Wenn die Erb­schaft­steu­er höher ist als die Erb­schaft…

Nach einem Urteil des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf kann Art. 14 GG eine abwei­chen­de Steu­er­fest­set­zung aus sach­li­chen Bil­lig­keits­grün­den gebie­ten, wenn der Klä­ger eine Erb­schaft­steu­er von 143.492,00 € zu ent­rich­ten habe, obwohl er auf­grund eines Ver­mächt­nis­ses ins­ge­samt nur 87.836,00 € erhal­ten habe.

Wenn die Erb­schaft­steu­er höher ist als die Erb­schaft…

Nach § 163 Satz 1 AO kön­nen Steu­ern nied­ri­ger fest­ge­setzt wer­den, wenn die Erhe­bung der Steu­er nach Lage des ein­zel­nen Fal­les unbil­lig wäre. Eine sach­li­che Unbil­lig­keit liegt vor, wenn die Besteue­rung, unab­hän­gig von den wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen des Steu­er­pflich­ti­gen, im Ein­zel­fall mit dem Sinn und Zweck des Geset­zes nicht ver­ein­bar ist und des­halb den gesetz­li­chen Wer­tun­gen zuwi­der­läuft 1. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs wider­spricht der Ansatz eines von Todes wegen oder durch Schen­kung unter Leben­den erwor­be­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des mit sei­nem Wert zum Zeit­punkt der Ent­ste­hung der Steu­er (§ 11 ErbStG) zwar grund­sätz­lich nicht den Wer­tun­gen des Gesetz­ge­bers 2. Eine Bil­lig­keits­prü­fung darf sich jedoch nicht in Über­le­gun­gen zur rich­ti­gen Rechts­an­wen­dung erschöp­fen. Sie muss sich ggf. auch auf all­ge­mei­ne Rechts­grund­sät­ze und ver­fas­sungs­recht­li­che Wer­tun­gen erstre­cken 3. So ist eine Bil­lig­keits­maß­nah­me gebo­ten, wenn es beim Voll­zug einer im All­ge­mei­nen ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Norm in einem Här­te­fall zu einer ver­fas­sungs­recht­lich bedenk­li­chen Pro­blem­la­ge kommt 4.

Der vom Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf ent­schie­de­ne Streit­fall zeich­net sich dadurch aus, dass für die Wert­ermitt­lung des der Erb­schaft­steu­er unter­lie­gen­den Erwerbs des Klä­gers von Todes wegen (§§ 1 Abs. 1 Nr. 1, 3 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG) der Zeit­punkt des Todes des Erb­las­sers im Juli 2003 maß­ge­bend ist (§§ 11, 9 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG). Nach § 12 Abs. 1 ErbStG i.V.m. § 12 Abs. 1 Satz 1 BewG ist der Ver­mächt­nis­an­spruch mit dem Nenn­wert anzu­set­zen. Uner­heb­lich ist, ob der Anspruch nach dem Bewer­tungs­stich­tag voll­stän­dig oder nur zum Teil erfüllt wor­den ist 5. Da die Durch­setz­bar­keit der Ver­mächt­nis­for­de­rung nach den am Bewer­tungs­stich­tag vor­han­de­nen Erkennt­nis­sen nicht unsi­cher war, begrün­de­ten auch nicht beson­de­re Umstän­de den Ansatz eines gerin­ge­ren Wer­tes als des Nenn­werts (§ 12 Abs. 1 Satz 1 BewG). Dies hat indes zur Fol­ge, dass der Klä­ger eine Erb­schaft­steu­er von 143.492 € zu ent­rich­ten hat, obwohl er auf Grund des Ver­mächt­nis­ses nur ins­ge­samt 87.836,66 € erhal­ten hat und mit wei­te­ren Zah­lun­gen nicht mehr zu rech­nen ist. Die­ses Ergeb­nis ist mit ver­fas­sungs­recht­li­chen Wer­tun­gen nicht zu ver­ein­ba­ren.

Art. 14 Abs. 1 GG schützt zwar nicht vor der staat­li­chen Auf­er­le­gung von Geld­leis­tungs­pflich­ten. Etwas ande­res gilt jedoch, wenn die Geld­leis­tungs­pflich­ten den Betrof­fe­nen über­mä­ßig belas­ten und sei­ne Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se so grund­le­gend beein­träch­ti­gen, dass sie eine erdros­seln­de Wir­kung haben 6. Bei einem Steu­er­ein­griff in eine ver­mö­gens­wer­te Rechts­po­si­ti­on muss dem Berech­tig­ten ein pri­va­ter Nut­zen ver­blei­ben 7.

Dem Klä­ger ver­bleibt auf Grund der Ver­steue­rung des Ver­mächt­nis­ses mit dem zum Bewer­tungs­stich­tag maß­geb­li­chen Wert von 500.000 € kein pri­va­ter Nut­zen mehr. Art. 14 Abs. 1 GG gebie­tet daher eine abwei­chen­de Fest­set­zung der Erb­schaft­steu­er aus sach­li­chen Bil­lig­keits­grün­den. Dabei kann der Besteue­rung nur der Betrag von 87.836,66 € zugrun­de gelegt wer­den. Obgleich die­ser Betrag nach dem Vor­trag des Klä­gers 18.712,03 EUR Zin­sen ent­hal­ten soll, ist ihm auf Grund des Ver­mächt­nis­ses den­noch ein pri­va­ter Nut­zen in Höhe von 87.836,66 EUR ver­blie­ben. Denn in die­ser Höhe ist er gegen­über dem Finanz­amt von Steu­er­schul­den frei gewor­den.

Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 10. März 2010 – 4 K 3000/​09 Erb

  1. BFH, Urtei­le vom 09.09.1993 – V R 45/​91, BSt­Bl II 1994, 131; sowie vom 23.09.2004 – V R 58/​03, BFH/​NV 2005, 825[]
  2. BFH, Urteil vom 13.05.1998 – II R 98/​97, BFH/​NV 1998, 1376[]
  3. BFH, Beschluss vom 26.11.2003 – X B 124/​02, BFH/​NV 2004, 754[]
  4. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2004, 754[]
  5. BFH, Urteil vom 18.10.2000 – II R 46/​98, BFH/​NV 2001, 420[]
  6. BVerfG, Urteil vom 08.04.1997 – 1 BvR 48/​94, BVerfGE 95, 267, 300[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 18.01.2006 – 2 BvR 2194/​99, BVerfGE 115, 97, 114[]