Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung – und die Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist ein Ver­fah­rens­man­gel im Sin­ne von § 119 Nr. 3 und Nr. 4 FGO u.a. dann anzu­neh­men, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ent­schei­dung des Finanz­ge­richts ohne münd­li­che Ver­hand­lung nach § 90 Abs. 1 und Abs. 2 FGO nicht gege­ben sind 1.

Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung – und die Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs

So durf­te das Finanz­ge­richt in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall im Zeit­punkt sei­ner Ent­schei­dung nicht von einem Ver­zicht der Klä­ger auf münd­li­che Ver­hand­lung aus­ge­hen: Die Klä­ger hat­ten unstrei­tig schrift­lich den Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung für den Fall aus­ge­schlos­sen, dass der Bun­des­fi­nanz­hof den Rechts­streit einem sei­ner Mit­glie­der als Ein­zel­rich­ter zur Ent­schei­dung über­trägt. Den­noch hat­te das Finanz­ge­richt den Rechts­streit auf die Ein­zel­rich­te­rin über­tra­gen und sodann ohne münd­li­che Ver­hand­lung durch Urteil ent­schie­den.

Ein Betei­lig­ter kann sein Ein­ver­ständ­nis mit einer Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung grund­sätz­lich gegen­ständ­lich beschrän­ken, z.B. indem er den Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung auf eine Ent­schei­dung durch den Vor­sit­zen­den bzw. den Bericht­erstat­ter anstel­le des Bun­des­fi­nanz­hofs oder aber allein auf eine Ent­schei­dung durch den Bun­des­fi­nanz­hof beschränkt 2. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs bezieht sich jedoch selbst ein vor der Über­tra­gung des Rechts­streits auf den Ein­zel­rich­ter vor­be­halt­los erklär­tes Ein­ver­ständ­nis mit einer Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung nur auf die Ent­schei­dung durch den Bun­des­fi­nanz­hof, es sei denn, das Ein­ver­ständ­nis ist aus­drück­lich auch für den Fall der Ent­schei­dung durch den Ein­zel­rich­ter erklärt wor­den 3.

Die­se ein­schrän­ken­de Aus­le­gung der Ver­zichts­er­klä­rung und die Beschrän­kung ihrer Wir­kung bis zur nächs­ten eine Sach­ent­schei­dung vor­be­rei­ten­den Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt ist auf­grund der beson­de­ren Inter­es­sen­la­ge der Betei­lig­ten gebo­ten 4. Denn der Ver­zicht hat für die Betei­lig­ten weit­rei­chen­de Fol­gen, weil er als Pro­zess­hand­lung nicht wegen Irr­tums anfecht­bar und auch nicht frei wider­ruf­bar ist 5.

Ist eine Ver­zichts­er­klä­rung nach den vor­ste­hen­den Maß­stä­ben wir­kungs­los (gewor­den), ist eine gleich­wohl ohne münd­li­che Ver­hand­lung erge­hen­de Ent­schei­dung zugleich wegen eines Man­gels der Ver­tre­tung ver­fah­rens­feh­ler­haft i.S. des § 119 Nr. 4 FGO 6.

Auf­grund der Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO) und des gleich­zei­tig vor­lie­gen­den Man­gels der Ver­tre­tung ist das ange­foch­te­ne Urteil auf­zu­he­ben und die Sache an das Finanz­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Der Ver­fah­rens­feh­ler ist ein abso­lu­ter Revi­si­ons­grund, bei dem gemäß § 119 Nr. 3, Nr. 4 FGO davon aus­zu­ge­hen ist, dass das ange­foch­te­ne Urteil auf der Ver­let­zung von Bun­des­recht beruht. Eine Sach­ent­schei­dung ist dem Bun­des­fi­nanz­hof ver­wehrt 7.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 20. Juni 2016 – VI B 115/​15

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 04.11.1992 – X R 7/​92, BFH/​NV 1993, 372; vom 05.07.1995 – X R 39/​93, BFHE 178, 301, BSt­Bl II 1995, 842; und vom 31.08.2010 – VIII R 36/​08, BFHE 231, 1, BSt­Bl II 2011, 126; jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. Schall­mo­ser in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 90 FGO Rz 46, 72[]
  3. BFH, Urteil vom 09.08.1996 – VI R 37/​96, BFHE 181, 115, BSt­Bl II 1997, 77[]
  4. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 181, 115, BSt­Bl II 1997, 77, und in BFHE 231, 1, BSt­Bl II 2011, 126[]
  5. vgl. BFH, Urtei­le vom 20.06.1967 – II 73/​63, BFHE 90, 82, BSt­Bl III 1967, 794; vom 26.11.1970 – IV R 131/​69, BFHE 101, 61, BSt­Bl II 1971, 241; vom 04.04.1974 – V R 161/​72, BFHE 112, 316, BSt­Bl II 1974, 532; BFH, Beschluss vom 07.02.1990 – III R 101/​87, BFH/​NV 1991, 402; für eine Zuläs­sig­keit des Wider­rufs bei wesent­li­cher Ände­rung der Pro­zess­la­ge: BFH, Urteil vom 06.04.1990 – III R 62/​89, BFHE 160, 405, BSt­Bl II 1990, 744[]
  6. BFH, Urteil in BFHE 231, 1, BSt­Bl II 2011, 126, m.w.N.; BFH, Beschluss vom 10.03.2011 – VI B 147/​10, BFHE 232, 322, BSt­Bl II 2011, 556[]
  7. s. BFH, Beschlüs­se vom 14.04.2015 – VI B 15/​15, nicht ver­öf­fent­licht, und in BFHE 232, 322, BSt­Bl II 2011, 556, m.w.N.[]