Besteue­rung der Abfin­dung für den Ver­zicht auf einen künf­ti­gen Pflicht­teils­an­spruch

Die Abfin­dung, die ein künf­ti­ger gesetz­li­cher Erbe an einen ande­ren Erben für den Ver­zicht auf einen künf­ti­gen Pflicht­teils­an­spruch zahlt, ist eine frei­ge­bi­ge Zuwen­dung des künf­ti­gen gesetz­li­chen Erben an den ande­ren und kann nicht als fik­ti­ve frei­ge­bi­ge Zuwen­dung des künf­ti­gen Erb­las­sers an die­sen besteu­ert wer­den.

Besteue­rung der Abfin­dung für den Ver­zicht auf einen künf­ti­gen Pflicht­teils­an­spruch

Gemäß § 7 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG gilt als Schen­kung unter Leben­den jede frei­ge­bi­ge Zuwen­dung unter Leben­den, soweit der Bedach­te durch sie auf Kos­ten des Zuwen­den­den berei­chert wird.

Eine frei­ge­bi­ge Zuwen­dung setzt in objek­ti­ver Hin­sicht vor­aus, dass die Leis­tung zu einer Berei­che­rung des Bedach­ten auf Kos­ten des Zuwen­den­den führt und die Zuwen­dung (objek­tiv) unent­gelt­lich ist 1, und in sub­jek­ti­ver Hin­sicht den Wil­len des Zuwen­den­den zur Frei­ge­big­keit 2.

Schlie­ßen künf­ti­ge gesetz­li­che Erben einen Ver­trag gemäß § 311b Abs. 5 BGB (frü­her § 312 Abs. 2 BGB), wonach der eine auf sei­ne künf­ti­gen Pflichtteils(ergänzungs)ansprüche gegen Zah­lung eines Geld­be­tra­ges ver­zich­tet, stellt die Zah­lung eine frei­ge­bi­ge Zuwen­dung des Zah­len­den i.S. des § 7 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG dar. Die Steu­er­klas­se rich­tet sich indes nicht nach dem Ver­hält­nis des Zuwen­dungs­emp­fän­gers (Ver­zich­ten­den) zum Zah­len­den, son­dern zum künf­ti­gen Erb­las­ser 3.

Da die Abfin­dung in einem sol­chen Fall aus dem Ver­mö­gen des künf­ti­gen gesetz­li­chen Erben geleis­tet wird, liegt eine frei­ge­bi­ge Zuwen­dung von die­sem an den Emp­fän­ger der Abfin­dung vor. Es ist nicht mög­lich, statt­des­sen eine fik­ti­ve frei­ge­bi­ge Zuwen­dung des künf­ti­gen Erb­las­sers an den Emp­fän­ger der Abfin­dungs­zah­lung zu besteu­ern. Für die Beur­tei­lung die­ser Abfin­dungs­leis­tung als frei­ge­bi­ge Zuwen­dung des künf­ti­gen Erb­las­sers, die auch dazu füh­ren wür­de, dass die­ser gemäß § 20 Abs. 1 Satz 1 ErbStG neben dem Zuwen­dungs­emp­fän­ger Schuld­ner der Schen­kungsteu­er ist, gibt es kei­ne gesetz­li­che Grund­la­ge. Wie der BFH bereits im Urteil in BFHE 194, 440, BSt­Bl II 2001, 456 aus­ge­führt hat, ist der Son­der­tat­be­stand des § 7 Abs. 1 Nr. 5 ErbStG nicht anwend­bar, wenn ein künf­ti­ger gesetz­li­cher Erbe gegen­über einem ande­ren gegen Zah­lung eines Geld­be­tra­ges auf sei­ne künf­ti­gen Pflichtteils(ergänzungs)ansprüche ver­zich­tet. § 3 Abs. 2 Nr. 4 ErbStG ist eben­falls nicht ein­schlä­gig. Die Vor­schrift betrifft ledig­lich bestimm­te Abfin­dun­gen nach Ein­tritt des Erb­falls.

Dass ein künf­ti­ger gesetz­li­cher Erbe die Abfin­dung, die er an einen ande­ren für den Ver­zicht auf einen künf­ti­gen Pflichtteils(ergänzungs)anpruch zahlt, beim Ein­tritt des Erb­falls gemäß § 10 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. Abs. 5 Nr. 3 Satz 1 ErbStG als Nach­lass­ver­bind­lich­keit vom Erwerb abzie­hen kann 4, beruht dar­auf, dass die Abfin­dung aus sei­nem Ver­mö­gen geleis­tet wur­de, und lässt nicht den Schluss zu, dass sie als fik­ti­ve frei­ge­bi­ge Zuwen­dung des Erb­las­sers an deren Emp­fän­ger zu besteu­ern ist.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Mai 2013 – II R 21/​11

  1. BFH, Urtei­le vom 23.11.2011 – II R 33/​10, BFHE 237, 179, BSt­Bl II 2012, 473, Rz 20, und vom 30.01.2013 – II R 6/​12, BFH/​NV 2013, 846, Rz 11[]
  2. BFH, Urtei­le vom 15.12.2010 – II R 41/​08, BFHE 232, 210, BSt­Bl II 2011, 363, Rz 9, und in BFH/​NV 2013, 846, Rz 11[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 194, 440, BSt­Bl II 2001, 456; inso­weit a.A. Hart­mann, Umsatz­steu­er- und Ver­kehr­steu­er-Recht 2001, 255, 258 f.[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 194, 440, BSt­Bl II 2001, 456, unter II.2.d[]