mers durch Nach­for­de­rungs­be­scheid[]
  2. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 21.01.1992 – VIII R 51/​88, BFHE 168, 500, BSt­Bl II 1993, 3, m.w.N.; vom 01.10.1997 – X R 149/​94, BFHE 184, 412, BSt­Bl II 1998, 247, II. 6.; und vom 21.09.2000 – IV R 54/​99, BFHE 193, 301, BSt­Bl II 2001, 178; Klein/​Rüsken, AO, 13. Aufl., § 163 Rz 2[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le vom 20.07.1962 – VI 167/​61 U, BFHE 76, 64, BSt­Bl III 1963, 23; vom 26.01.1992 – VI R 177/​88, BFHE 167, 359, BSt­Bl II 1992, 696[]