EU-Bei­trei­bungs­er­su­chen – und die Ein­wen­dun­gen gegen die Bekannt­ga­be des Leis­tungs­be­scheids

Im Rah­men der Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit der auf­grund des Bei­trei­bungs­er­su­chens künf­tig zu erwar­ten­den Voll­stre­ckung begeg­net es kei­nen Beden­ken, wenn das Gericht die Voll­stre­ckung wegen des unstrei­ti­gen Feh­lens einer Voll­stre­ckungs­vor­aus­set­zung, näm­lich eines der Form­vor­schrift des § 4 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EG-Bei­trG ent­spre­chen­den Zah­lungs­be­scheids in amt­li­cher Aus­fer­ti­gung oder beglau­big­ter Kopie, für unzu­läs­sig erklärt, aber klar­stel­lend ergänzt, dass dies nur so lan­ge gilt, bis der Man­gel besei­tigt ist.

EU-Bei­trei­bungs­er­su­chen – und die Ein­wen­dun­gen gegen die Bekannt­ga­be des Leis­tungs­be­scheids

Dies gilt jeden­falls solan­ge, wie man­gels bis­lang ergrif­fe­ner Voll­stre­ckungs­maß­nah­men noch kein Ein­griff in sei­ne Rechts­po­si­ti­on vor­liegt, der für unzu­läs­sig hät­te erklärt wer­den kön­nen und müs­sen, son­dern nur dem Fest­stel­lungs­in­ter­es­se durch die Bezeich­nung der feh­len­den Voll­stre­ckungs­vor­aus­set­zung Rech­nung zu tra­gen ist. Da die­ser Man­gel durch Nach­rei­chen des Zah­lungs­be­scheids in der gesetz­lich gebo­te­nen Form zu behe­ben ist, besteht kein schüt­zens­wer­tes Inter­es­se an einem voll­stän­dig neu­en Bei­trei­bungs­er­su­chen.

Dar­über hin­aus sind

  • die ver­meint­lich unwirk­sa­me Bekannt­ga­be des Zah­lungs­be­scheids an den Klä­ger (wegen feh­len­der Über­set­zung in die deut­sche Spra­che),
  • die vom Klä­ger behaup­te­te Anfech­tung die­ses Bescheids,
  • eine angeb­lich getrof­fe­ne Stun­dungs- bzw. Erlass­ver­ein­ba­rung mit der tsche­chi­schen Steu­er­be­hör­de und
  • der Ein­wand der For­de­rungs­ver­jäh­rung

wegen der in Art. 12 Abs. 1 bis 3 der Richt­li­nie 76/​308/​EWG des Rates vom 15.03.1976 über die gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung bei der Bei­trei­bung von For­de­run­gen im Zusam­men­hang mit Maß­nah­men, die Bestand­teil des Finan­zie­rungs­sys­tems des Euro­päi­schen Aus­rich­tungs- und Garan­tie­fonds für die Land­wirt­schaft sind, sowie von Abschöp­fun­gen und Zöl­len 1 bzw. der Richt­li­nie 2008/​55/​EG des Rates vom 26.05.2008 über die gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung bei der Bei­trei­bung von For­de­run­gen in Bezug auf bestimm­te Abga­ben, Zöl­le, Steu­ern und sons­ti­ge Maß­nah­men 2 fest­ge­leg­ten Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen den Mit­glied­staa­ten grund­sätz­lich nicht vom ersuch­ten Finanz­amt und nicht vom Finanz­ge­richt zu prü­fen sind. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs und des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 3, erlaubt es die­se Kom­pe­tenz­ver­tei­lung der ersuch­ten Behör­de, hier also dem Finanz­amt, grund­sätz­lich nicht, die mate­ri­el­le Rich­tig­keit der For­de­rung und die Voll­streck­bar­keit des Voll­stre­ckungs­ti­tels zu über­prü­fen.

Dem­ge­mäß obliegt auch die Über­prü­fung der Wirk­sam­keit oder Ord­nungs­ge­mäß­heit der Bekannt­ga­be bzw. Zustel­lung des Voll­stre­ckungs­ti­tels der Behör­de, die die Bekannt­ga­be bzw. Zustel­lung vor­ge­nom­men hat. Hat die um Bei­trei­bung ersu­chen­de Behör­de nicht auf das Zustel­lungs­ver­fah­ren nach der Richt­li­nie zurück­ge­grif­fen, son­dern ‑wie im Streit­fall- den Voll­stre­ckungs­ti­tel auf dem Post­weg per Ein­schrei­ben mit Rück­schein zuge­stellt, so hat grund­sätz­lich die­se Behör­de die Bekannt­ga­be nach Maß­ga­be der dor­ti­gen Rechts­vor­schrif­ten zu über­prü­fen (so jetzt auch klar­stel­lend Art. 14 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2010/​24/​EU des Rates vom 16.03.2010 über die Amts­hil­fe bei der Bei­trei­bung von For­de­run­gen in Bezug auf bestimm­te Steu­ern, Abga­ben und sons­ti­ge Maß­nah­men 4, wel­che dem seit 1.01.2012 in Kraft getre­te­nen EU-Bei­trG zugrun­de liegt).

Ein Aus­nah­me­fall, der sich bei einer Beein­träch­ti­gung der öffent­li­chen Ord­nung durch die Befol­gung des Bei­trei­bungs­er­su­chens in Deutsch­land ergä­be, liegt nicht vor. Im Hin­blick auf die ein­ge­hen­den und in Anwen­dung der EuGH-Recht­spre­chung 5 zutref­fen­den Aus­füh­run­gen des Finanz­ge­richt erüb­rigt sich eine wei­te­re Aus­ein­an­der­set­zung mit dem klä­ge­ri­schen Vor­brin­gen. Zwar beruft sich die Revi­si­on für ihre Auf­fas­sung, der Zah­lungs­be­scheid hät­te in deut­scher Spra­che bekannt­ge­ge­ben wer­den müs­sen, auf das genann­te EuGH, Urteil. Der Klä­ger hat sich jedoch in kei­ner Wei­se mit den zutref­fen­den Dar­le­gun­gen des Finanz­ge­richt aus­ein­an­der­ge­setzt, wonach sich der vor­lie­gen­de Fall von dem des EuGH dadurch unter­schei­det, dass hier ‑anders als in jenem EuGH-Fall- von der ersu­chen­den tsche­chi­schen Behör­de eine Direkt­zu­stel­lung an den Klä­ger vor­ge­nom­men wor­den ist, deren Wirk­sam­keit sich nach tsche­chi­schem Recht beur­teilt und des­halb der Über­prü­fung durch die ersuch­te Behör­de ent­zo­gen ist.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. Febru­ar 2015 – VII R 1/​14

  1. ABl.EG, Nr. L 73/​18[]
  2. ABl.EU, Nr. L 150/​28[]
  3. EuGH, Urteil vom 03.11.2010 – VII R 21/​10, BFHE 231, 500, BSt­Bl II 2011, 401; EuGH, Urteil vom 14.01.2010 C 233/​08, Kyri­an, Slg. 2010, – I 177[]
  4. ABl.EU Nr. L 84/​1[]
  5. EuGH, Urteil "Kyri­an" in Slg. 2010, I‑177[]