Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung – und das recht­li­che Gehör

Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör umfasst das Recht der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, sich vor Erlass einer Ent­schei­dung zu den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen und ‑gege­be­nen­falls- Beweis­ergeb­nis­sen zu äußern, sowie in recht­li­cher Hin­sicht alles vor­zu­tra­gen, was sie für wesent­lich hal­ten 1.

Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung – und das recht­li­che Gehör

Dar­über hin­aus gebie­tet es der Anspruch auf recht­li­ches Gehör, für die Pro­zess­be­tei­lig­ten über­ra­schen­de Ent­schei­dun­gen zu unter­las­sen.

Eine Über­ra­schungs­ent­schei­dung liegt vor, wenn das Finanz­ge­richt sein Urteil auf einen bis dahin nicht erör­ter­ten oder nicht bekann­ten recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Gesichts­punkt stützt und damit dem Rechts­streit eine Wen­dung gibt, mit der auch ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter selbst unter Berück­sich­ti­gung der Viel­zahl ver­tret­ba­rer Auf­fas­sun­gen nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf der Ver­hand­lung nicht rech­nen muss­te.

Dies kann u.a. der Fall sein, wenn ein ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Umstand vom Finanz­ge­richt erst mit dem End­ur­teil in das Ver­fah­ren ein­ge­bracht wird 2.

Die Gewäh­rung des recht­li­chen Gehörs ver­langt daher auch, dass das Gericht den ande­ren Betei­lig­ten über die Abga­be einer Erklä­rung über den Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung infor­miert 3.

Hier war dem Finanz­amt in der Fol­ge einer Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung von der Bericht­erstat­te­rin am Finanz­ge­richt die Mög­lich­keit abge­schnit­ten wor­den, den tele­fo­nisch bereits ange­kün­dig­ten Sach- und Rechts­vor­trag dem Gericht und dem Pro­zess­geg­ner noch zur Kennt­nis zu brin­gen. Nach dem Erör­te­rungs­ter­min lag auf­grund der geän­der­ten Sach- und Rechts­auf­fas­sung der Bericht­erstat­te­rin hin­sicht­lich der strei­ti­gen Ein­künf­te aus § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG eine neue recht­li­che und tat­säch­li­che Pro­zess­si­tua­ti­on vor, die dem Finanz­amt bis dahin noch nicht bekannt war. Einem Pro­zess­be­tei­lig­ten muss hin­rei­chend Gele­gen­heit gege­ben wer­den, sich zu einer der­ar­ti­gen neu­en Pro­zess­si­tua­ti­on zu äußern und im Rah­men der ihm oblie­gen­den Fest­stel­lungs­last neue Tat­sa­chen dar­zu­le­gen. Dies hat das Finanz­ge­richt unter­las­sen.

Zudem lagen ‑man­gels der nach § 77 Abs. 1 Satz 4 FGO gebo­te­nen Über­sen­dung des Ver­hand­lungs­ver­zichts der Klä­ger­sei­te vom 18.11.2016 an das Finanz­amt- aus Sicht des Finanz­amt bis zum Erge­hen des End­ur­teils die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung nicht vor. Denn dem Finanz­amt waren zu die­sem Zeit­punkt nur die Kla­ge­be­grün­dung der Klä­ger vom 08.08.2014 sowie das Schrei­ben vom 22.10.2014 bekannt, in denen die Klä­ger aus­drück­lich nicht auf die münd­li­che Ver­hand­lung ver­zich­tet hat­ten. Das Finanz­amt konn­te daher zu Recht davon aus­ge­hen, bis zur Anbe­raumung einer münd­li­chen Ver­hand­lung noch aus­rei­chend Zeit und Gele­gen­heit für ergän­zen­den Vor­trag zu haben und brauch­te mit einer strei­ti­gen Ent­schei­dung zu die­sem Zeit­punkt nicht zu rech­nen. Die Mög­lich­keit zum ergän­zen­den Vor­trag ist dem Finanz­amt durch die aus sei­ner Sicht über­ra­schen­de Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt ent­zo­gen wor­den.

Daher braucht nicht mehr ent­schie­den wer­den, ob der vom Finanz­amt mit Schrei­ben vom 10.10.2014 erklär­te Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung sich mit dem Erör­te­rungs­ter­min vom 10.11.2016 ver­braucht hat­te 4.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 23. Febru­ar 2017 – IX B 2/​17

  1. vgl. u.a. BFH, Beschluss vom 10.12 2012 – VI B 135/​12, BFH/​NV 2013, 569, unter 2.; Gräber/​Ratschow, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 119 Rz 14, m.w.N.; Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 96 FGO Rz 217[]
  2. vgl. BFH, Beschluss vom 23.10.2015 – IX B 92/​15, BFH/​NV 2016, 217, unter 1.; Gräber/​Ratschow, a.a.O., § 119 Rz 16; Lan­ge in HHSp § 96 FGO Rz 224[]
  3. Gräber/​Herbert, a.a.O., § 90 Rz 9 am Ende[]
  4. vgl. dazu z.B. BFH, Beschlüs­se vom 05.02.2014 – XI B 7/​13, BFH/​NV 2014, 708, unter II. 1.; vom 19.04.2016 – IX B 110/​15, BFH/​NV 2016, 1060, unter II. 4.a aa; und vom 04.08.2016 – X B 145/​15, BFH/​NV 2016, 1744, unter III. 1., jeweils m.w.N.[]