Null­be­scheid – und die trotz­dem zuläs­si­ge Kla­ge

Nach der Neu­kon­zep­ti­on des Ver­hält­nis­ses zwi­schen Steu­er­fest­set­zung und Ver­lust­fest­stel­lung durch das Jah­res­steu­er­ge­setz 2010 kann der Steu­er­pflich­ti­ge gege­be­nen­falls auch gegen die Fest­set­zung der Kör­per­schaft­steu­er auf 0 EUR kla­gen, wenn der Fest­set­zung ein aus sei­ner Sicht zu hoher Gesamt­be­trag der Ein­künf­te zugrun­de liegt, der zur Fest­stel­lung eines zu nied­ri­gen Ver­lust­vor­trags führt.

Null­be­scheid – und die trotz­dem zuläs­si­ge Kla­ge

Gemäß § 40 Abs. 2 FGO ist eine Anfech­tungs­kla­ge nur dann zuläs­sig, wenn der Klä­ger gel­tend macht, durch den Ver­wal­tungs­akt in sei­nen Rech­ten ver­letzt zu sein. Dies ist bei der Anfech­tung eines Null­be­scheids regel­mä­ßig nicht der Fall 1. Aus­nahms­wei­se kann die Kla­ge gegen einen Null­be­scheid jedoch zuläs­sig sein, wenn der Bescheid sich für den Klä­ger des­halb nach­tei­lig aus­wirkt, weil in ihm ange­setz­te Besteue­rungs­grund­la­gen im Rah­men ande­rer Ver­fah­ren ver­bind­li­che Ent­schei­dungs­vor­ga­ben lie­fern 2. So liegt der Fall hier in Bezug auf die Aus­wir­kun­gen des im Rah­men der Steu­er­fest­set­zung zu Grun­de zu legen­den Ein­kom­mens der Klä­ge­rin auf die geson­der­te Fest­stel­lung des ver­blei­ben­den Ver­lust­vor­trags zur Kör­per­schaft­steu­er auf den 31.12 2011.

Nach § 31 Abs. 1 Satz 1 KStG i.V.m. § 10d Abs. 4 Satz 4 Halb­satz 1 EStG sind bei der Fest­stel­lung des ver­blei­ben­den Ver­lust­vor­trags die Besteue­rungs­grund­la­gen so zu berück­sich­ti­gen, wie sie den Steu­er­fest­set­zun­gen des Ver­an­la­gungs­zeit­raums, auf des­sen Schluss der ver­blei­ben­de Ver­lust­vor­trag fest­ge­stellt wird, und des Ver­an­la­gungs­zeit­raums, in dem ein Ver­lus­t­rück­trag vor­ge­nom­men wer­den kann, zu Grun­de gelegt wor­den sind. Die für das Ver­hält­nis von Grund­la­gen­be­schei­den zu Fol­ge­be­schei­den gel­ten­den Vor­schrif­ten des § 171 Abs. 10, § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und § 351 Abs. 2 AO sowie § 42 FGO gel­ten ent­spre­chend (§ 10d Abs. 4 Satz 4 Halb­satz 2 EStG). Die­se mit dem Jah­res­steu­er­ge­setz (JStG) 2010 vom 08.12 2010 3 geschaf­fe­nen Regeln gel­ten gemäß § 52 Abs. 25 Satz 5 EStG erst­mals für Ver­lus­te, für die nach dem 13.12 2010 eine Erklä­rung zur Fest­stel­lung des ver­blei­ben­den Ver­lust­vor­trags abge­ge­ben wird und sind mit­hin auf die Ver­lust­fest­stel­lung der Klä­ge­rin zum 31.12 2011 anzu­wen­den.

Durch die gesetz­li­che Neu­kon­zep­ti­on wird der Ein­kom­men- bzw. Kör­per­schaft­steu­er­be­scheid in Bezug auf die für die Ver­lust­fest­stel­lung rele­van­ten Besteue­rungs­grund­la­gen zwar nicht zum Grund­la­gen­be­scheid für die Ver­lust­fest­stel­lung des betref­fen­den Ver­an­la­gungs­zeit­raums. Sie bewirkt aber eine inhalt­li­che Bin­dung des Ver­lust­fest­stel­lungs­be­scheids an den Ein­kom­men- oder Kör­per­schaft­steu­er­be­scheid 4. Eine eigen­stän­di­ge Prü­fung der betref­fen­den Besteue­rungs­grund­la­gen fin­det im Rah­men der Ver­lust­fest­stel­lung grund­sätz­lich nicht mehr statt. Der Steu­er­pflich­ti­ge wird infol­ge­des­sen mit Blick auf die Ver­lust­fest­stel­lung nun­mehr gege­be­nen­falls auch durch einen Null­be­scheid beschwert, wenn bei der Fest­set­zung ein aus sei­ner Sicht zu hoher Gesamt­be­trag der Ein­künf­te zu Grun­de gelegt wor­den ist 5.

Die Bestim­mung des § 10d Abs. 4 Satz 5 EStG 2009 i.d.F. des JStG 2010 steht der Annah­me einer Beschwer im Streit­fall nicht ent­ge­gen. Nach die­ser Aus­nah­me­re­ge­lung dür­fen die Besteue­rungs­grund­la­gen bei der Ver­lust­fest­stel­lung abwei­chend von Satz 4 der Vor­schrift ‑d.h. unab­hän­gig von den der Steu­er­fest­set­zung zu Grun­de lie­gen­den Besteue­rungs­grund­la­gen- berück­sich­tigt wer­den, soweit die Auf­he­bung, Ände­rung oder Berich­ti­gung eines Steu­er­be­scheids aus­schließ­lich man­gels Aus­wir­kung auf die Höhe der fest­zu­set­zen­den Steu­er unter­bleibt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 7. Dezem­ber 2016 – I R 76/​14

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urteil vom 08.11.1989 – I R 174/​86, BFHE 158, 540, BSt­Bl II 1990, 91; BFH, Beschluss vom 16.12 2014 – X B 113/​14, BFH/​NV 2015, 510, m.w.N.[]
  2. BFH, Urtei­le vom 08.06.2011 – I R 79/​10, BFHE 234, 101, BSt­Bl II 2012, 421; vom 21.09.2011 – I R 7/​11, BFHE 235, 273, BSt­Bl II 2014, 616; BFH, Urteil vom 20.12 1994 – IX R 80/​92, BFHE 177, 44, BSt­Bl II 1995, 537, jeweils m.w.N.[]
  3. BGBl I 2010, 1768, BSt­Bl I 2010, 1394[]
  4. BFH, Urteil vom 10.02.2015 – IX R 6/​14, BFH/​NV 2015, 812; Pfirr­mann in Kirch­hof, EStG, 15. Aufl., § 10d Rz 23; vgl. auch Meyer/​Ball, Deut­sches Steu­er­recht ‑DStR- 2011, 345, 346: "Qua­si-Grund­la­gen­be­scheid"[]
  5. vgl. Heu­er­mann in Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 10d Rz D 93; Hal­ler­bach in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 10d EStG Rz 43, 127 f.; Blümich/​Schlenker, § 10d EStG Rz 227; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 40 FGO Rz 55; Schmidt/​Heinicke, EStG, 35. Aufl., § 10d Rz 36, 37; Meyer/​Ball, DStR 2011, 345, 346[]