Niedrigere Steuerfestsetzung aus Billigkeitsgründen

Gemäß § 163 Satz 1 AO in der bis zum 31.12 2016 geltenden Fassung (AO) können Steuern niedriger festgesetzt und einzelne Besteuerungsgrundlagen, die die Steuern erhöhen, bei der Festsetzung unberücksichtigt bleiben, wenn die Erhebung der Steuer nach Lage des Einzelfalls unbillig wäre.

Niedrigere Steuerfestsetzung aus Billigkeitsgründen

Sachlich unbillig ist die Festsetzung einer Steuer, wenn sie zwar äußerlich dem Gesetz entspricht, aber den Wertungen des Gesetzgebers im konkreten Fall derart zuwiderläuft, dass die Erhebung der Steuer als unbillig erscheint1. So verhält es sich, wenn nach dem erklärten oder mutmaßlichen Willen des Gesetzgebers angenommen werden kann, dass der Gesetzgeber die im Billigkeitswege zu entscheidende Frage -wenn er sie als regelungsbedürftig erkannt hätte- i.S. der beabsichtigten Billigkeitsmaßnahme entschieden hätte2. Eine für den Steuerpflichtigen ungünstige Rechtsfolge, die der Gesetzgeber bewusst angeordnet oder in Kauf genommen hat, rechtfertigt dagegen keine Billigkeitsmaßnahme3. Billigkeitsmaßnahmen sollen mithin ein vom Gesetz gedecktes, aber vom Gesetzgeber nicht gewolltes Ergebnis vermeiden4 und einem Überhang des gesetzlichen Tatbestandes über die mit Sinn und Zweck des Steuergesetzes zu vereinbarende Regelung Rechnung tragen und die steuerliche Belastung auf das vom Gesetzgeber gewollte Maß zurückführen5.

Die Entscheidung über eine Billigkeitsmaßnahme ist eine Ermessensentscheidung, die von den Gerichten nur in den von § 102 FGO gezogenen Grenzen überprüft werden kann6. Nach dieser Vorschrift ist die gerichtliche Prüfung darauf beschränkt, ob die Behörde bei ihrer Entscheidung die gesetzlichen Grenzen des Ermessens überschritten oder von dem ihr eingeräumten Ermessen in einer dem Zweck der Ermächtigung nicht entsprechenden Weise Gebrauch gemacht hat. Nur ausnahmsweise kann das Gericht eine Verpflichtung zum Erlass aussprechen (§ 101 Satz 1 i.V.m. § 121 FGO), wenn der Ermessensspielraum derart eingeschränkt ist, dass nur eine einzige Entscheidung als ermessensgerecht in Betracht kommt (Ermessensreduzierung auf Null)7.

Aus den Ausführungen in dem BFH, Urteil in BFHE 225, 15, BStBl II 2010, 664 ergibt sich nichts Abweichendes. Der Bundesfinanzhof hat dort in einem obiter dictum die Auffassung vertreten, im Falle einer mittelbaren Grundstücksschenkung sei angesichts der Besonderheiten des damaligen Streitfalls eine abweichende Festsetzung der Einkommensteuer aus sachlichen Billigkeitsgründen geboten. Der Bundesfinanzhof kann dahinstehen lassen, ob er sich den Ausführungen in dem vorgenannten obiter dictum anschließen könnte. Denn der vorliegende Fall ist mit dem Sachverhalt, der dem BFH, Urteil in BFHE 225, 15, BStBl II 2010, 664 zugrunde lag, nicht vergleichbar.

Bundesfinanzhof, Urteil vom 22. November 2018 – VI R 50/16

  1. BFH, Urteil vom 20.09.2012 – IV R 29/10, BFHE 238, 518, BStBl II 2013, 505 []
  2. ständige Rechtsprechung, z.B. BFH, Urteil vom 26.05.1994 – IV R 51/93, BFHE 174, 482, BStBl II 1994, 833, unter 2., m.w.N.; BFH, Beschluss vom 12.09.2007 – X B 18/03, BFH/NV 2008, 102, unter II. 5.b, m.w.N. []
  3. BFH, Urteile vom 07.10.2010 – V R 17/09, BFH/NV 2011, 865, Rz 13; und vom 04.02.2010 – II R 25/08, BFHE 228, 130, BStBl II 2010, 663, Rz 11, jeweils m.w.N. []
  4. BFH, Urteile vom 21.11.1958 – VI 48/57 S, BFHE 68, 176, BStBl III 1959, 69; und vom 09.02.1972 – II R 99/70, BFHE 105, 172, BStBl II 1972, 503 []
  5. BVerfG, Beschluss vom 05.04.1978 – 1 BvR 117/73, BVerfGE 48, 102, BStBl II 1978, 441; BFH, Urteile vom 02.07.1997 – I R 25/96, BFHE 183, 33, BStBl II 1997, 714; vom 20.12 1995 – I R 166/94, BFHE 180, 46, BStBl II 1996, 308; und vom 26.04.1995 – XI R 81/93, BFHE 178, 4, BStBl II 1995, 754; Klein/Rüsken, AO, 14. Aufl., § 163 Rz 35 []
  6. GmS-OBG, Beschluss vom 19.10.1971 – GmS-OGB 3/70, BFHE 105, 101, BStBl II 1972, 603 []
  7. ständige Rechtsprechung, z.B. BFH, Urteile vom 26.10.1994 – X R 104/92, BFHE 176, 3, BStBl II 1995, 297; und vom 14.07.2010 – X R 34/08, BFHE 229, 502, BStBl II 2010, 916, Rz 27 []