Ein­zie­hungs­be­fug­nis des Insol­venz­ver­wal­ters und die Haf­tungs­inan­spruch­nah­me durch den Fis­kus

Die Sperr­wir­kung des § 93 InsO erstreckt sich nur auf die Haf­tung des Gesell­schaf­ters gemäß § 128 HGB. Der außer­ge­sell­schafts­recht­li­che Indi­vi­du­al­haf­tungs­an­spruch nach § 69 AO kann danach auch nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens vom Finanz­amt gel­tend gemacht wer­den.

Ein­zie­hungs­be­fug­nis des Insol­venz­ver­wal­ters und die Haf­tungs­inan­spruch­nah­me durch den Fis­kus

Dies hat der Bun­des­fi­nanz­hof bereits unter Bezug­nah­me auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des § 93 InsO ent­schie­den [1]. Die­se Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs stimmt über­ein mit der­je­ni­gen des Bun­des­ge­richts­hofs, die den Rege­lungs­be­reich des § 93 InsO auf die gesetz­li­che akzes­so­ri­sche Haf­tung des Gesell­schaf­ters für gegen die Gesell­schaft gerich­te­te Ansprü­che, also im Bereich der Kom­man­dit­ge­sell­schaft nur auf des­sen Ver­pflich­tung gemäß § 161 Abs. 2, §§ 128 ff, § 176 HGB beschränkt.

Die Rechts­wir­kun­gen die­ser Vor­schrift –so der BGH unter Bezug­nah­me auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te sowie den Inhalt und Zweck der gesetz­li­chen Rege­lung– erstre­cken sich nicht auf sol­che Ansprü­che, die des­halb gegen die Gesell­schaf­ter bestehen, weil die­se aus einem von den han­dels­recht­li­chen Haf­tungs­be­stim­mun­gen unab­hän­gi­gen Rechts­grund, ins­be­son­de­re einer recht­lich selb­stän­di­gen eige­nen Ver­pflich­tung, für die Ver­bind­lich­keit der Gesell­schaft ein­zu­ste­hen haben.

§ 93 InsO soll sicher­stel­len, dass die allen Gesell­schafts­gläu­bi­gern glei­cher­ma­ßen eröff­ne­te gesell­schafts­recht­li­che Haf­tung der Gesell­schaf­ter auch im Insol­venz­ver­fah­ren der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger zugu­te­kommt. Im Inter­es­se der gleich­mä­ßi­gen Befrie­di­gung aller Gläu­bi­ger schlie­ßen die­se insol­venz­recht­li­chen Vor­schrif­ten aus, dass sich ein­zel­ne Gläu­bi­ger durch einen schnel­le­ren Zugriff Son­der­vor­tei­le ver­schaf­fen.

Der Anspruch des Fis­kus nach §§ 69, 34 AO beruht dage­gen auf einem eigen­stän­di­gen, von § 161 Abs. 2 i.V.m. § 128 HGB unab­hän­gi­gen abga­ben­recht­li­chen Haf­tungs­tat­be­stand, der beson­de­re, den han­dels­recht­li­chen Nor­men frem­de Merk­ma­le –vor­sätz­li­che oder grob fahr­läs­si­ge Ver­let­zung steu­er­recht­li­cher Pflich­ten– ent­hält und auch inhalt­lich abwei­chend aus­ge­stal­tet ist [2].

Einen Anlass, die­se Recht­spre­chung zu über­den­ken oder fort­zu­ent­wi­ckeln sieht der Bun­des­fi­nanz­hof nicht. Ins­be­son­de­re ergibt sich ein sol­cher nicht aus dem Grund­satz „Insol­venz­recht geht vor Steu­er­recht“ bzw. „Gleich­stel­lung aller Gläu­bi­ger“ oder aus einer gewis­ser­ma­ßen geläu­ter­ten Beur­tei­lung des Wil­lens des Gesetz­ge­bers, der „offen­sicht­lich allen­falls die rechts­ge­schäft­li­che Son­der­be­mü­hung eines Gläu­bi­gers der Gesell­schaft um eine per­sön­li­che Haf­tung des Gesell­schaf­ters außer­halb der han­dels­recht­li­chen Rege­lun­gen von der Sperr­wir­kung (des § 93 InsO) aus­neh­men woll­te“, weil er sonst den Haf­tungs­an­spruch nach §§ 69, 34 AO in § 93 InsO aus­drück­lich berück­sich­tigt hät­te.

Erwä­gun­gen zur Kon­kur­renz von Insol­venz- und Steu­er­recht hat schon der Bun­des­ge­richts­hof wegen der Beson­der­hei­ten des steu­er­recht­li­chen Anspruchs als nicht durch­schla­gend ange­se­hen, die Ein­zie­hungs­be­fug­nis des Insol­venz­ver­wal­ters auf den abga­ben­recht­li­chen Haf­tungs­an­spruch aus­zu­deh­nen [3].

Für eine Neu­be­wer­tung des gesetz­ge­be­ri­schen Wil­lens besteht ange­sichts des kla­ren Aus­nah­me­cha­rak­ters des § 93 InsO kei­ne Ver­an­las­sung: Der Gesetz­ge­ber woll­te nicht regeln, dass und wel­che Haf­tungs­an­sprü­che gegen die Gesell­schaf­ter aus der Ein­zie­hungs­be­fug­nis des Insol­venz­ver­wal­ters aus­ge­nom­men sind, son­dern die ander­wei­tig nicht bestehen­de treu­hän­de­ri­sche Befug­nis des Insol­venz­ver­wal­ters schaf­fen, die For­de­run­gen der Gesell­schafts­gläu­bi­ger gegen die Gesell­schaft gebün­delt ein­zu­zie­hen, um einen Wett­lauf der Gläu­bi­ger bei der Inan­spruch­nah­me der per­sön­lich haf­ten­den Gesell­schaf­ter zu ver­hin­dern, den Haf­tungs­an­spruch der Gläu­bi­ger der Mas­se zuzu­füh­ren und auf die­se Wei­se den Grund­satz der gleich­mä­ßi­gen Befrie­di­gung der Insol­venz­gläu­bi­ger auf die Gesell­schaf­ter­haf­tung aus­zu­deh­nen [4]. Dadurch soll­te ver­hin­dert wer­den, dass der Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen der Gesell­schaft man­gels Mas­se abge­wie­sen wer­den muss, obwohl ein per­sön­lich haf­ten­der Gesell­schaf­ter über aus­rei­chen­des Ver­mö­gen ver­fügt [5]. Was sich an die­ser Ziel­set­zung des Gesetz­ge­bers zwi­schen­zeit­lich geän­dert haben soll­te, erschließt sich dem BFH nicht.

Im Übri­gen sei dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich auch das Bun­des­so­zi­al­ge­richt der Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs ange­schlos­sen hat. Es hat eine Haf­tung nach § 150 Abs. 4 SGB VII – Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung – unter Bezug­nah­me auf die BFH- und BGH-Recht­spre­chung aus dem Rege­lungs­be­reich des § 93 InsO aus­ge­nom­men, weil die­se Rechts­grund­la­ge für die Haf­tung des frü­he­ren Gesell­schaf­ters einer oHG für Zah­lung von Bei­trä­gen an die Berufs­ge­nos­sen­schaft nicht an die per­sön­li­che Haf­tung des oHG-Gesell­schaf­ters nach § 128 HGB bzw. des aus­ge­schie­de­nen oHG-Gesell­schaf­ters i.V.m. § 160 HGB anknüpft, son­dern ein eigen­stän­di­ger Haf­tungs­tat­be­stand des Bei­trags­rechts der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung ist, der in kei­ner­lei Bezie­hung zu den spe­zi­el­len Rege­lun­gen der Gesell­schaf­ter­haf­tung nach dem HGB steht [6].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 15. Novem­ber 2012 – VII B 105/​12

  1. BFH, Beschluss vom 02.11.2001 – VII B 155/​01, BFHE 197, 1, BStBl II 2002, 73[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 04.07.2002 – IX ZR 265/​01, BGHZ 151, 245, BStBl II 2002, 786[]
  3. BGH, Urteil in BGHZ 151, 245, BStBl II 2002, 786[]
  4. BFH, Beschluss vom 11.03.2008 – VII B 214/​06, BFH/​NV 2008, 129; BGH, Urteil vom 09.10.2008 – IX ZR 138/​06, BGHZ 178, 171[]
  5. vgl. BT-Drs. 12/​2443 S. 140[]
  6. BSG, Urteil vom 27.05.2008 – B 2 U 19/​07 R, ZIn­sO 2008, 1390[]