Feh­len­de Erfolgs­aus­sich­ten – und die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de

Nach § 126 Abs. 4 FGO ist eine Revi­si­on zurück­zu­wei­sen, wenn die Ent­schei­dungs­grün­de zwar eine Ver­let­zung des bestehen­den Rechts erge­ben, sich die Ent­schei­dung selbst aber aus ande­ren Grün­den als rich­tig dar­stellt. Die Vor­schrift ist im Ver­fah­ren über die Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on ent­spre­chend anzu­wen­den 1.

Feh­len­de Erfolgs­aus­sich­ten – und die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de

Der Bun­des­fi­nanz­hof folgt nicht den im Schrift­tum hier­ge­gen vor­ge­tra­ge­nen Beden­ken 2, denen zufol­ge die Revi­si­on bei Vor­lie­gen eines Zulas­sungs­grun­des unge­ach­tet der Erfolgs­aus­sich­ten zuzu­las­sen sei, andern­falls der Bun­des­fi­nanz­hof in Beschluss­be­set­zung über Rechts­fra­gen ent­schie­de, die grund­sätz­lich der Voll­se­nat zu ent­schei­den habe. Steht bereits im Beschwer­de­ver­fah­ren auf­grund der ihrer­seits nicht mit zuläs­si­gen und begrün­de­ten Zulas­sungs­rü­gen ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt zur Über­zeu­gung des dort zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Spruch­kör­pers fest, dass die Revi­si­on kei­ne Erfolgs­aus­sicht hat, so ist es bereits in den Maß­stä­ben der ein­zel­nen Zulas­sungs­grün­de des § 115 Abs. 2 FGO ange­legt, die Revi­si­on nicht zuzu­las­sen. Über die Zulas­sungs­grün­de hat aber gera­de die­ser Spruch­kör­per zu befin­den. Eine unzu­läs­si­ge Kom­pe­tenz­ver­schie­bung fin­det daher nicht statt.

Eine Rechts­fra­ge von etwai­ger grund­sätz­li­cher Bedeu­tung i.S. des § 115 Abs. 2 Nr. 1 FGO wäre in einem sol­chen Fall im Revi­si­ons­ver­fah­ren nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich und des­halb nicht klä­rungs­fä­hig 3. Ent­spre­chen­des gilt für die Rechts­fort­bil­dungs­re­vi­si­on i.S. des § 115 Abs. 2 Nr. 2 Halb­satz 1 FGO, da sie ein Spe­zi­al­fall der Grund­satz­re­vi­si­on ist. Bei der durch § 115 Abs. 2 Nr. 2 Halb­satz 2 FGO erfass­ten Diver­genz beur­teilt sich zwar grund­sätz­lich die Fra­ge der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der abwei­chend beant­wor­te­ten Rechts­fra­ge nach der Rechts­auf­fas­sung des Finanz­ge­richt. Nach § 115 Abs. 2 Nr. 2 Halb­satz 2 FGO muss aber die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung eine Ent­schei­dung des BFH "erfor­dern". Eine Rechts­fra­ge, zu der im Revi­si­ons­ver­fah­ren man­gels Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit außer­halb eines etwai­gen obiter dic­tum über­haupt kei­ne Aus­sa­gen mög­lich wären, ver­langt eine Ent­schei­dung des BFH im All­ge­mein­in­ter­es­se nicht, und im Inter­es­se der Betei­lig­ten ‑ein­schließ­lich der Kos­ten­in­ter­es­sen- liegt die Durch­füh­rung eines Revi­si­ons­ver­fah­rens und eine Ent­schei­dung durch den BFH erst recht nicht, wenn das Finanz­ge­richt, Urteil ohne­hin im Ergeb­nis rich­tig ist. Ver­fah­rens­män­gel i.S. des § 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO schließ­lich knüp­fen zwar eben­falls für die Fra­ge, ob die Ent­schei­dung im Sin­ne die­ser Vor­schrift auf ihnen beru­hen kann, an die Rechts­auf­fas­sung des Finanz­ge­richt an. Die­ser Zulas­sungs­grund ist indes in ers­ter Linie nicht von dem All­ge­mein­in­ter­es­se, son­dern dem Inter­es­se der Betei­lig­ten getra­gen, eine ver­fah­rens­recht­lich kor­rek­te Grund­la­ge für eine mate­ri­ell-recht­lich rich­ti­ge Ent­schei­dung her­bei­zu­füh­ren. Bei Ver­fah­rens­feh­lern, von denen bereits im Beschwer­de­ver­fah­ren fest­steht, dass sie sich auf die Ent­schei­dung im Ergeb­nis nicht aus­wir­ken, gin­ge daher die Zulas­sung der Revi­si­on oder die Zurück­ver­wei­sung nach § 116 Abs. 6 FGO über das Rechts­schutz­be­dürf­nis des unter­le­ge­nen Betei­lig­ten hin­aus 4. Damit gilt der Rechts­ge­dan­ke des § 126 Abs. 4 FGO im Rah­men aller Zulas­sungs­grün­de und kann all­ge­mein im Rah­men der Ent­schei­dung über die Zulas­sung der Revi­si­on ent­spre­chend ange­wandt wer­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 18. Juni 2015 – X B 20/​15

  1. vgl. dazu u.a. BFH, Beschlüs­se vom 16.07.2008 – X B 25/​08, BFH/​NV 2008, 1673; vom 12.12 2011 – VIII B 83/​11, BFH/​NV 2012, 726; vom 20.02.2012 – III B 107/​11, BFH/​NV 2012, 987; vom 11.12 2013 – I B 174/​12, BFH/​NV 2014, 665; vom 25.06.2014 – VII B 210/​13, BFH/​NV 2014, 1714; vom 18.11.2014 – V B 54/​14, BFH/​NV 2015, 223; vom 06.02.2015 – IX B 97/​14, BFH/​NV 2015, 821[]
  2. vgl. Gräber/​Ruban, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 116 Rz 56[]
  3. zu die­sem Aspekt aus­drück­lich bereits der BFH, Beschluss in BFH/​NV 2008, 1673[]
  4. eben­so im Ergeb­nis für die­sen Zulas­sungs­grund Gräber/​Ruban, a.a.O., § 115 Rz 98[]