Steu­er­pflicht von Erstat­tungs­zin­sen

Es ist, wie jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof im Rah­men eines AdV-Ver­fah­rens ent­schied, ernst­lich zwei­fel­haft, ob 2008 zuge­flos­se­ne Erstat­tungs­zin­sen zur Ein­kom­men­steu­er der Jah­re 2001 bis 2003 als Ein­nah­men aus Kapi­tal­ver­mö­gen gemäß § 20 Abs. 1 Nr. 7 Satz 3 EStG i.d.F. des JStG 2010 1 der Ein­kom­men­steu­er unter­lie­gen. Die Zwei­fel bestehen ins­be­son­de­re wegen der rück­wir­ken­den Anwen­dung der Vor­schrift.

Steu­er­pflicht von Erstat­tungs­zin­sen

Ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit eines Ver­wal­tungs­ak­tes bestehen, wenn und soweit bei sum­ma­ri­scher Prü­fung der Sach- und Rechts­la­ge auf­grund des unstrei­ti­gen Sach­ver­halts, der gerichts­be­kann­ten Tat­sa­chen und der prä­sen­ten Beweis­mit­tel erkenn­bar wird, dass aus gewich­ti­gen Grün­den Unklar­heit in der Beur­tei­lung von Tat­fra­gen oder Unsi­cher­heit oder Unent­schie­den­heit in der Beur­tei­lung von Rechts­fra­gen besteht und sich bei abschlie­ßen­der Klä­rung die­ser Fra­gen der Ver­wal­tungs­akt als rechts­wid­rig erwei­sen könn­te 2.

Nach der im Aus­set­zungs­ver­fah­ren gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Betrach­tungs­wei­se hat die Vor­in­stanz der­ar­ti­ge ernst­li­che Zwei­fel zutref­fend bejaht. Die Fra­ge, ob im Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2008 zuge­flos­se­ne Erstat­tungs­zin­sen nach § 233a AO als Ein­nah­men aus Kapi­tal­ver­mö­gen ent­spre­chend § 20 Abs. 1 Nr. 7 Satz 3 EStG 2010 zu erfas­sen sind, ist in Recht­spre­chung und Schrift­tum umstrit­ten. Gegen die durch das Jah­res­steu­er­ge­setz (JStG) 2010 ein­ge­füg­te Neu­fas­sung des Geset­zes, die gemäß § 52a Abs. 8 Satz 2 EStG in allen Fäl­len anzu­wen­den ist, in denen die Steu­er – wie im hier ent­schie­de­nen Fall – noch nicht bestands­kräf­tig fest­ge­setzt ist, wer­den sowohl ein­fach­recht­li­che als auch ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken, z.B. Ver­stoß gegen das Rück­wir­kungs­ver­bot, erho­ben 3. Dem­ge­gen­über wird die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Neu­re­ge­lung und die Recht­mä­ßig­keit von deren Erstre­ckung auf noch "offe­ne Alt­fäl­le" von Tei­len der Recht­spre­chung und des Schrift­tums bejaht 4.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat über die­se Fra­gen noch nicht ent­schie­den. Die BFH-Ent­schei­dung vom 15. Juni 2010 5 trifft zu die­ser Pro­ble­ma­tik kei­ne Aus­sa­ge und die zu der hier auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge beim Bun­des­fi­nanz­hof anhän­gi­gen Ver­fah­ren – VIII R 1/​11 6 und VIII R 36/​10 7 – sind noch offen.

Ins­ge­samt gese­hen bedür­fen die­se umstrit­te­nen und höchst­rich­ter­lich noch nicht end­gül­tig geklär­ten Fra­gen wei­te­rer ein­ge­hen­der Prü­fung. Ihre abschlie­ßen­de Beur­tei­lung muss jedoch dem Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor­be­hal­ten blei­ben.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 22. Dezem­ber 2011 – VIII B 190/​11

  1. vom 08.12.2010, BGBl I 2010, 1770[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Beschlüs­se vom 16.06.2004 – I B 44/​04, BFHE 206, 284, BSt­Bl II 2004, 882; und vom 14.02.2006 – VIII B 107/​04, BFHE 212, 285, BSt­Bl II 2006, 523, m.w.N.[]
  3. vgl. FG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 05.09.2011 1 – V 2325/​11 A(E) DStZ 2011, 775; FG Müns­ter, Beschluss vom 27.10.2011 2 – V 913/​11 E, BB 2011, 2966; ähn­lich Zim­mer­mann, Erfas­sung der Erstat­tungs­zin­sen als Kapi­tal­ein­künf­te, EFG 2011, 651; Markl/​Hölzl, Und (noch) kein Ende – die Steu­er­pflicht von Erstat­tungs­zin­sen – Zwei­fel am Nicht­an­wen­dungs­ge­setz, BBK 2011, 270; kri­tisch auch Musil, Die Ergän­zung des Ent­stri­ckungs­tat­be­stands durch § 4 Abs. 1 Satz 4 EStG – Herrscht nun end­lich Klar­heit?, FR 2011, 545[]
  4. vgl. Schles­wig-Hol­stei­ni­sches FG, Beschluss vom 01.06.2011 2 – V 35/​11, EFG 2011, 1687; FG Müns­ter, Urteil vom 16.12.2010 – 5 K 3626/​03 E, EFG 2011, 649; FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 17.05.2011 – 6 K 703/​08 K,G; Mit­sch­ke, Kei­ne ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ge Rück­wir­kung der Ent­stri­ckungs­re­ge­lun­gen des JStG 2010, FR 2011, 706; unklar Stö­cker, Steu­er­pflicht von Erstat­tungs­zin­sen – Abzug von Nach­zah­lungs­zin­sen, Der AO-Steu­er­be­ra­ter 2011, 79[]
  5. BFH, Urteil vom 15.06.2010 – VIII R 33/​07, BFHE 230, 109, BSt­Bl II 2011, 503[]
  6. Vor­in­stanz: FG Müns­ter, in EFG 2011, 649[]
  7. Vor­in­stanz: FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 29.01.2010 – 10 K 2720/​09, EFG 2010, 723[]