Ver­gü­tung für die Ruf­be­reit­schaft

Nach § 3b Abs. 1 EStG sind steu­er­frei Zuschlä­ge, die für tat­säch­lich geleis­te­te Sonntags‑, Fei­er­tags- oder Nacht­ar­beit neben dem Grund­lohn bezahlt wer­den, soweit sie in der Vor­schrift näher bestimm­te Pro­zent­sät­ze des Grund­lohns nicht über­schrei­ten. Grund­lohn ist der lau­fen­de Arbeits­lohn, der dem Arbeit­neh­mer bei der für ihn maß­ge­ben­den regel­mä­ßi­gen Arbeits­zeit für den jewei­li­gen Lohn­zah­lungs­zeit­raum zusteht (§ 3b Abs. 2 Satz 1 EStG). Der Begriff des Zuschlags setzt daher vor­aus, dass für die zuschlags­fä­hi­ge Tätig­keit eine Grund­ver­gü­tung gezahlt wird, zu der ein beson­de­res Ent­gelt für die mit der Sonntags‑, Fei­er­tags- oder Nacht­ar­beit ver­bun­de­ne Erschwer­nis dazu­ge­schla­gen wird 1.

Ver­gü­tung für die Ruf­be­reit­schaft

Nach die­sen Maß­stä­ben ist im hier vom Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall dem Klä­ger kein Zuschlag für die sonn­täg­li­che Ruf­be­reit­schaft gezahlt wor­den: Der Klä­ger hat nach dem wirt­schaft­li­chen Gehalt der Neu­re­ge­lung für die Büro­tä­tig­keit und die Ruf­be­reit­schaft, die Arbeits­zeit ist 2, jeweils geson­der­te Ver­gü­tun­gen und damit jeweils geson­der­ten Grund­lohn i.S. des § 3b EStG erhal­ten. Damit fehlt es an einem Zuschlag für Sonn­tags­ar­beit. Mit der Ver­gü­tung von 8,10 € je geleis­te­te Stun­de Ruf­be­reit­schaft wur­de nicht die zusätz­li­che Erschwer­nis abge­gol­ten, die mit dem Grund­lohn ver­gü­te­te Arbeits­leis­tung gera­de an einem Sonn­tag ver­rich­ten zu müs­sen, son­dern es wur­de die indi­vi­du­al­ver­trag­lich geschul­de­te Ruf­be­reit­schaft als sol­che unter Berück­sich­ti­gung der im Ver­gleich zur werk­täg­li­chen Büro­tä­tig­keit deut­lich gerin­ge­ren Belas­tung hono­riert.

Ein Grund­lohn für die Ruf­be­reit­schaft ergibt sich auch nicht dar­aus, dass in der "Neu­re­ge­lung der Ruf­be­reit­schafts-Ent­schä­di­gung" die Ver­gü­tung für die Ruf­be­reit­schaft durch das ver­ein­bar­te Gehalt abge­gol­ten sei. Eine sol­che Erstre­ckung der Ver­gü­tung für die Büro­tä­tig­keit auf die Ruf­be­reit­schaft ist mit der gleich­zei­tig ver­ein­bar­ten Ver­gü­tung für die Ruf­be­reit­schaft nicht ver­ein­bar. Zudem hat der Arbeit­ge­ber die­ses Ver­ständ­nis jeden­falls nicht umge­setzt. Er hat viel­mehr in den Lohn- und Gehalts­ab­rech­nun­gen beim Klä­ger für sei­ne Tätig­keit als Fahr­dienst­lei­ter –wie in den Zei­ten vor der Ruf­be­reit­schaft– für 173 Arbeits­stun­den im Monat 2.800 € brut­to abge­rech­net, was einem rech­ne­ri­schen Stun­den­lohn von 16,20 € ent­spricht. Die Ruf­be­reit­schaft am Sonn­tag ver­gü­te­te der Arbeit­ge­ber geson­dert mit 8,10 € je Stun­de.

Der Klä­ger kann sich schließ­lich nicht auf R 3b Abs. 1 Satz 4 LStR beru­fen. Danach ist es unschäd­lich, wenn neben einem Zuschlag für Sonntags‑, Fei­er­tags- oder Nacht­ar­beit, die gleich­zei­tig Mehr­ar­beit ist, kei­ne geson­der­te Mehr­ar­beits­ver­gü­tung oder ein Grund­lohn gezahlt wird, mit dem die Mehr­ar­beit abge­gol­ten ist. Abge­se­hen davon, dass die Recht­spre­chung an die­se nor­min­ter­pre­tie­ren­de Ver­wal­tungs­vor­schrift nicht gebun­den ist 3, setzt die Vor­schrift einen Zuschlag vor­aus, der aber im Streit­fall gera­de nicht gezahlt wur­de. Außer­dem hat der Klä­ger kei­ne Mehr­ar­beit geleis­tet. Mehr­ar­beit liegt nur vor, wenn der Arbeit­neh­mer gegen zusätz­li­che Ver­gü­tung Arbeit erbringt, die über die ver­ein­bar­te Arbeits­zeit hin­aus­geht 4. Der Klä­ger war jedoch nach der „Neu­re­ge­lung über Ruf­be­reit­schafts-Ent­schä­di­gung“ arbeits­ver­trag­lich zur Ruf­be­reit­schaft ver­pflich­tet.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 10. Janu­ar 2012 – 8 K 4030/​09

  1. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 27.08.2002 – VI R 64/​96, BFHE 200, 240, BSt­Bl II 2002, 883; vom 11.11.2010 – VI B 72/​10, BFH/​NV 2011, 254[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 27.08.2002 – VI R 64/​96, BFHE 200, 240, BSt­Bl II 2002, 883, unter II.2.a[]
  3. vgl. all­ge­mein BFH, Urteil vom 26.04.1995 – XI R 81/​93, BFHE 178, 4, BSt­Bl II 1995, 754, unter II.3.[]
  4. vgl. Hausch/​Fandel in: juris­PK-BGB, 5. Aufl. 2010, § 612 Rz. 10[]
  5. AG Ful­da, Beschluss vom 04.07.2019 – 88 XIV 312/​19 L, 88 XIV 313/​19 L[]