Das zins­lo­se Dar­le­hen als frei­ge­bi­ge Zuwen­dung

Die Zins­lo­sig­keit eines gewähr­ten Dar­le­hens erfüllt den Tat­be­stand einer frei­ge­bi­gen Zuwen­dung i.S. des § 7 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG. Dabei ist es für Schen­kungsteu­er uner­heb­lich, dass das Dar­lehn nur auf­grund eines reli­gi­ös begrün­de­ten Zins­ver­bots zins­los ver­ge­ben wird.

Das zins­lo­se Dar­le­hen als frei­ge­bi­ge Zuwen­dung

Nach § 1 Abs. 1 Nr. 2, § 7 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG unter­liegt jede frei­ge­bi­ge Zuwen­dung unter Leben­den, soweit der Bedach­te durch sie auf Kos­ten des Zuwen­den­den berei­chert wird, der Schen­kungsteu­er. In der zins­lo­sen Gewäh­rung eines Dar­le­hens bei Feh­len einer sons­ti­gen Gegen­leis­tung liegt eine frei­ge­bi­ge Zuwen­dung nach § 7 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG 1. Der Emp­fän­ger eines zins­lo­sen Dar­le­hens erfährt durch die Gewäh­rung des Rechts, das als Dar­le­hen über­las­se­ne Kapi­tal unent­gelt­lich zu nut­zen, eine Ver­mö­gens­meh­rung, die der Schen­kungsteu­er unter­liegt. Die Min­de­rung des Ver­mö­gens des Zuwen­den­den besteht dabei dar­in, dass er auf einen Ertrag ver­zich­tet, den er bei ver­kehrs­üb­li­chem Ver­hal­ten gezo­gen hät­te. Der Ver­zicht auf die zum Ver­mö­gen des Dar­le­hens­ge­bers gehö­ren­de Nut­zungs­mög­lich­keit ist eine Ver­mö­gens­min­de­rung 2. Dabei ist es uner­heb­lich, dass zivil­recht­lich in der blo­ßen vor­über­ge­hen­den Gebrauchs­über­las­sung einer Sache in der Regel kei­ne das Ver­mö­gen min­dern­de Zuwen­dung liegt, wie sie für eine Schen­kung gemäß § 516 Abs. 1 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs erfor­der­lich ist 3.

Gegen­stand der Zuwen­dung bei einer zins­lo­sen Dar­le­hens­ge­wäh­rung ist der kapi­ta­li­sier­te Nut­zungs­vor­teil 4. Der Jah­res­wert des Nut­zungs­vor­teils beträgt nach § 15 Abs. 1 BewG 5, 5 %, wenn kein ande­rer Wert fest­steht 5.

Die dem Zuwen­dungs­emp­fän­ger gewähr­te Nut­zungs­mög­lich­keit muss mit dem Ver­zicht auf die eige­ne Nut­zung des Kapi­tals sei­tens des Zuwen­den­den kor­re­spon­die­ren. Für den kor­re­spon­die­ren­den Ver­zicht auf die Nut­zung des Kapi­tals ist es nicht erfor­der­lich, dass der Zuwen­den­de die­ses gegen Zin­sen dar­le­hens­wei­se wei­ter­ge­ben könn­te. Es reicht viel­mehr die objek­ti­ve Mög­lich­keit, das Kapi­tal auf belie­bi­ge Wei­se ander­wei­tig gewinn­brin­gend anzu­le­gen. Daher ist es uner­heb­lich, ob dem Dar­le­hens­ge­ber die Ver­ein­ba­rung und Annah­me eines Zin­ses nach isla­mi­schem Recht oder aus ande­ren reli­giö­sen Grün­den ver­bo­ten ist, denn er könn­te mit dem Kapi­tal auch auf ande­re Wei­se, etwa durch unter­neh­me­ri­sche Betä­ti­gung, einen Ertrag erzie­len 6. Das isla­mi­sche Recht erlaubt aus­drück­lich die Finan­zie­rung von Unter­neh­men, soweit der Kapi­tal­ge­ber sowohl am Gewinn als auch am Ver­lust betei­ligt wird 7.

Der sub­jek­ti­ve Tat­be­stand des § 7 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG ist erfüllt, wenn sich der Zuwen­den­de der Unent­gelt­lich­keit sei­ner Leis­tung bewusst ist 8. Ein auf die Berei­che­rung des Emp­fän­gers gerich­te­ter Wil­le im Sin­ne einer Berei­che­rungs­ab­sicht ist nicht erfor­der­lich 9. Uner­heb­lich ist auch, wel­che kon­kre­ten Moti­ve für den Zuwen­den­den im Vor­der­grund stan­den 10.

Im Streit­fall ist der Klä­ger durch die Gewäh­rung des zins­lo­sen Dar­le­hens in den ers­ten acht Jah­ren der Lauf­zeit des Dar­le­hens auf Kos­ten der Dar­le­hens­ge­be­rin i.S. des § 7 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG berei­chert wor­den. Die Gewäh­rung des Dar­le­hens erfolg­te ohne ent­spre­chen­de Gegen­leis­tung. Die Zins­lo­sig­keit des gewähr­ten Dar­le­hens kor­re­spon­diert mit dem Ver­zicht der Gläu­bi­ge­rin, das Kapi­tal ander­wei­tig zu nut­zen. Der Jah­res­wert des Nut­zungs­vor­teils ist nach § 15 Abs. 1 BewG zutref­fend mit 5, 5 % anzu­neh­men. Ein ande­rer Wert ist weder vor­ge­tra­gen noch fest­ge­stellt 11.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 4. März 2015 – II R 19/​13

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung seit BFH, Urteil vom 12.07.1979 – II R 26/​78, BFHE 128, 266, BSt­Bl II 1979, 631; zuletzt BFH, Urteil vom 27.11.2013 – II R 25/​12, BFH/​NV 2014, 537, Rz 13[]
  2. BFH, Urteil vom 30.03.1994 – II R 105/​93, BFH/​NV 1995, 70; BFH, Beschluss vom 20.09.2010 – II B 7/​10, BFH/​NV 2010, 2280, Rz 10, und BFH, Urteil in BFH/​NV 2014, 537, Rz 13[]
  3. BFH, Urtei­le vom 27.10.2010 – II R 37/​09, BFHE 231, 223, BSt­Bl II 2011, 134, Rz 20, und in BFH/​NV 2014, 537, Rz 13[]
  4. BFH, Urtei­le vom 21.02.2006 – II R 70/​04, BFH/​NV 2006, 1300, und in BFH/​NV 2014, 537, Rz 14[]
  5. BFH, Urtei­le in BFHE 231, 223, BSt­Bl II 2011, 134, Rz 18, und in BFH/​NV 2014, 537, Rz 14[]
  6. FG Müns­ter, Urteil vom 07.11.1991 3 K 7354/​90 Erb, EFG 1992, 468; Hes­si­sches Finanz­ge­richt, Urteil vom 22.01.2007 1 K 4906/​03, Erb­fol­ge­be­steue­rung 2007, 179[]
  7. vgl. Patzner/​Usalir, Isla­mic Ban­king und Isla­mic Asset Manage­ment, Betriebs-Bera­ter 2010, 1513 ff.[]
  8. BFH, Urteil in BFH/​NV 2014, 537, Rz 11[]
  9. BFH, Urteil vom 12.07.2005 – II R 8/​04, BFHE 210, 474, BSt­Bl II 2005, 845[]
  10. BFH, Urtei­le in BFHE 210, 474, BSt­Bl II 2005, 845, unter II. 1.c; und vom 27.08.2014 – II R 43/​12, BFHE 246, 506, BSt­Bl II 2015, 241, Rz 53[]
  11. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2014, 537, Rz 22 ff.[]