Erstat­tung rechts­staats­wid­rig erho­be­ner DDR-Steu­ern

Vor dem Wirk­sam­wer­den des Bei­tritts ergan­ge­ne Ver­wal­tungs­ak­te der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik, und damit auch die in der DDR erlas­se­nen Steu­er­be­schei­de, blei­ben, so bestimmt es Art. 19 des Eini­gungs­ver­tra­ges 1, wirk­sam. Sie kön­nen jedoch gemäß Art. 19 Satz 2 EinigVtr auf­ge­ho­ben wer­den, wenn sie mit rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen oder mit den Rege­lun­gen des Eini­gungs­ver­tra­ges unver­ein­bar sind. Die ver­mö­gens­recht­li­che Rück­ab­wick­lung sol­cher rechts­staats­wid­ri­ger, nach Art. 19 Satz 2 EinigVtr auf­ge­ho­be­ner Steu­er­be­schei­de der DDR fällt nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs jedoch nicht in den Anwen­dungs­be­reich der Abga­ben­ord­nung und damit nicht in die Zustän­dig­keit der Steu­er­ver­wal­tung, son­dern rich­tet sich aus­schließ­lich nach den Vor­schrif­ten des Ver­mö­gens­ge­set­zes.

Erstat­tung rechts­staats­wid­rig erho­be­ner DDR-Steu­ern

In dem jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall waren im Jahr 1965 gegen eine in der dama­li­gen DDR ansäs­si­ge Genos­sen­schaft, die heu­ti­ge Klä­ge­rin, Steu­ern durch einen Bescheid fest­ge­setzt wor­den, den das Finanz­amt im Jahr 1998 nach Art. 19 Satz 2 des Eini­gungs­ver­trags als rechts­staats­wid­rig auf­hob. Die sei­tens der Klä­ge­rin bean­trag­te Erstat­tung der sei­ner­zeit gezahl­ten Steu­ern zuzüg­lich seit 1965 zu berech­nen­der Zin­sen lehn­te das Finanz­amt jedoch ab. Die hier­ge­gen erho­be­ne Kla­ge wies das Säch­si­sche Finanz­ge­richt mit der Begrün­dung ab, dass der Erstat­tungs­an­spruch durch einen Antrag auf Erlass eines Abrech­nungs­be­scheids gel­tend zu machen sei. Der dar­auf­hin auf Antrag der Klä­ge­rin unter dem 18. April 2005 erlas­se­ne Abrech­nungs­be­scheid wies aus der Auf­he­bung des Steu­er­be­scheids vom 17. August 1965 zu erstat­ten­de Steu­ern und Neben­leis­tun­gen in Höhe von 0 € aus. Die hier­ge­gen nach erfolg­lo­sem Ein­spruchs­ver­fah­ren erho­be­ne zwei­te Kla­ge wies das Säch­si­sche Finanz­ge­richt wie­der­um ab 2, was der Bun­des­fi­nanz­hof auf die hier­ge­gen ein­ge­leg­te Revi­si­on der Klä­ge­rin hin nun bestä­tig­te:

Die für die Erstat­tung rechts­grund­los gezahl­ter Steu­ern maß­ge­ben­de Vor­schrift der Abga­ben­ord­nung wer­de bezüg­lich sol­cher Steu­ern, die auf­grund spä­ter als rechts­staats­wid­rig auf­ge­ho­be­ner DDR-Steu­er­be­schei­de ent­rich­tet wor­den sind, durch die inso­weit spe­zi­el­len Vor­schrif­ten des Ver­mö­gens­ge­set­zes ver­drängt. Auch wenn eine in der dama­li­gen DDR vor­ge­nom­me­ne rechts­staats­wid­ri­ge Ver­mö­gens­ent­zie­hung nicht nach dem Ver­mö­gens­ge­setz, son­dern – wie im Streit­fall – nach ande­ren Wie­der­gut­ma­chungs- oder Reha­bi­li­tie­rungs­vor­schrif­ten auf­ge­ho­ben wer­de, unter­lie­ge der sich dar­aus erge­ben­de Her­aus­ga­be­an­spruch des Geschä­dig­ten den­sel­ben Beschrän­kun­gen wie ein unmit­tel­bar durch das Ver­mö­gens­ge­setz begrün­de­ter Rück­ge­währ­an­spruch. Die Ent­schei­dung, ob und in wel­cher Höhe der Klä­ge­rin ein Steu­er­erstat­tungs­an­spruch zuste­he, oblie­ge somit den für die Durch­füh­rung des Ver­mö­gens­ge­set­zes zustän­di­gen Behör­den, nicht aber der Steu­er­ver­wal­tung.

Nach § 1 Abs. 7 VermG gilt das Gesetz ent­spre­chend für die Rück­ga­be von Ver­mö­gens­wer­ten, die im Zusam­men­hang mit der nach ande­ren Vor­schrif­ten erfolg­ten Auf­he­bung rechts­staats­wid­ri­ger (u.a.) ver­wal­tungs­recht­li­cher Ent­schei­dun­gen steht. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 3, der der Bun­des­fi­nanz­hof folgt, han­delt es sich bei die­ser Vor­schrift um eine Rechts­fol­gen­ver­wei­sung, wel­che die nach ande­ren Wie­der­gut­ma­chungs- oder Reha­bi­li­tie­rungs­vor­schrif­ten begrün­de­te Pflicht zur Rück­ga­be von Ver­mö­gens­wer­ten den Rege­lun­gen des VermG unter­wirft. Wird eine rechts­staats­wid­ri­ge Ver­mö­gens­ent­zie­hung nicht nach dem VermG, son­dern auf­grund ande­rer Vor­schrif­ten auf­ge­ho­ben, soll der ent­spre­chen­de Her­aus­ga­be­an­spruch des Geschä­dig­ten aus Grün­den der Gleich­be­hand­lung gleich­wohl den­sel­ben Beschrän­kun­gen wie ein durch das VermG begrün­de­ter Rück­ge­währ­an­spruch unter­lie­gen. Ist also auf einer ers­ten Stu­fe eine (u.a.) ver­wal­tungs­recht­li­che Ent­schei­dung der DDR, die zu einer Ver­mö­gens­ent­zie­hung geführt hat, als rechts­staats­wid­rig auf­ge­ho­ben wor­den und steht damit der Rück­ge­währ­an­spruch des Geschä­dig­ten dem Grun­de nach fest, wird auf der zwei­ten Stu­fe die nun­mehr rechts­grund­lo­se Ver­mö­gens­ent­zie­hung nach Maß­ga­be des VermG von den inso­weit zustän­di­gen Behör­den rück­ab­ge­wi­ckelt.

Die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 7 VermG lie­gen, so der Bun­des­fi­nanz­hof wei­ter, auch bei der Auf­he­bung rechts­staats­wid­ri­ger Steu­er­be­schei­de nach Art. 19 EinigVtr vor. Zu den "ande­ren Vor­schrif­ten" im Sin­ne die­ser Vor­schrift gehö­ren nicht nur die­je­ni­gen des VwRe­haG, wel­ches nach des­sen § 1 Abs. 1 Satz 2 auf Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen in Steu­er­sa­chen und auf Maß­nah­men, die vom VermG oder vom Ent­schä­di­gungs­ren­ten­ge­setz erfasst wer­den, kei­ne Anwen­dung fin­det, son­dern auch Art. 19 Satz 2 EinigVtr. Dies ergibt sich aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des VwRe­haG. Nach der Begrün­dung zum Ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung eines Zwei­ten Geset­zes zur Berei­ni­gung von SED-Unrecht hat­te sich Art. 19 Satz 2 EinigVtr als Rechts­grund­la­ge für die Auf­he­bung rechts­staats­wid­ri­ger Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen in Steu­er­sa­chen bewährt und soll­te hier­für auch nach dem Inkraft­tre­ten des VwRe­haG bestehen blei­ben, wes­halb die Anwend­bar­keit die­ses Geset­zes auf steu­er­recht­li­che Ent­schei­dun­gen der DDR für nicht erfor­der­lich gehal­ten wur­de 4. Somit lässt sich, so der Bun­des­fi­nanz­hof wei­ter, aus der Rege­lung in § 1 Abs. 1 Satz 2 VwRe­haG nicht schlie­ßen, dass die ver­mö­gens­recht­li­che Rück­ab­wick­lung rechts­staats­wid­ri­ger Steu­er­be­schei­de der DDR, die nach Art. 19 Satz 2 EinigVtr auf­ge­ho­ben wur­den, nicht in den Anwen­dungs­be­reich des VermG fällt.

Mit der Rück­zah­lung der auf­grund des Bescheids vom 17. August 1965 gezahl­ten Steu­ern begehrt die Klä­ge­rin somit die Rück­ga­be von Ver­mö­gens­wer­ten, die im Zusam­men­hang mit der Auf­he­bung einer rechts­staats­wid­ri­gen ver­wal­tungs­recht­li­chen Ent­schei­dung nach "ande­ren Vor­schrif­ten" (ande­re als sol­che des VermG), näm­lich nach Art. 19 Satz 2 EinigVtr, steht. Dass der Bescheid vom 17. August 1965 eine "ver­wal­tungs­recht­li­che Ent­schei­dung" ist, hält der Bun­des­fi­nanz­hof für zwei­fels­frei. Der in § 1 Abs. 1 Satz 2 VwRe­haG gere­gel­te Aus­schluss steu­er­recht­li­cher Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen lässt sich –ins­be­son­de­re in Anbe­tracht der vor­ste­hend erwähn­ten Moti­ve des Gesetz­ge­bers– auf § 1 Abs. 7 VermG nicht über­tra­gen.

Der mit Schrei­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen vom 27. April 2006, auf das sich die Revi­si­on beruft, ver­tre­te­nen Ansicht, wonach das VermG auf Maß­nah­men der Steu­er­ver­wal­tung der DDR grund­sätz­lich kei­ne Anwen­dung fin­det, ver­mag sich der Bun­des­fi­nanz­hof aus den dar­ge­leg­ten Grün­den nicht anzu­schlie­ßen. Zwei­fel­haft ist über­dies, ob das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um mit die­ser Aus­sa­ge über­haupt Fäl­le der vor­lie­gen­den Art, in denen der Steu­er­be­scheid nach Art. 19 Satz 2 EinigVtr auf­ge­ho­ben wor­den ist, gemeint hat, denn das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um führt ledig­lich aus, dass das VwRe­haG auf Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen in Steu­er­sa­chen kei­ne Anwen­dung fin­det und dass des­halb auch kei­ne Rück­ge­währ der Steu­ern nach dem VermG mög­lich ist. Dem ers­ten Satz in Abs. 5 die­ses Schrei­bens kann aber ent­nom­men wer­den, dass das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um eine Anwen­dung des VermG für mög­lich hält, wenn der DDR-Steu­er­be­scheid nach Art. 19 Satz 2 EinigVtr auf­ge­ho­ben wor­den ist.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 17. Febru­ar 2010 – VII R 41/​08

  1. Ver­trag zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik über die Her­stel­lung der Ein­heit Deutsch­lands (Eini­gungs­ver­trag –EinigVtr – ) vom 31. August 1990, BGBl II 1990, 889[]
  2. Sächs. FG, Urteil vom 12.08.2008 – 3 K 2037/​05[]
  3. BVerwG, Urteil vom 25.02.1999 – 7 C 9.98, BVerw­GE 108, 315[]
  4. BT-Drs. 12/​4994, S. 22[]