Ver­lust­ab­zug und Min­dest­be­steue­rung

Nach § 10d Abs. 2 Satz 1 EStG kön­nen Ver­lus­te nur noch bis zu einem Gesamt­be­trag der Ein­künf­te von 1 Mio. € unbe­schränkt abge­zo­gen wer­den. Dar­über hin­aus­ge­hen­de nega­ti­ve Ein­künf­te aus frü­he­ren Ver­an­la­gungs­zeit­räu­men sind nur noch in Höhe von 60 % des 1 Mio. € über­stei­gen­den Gesamt­be­trags der Ein­künf­te aus­gleichs­fä­hig.

Ver­lust­ab­zug und Min­dest­be­steue­rung

Im Ergeb­nis wer­den 40 % des posi­ti­ven Gesamt­be­trags der lau­fen­den Ein­künf­te eines Ver­an­la­gungs­zeit­raums unab­hän­gig von etwai­gen Ver­lus­ten in frü­he­ren Peri­oden der Besteue­rung unter­wor­fen, soweit sie die Schwel­le von 1 Mio. € über­schrei­ten.

Es begeg­net für den Bun­des­fi­nanz­hof kei­nen durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken, dass auf die­ser Grund­la­ge der Abzug (auch) sol­cher bis­her nicht aus­ge­gli­che­ner Ver­lus­te betrof­fen ist, die vor dem Inkraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung (Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2004) ent­stan­den sind. Dies hat der Bun­des­fi­nanz­hof in sei­nem Urteil vom 22.08.2012 1 erläu­tert; dar­an ist fest­zu­hal­ten 2.

Eben­falls hält der Bun­des­fi­nanz­hof an sei­ner in die­sem Urteil in BFHE 238, 419, BSt­Bl II 2013, 512 3 und in dem Vor­la­ge­be­schluss vom 26.02.2014 4 dar­ge­leg­ten Auf­fas­sung fest, dass die sog. Min­dest­be­steue­rung in ihrer Grund­kon­zep­ti­on nicht gegen Ver­fas­sungs­recht ver­stößt 5.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat sei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Zwei­fel "nur" auf die Kon­stel­la­ti­on bezo­gen, dass der Kern­be­reich einer Aus­gleichs­fä­hig­keit von Ver­lus­ten ver­letzt wird, wenn ‑wie im dor­ti­gen Streit­fall und mit Blick dar­auf, dass der Gesetz­ge­ber auf der Rechts­fol­gen­sei­te der Norm eine Dif­fe­ren­zie­rung nach Ver­lus­t­ur­sa­chen bzw. nach Zusam­men­hän­gen mit der Gewinn­ent­ste­hung voll­stän­dig unter­las­sen hat- auf der Grund­la­ge eines inne­ren Sach­zu­sam­men­hangs bzw. einer Ursa­chen­iden­ti­tät zwi­schen Ver­lust und Gewinn der sog. Min­dest­be­steue­rung im Ein­zel­fall ("kon­kret") die Wir­kung zukommt, den Ver­lust­ab­zug gänz­lich aus­zu­schlie­ßen und eine Sub­stanz­be­steue­rung aus­zu­lö­sen. Eine sol­che Kon­stel­la­ti­on liegt aber im hier zu ent­schei­den­den Streit­fall nicht vor. Ein vom Steu­er­pflich­ti­gen pro­gnos­ti­zier­tes sog. Defi­ni­tiv­wer­den reicht dazu ‑wie der Bun­des­fi­nanz­hof in sei­nem Urteil in BFHE 238, 419, BSt­Bl II 2013, 512 aus­ge­führt hat- nicht aus. Denn eine sol­che Pro­gno­se berück­sich­tigt nicht aus­rei­chend, dass es sowohl zu Ände­run­gen des Geschäfts­felds als auch ins­be­son­de­re zu Ände­run­gen der die Tätig­keit der Klä­ge­rin betref­fen­den steu­er­recht­li­chen Rege­lungs­la­ge (hier: der Steu­er­frei­stel­lung der erziel­ten Betei­li­gungs­er­trä­ge) kom­men kann.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 21. Sep­tem­ber 2016 – I R 65/​14

  1. BFH, Urteil vom 22.08.2012 – I R 9/​11, BFHE 238, 419, BSt­Bl II 2013, 512[]
  2. s. dazu auch ‑bezo­gen auf einen Bil­lig­keits­er­lass: BVerwG, Urteil vom 19.02.2015 – 9 C 10/​14, BVerw­GE 151, 255[]
  3. anhän­gi­ge Ver­fas­sungs­be­schwer­de beim BVerfG – 2 BvR 2998/​12[]
  4. BFH, Beschluss vom 26.02.2014 – I R 59/​12, BFHE 246, 27, BSt­Bl II 2014, 1016; anhän­gig beim BVerfG: 2 BvL 19/​14[]
  5. s. inso­weit auch OFD Frank­furt a.M., Ver­fü­gung vom 30.03.2016, DB 2016, 1048[]