Fest­set­zungs­frist bei Zins­be­schei­den

Auf Zin­sen und damit auch Pro­zess­zin­sen sind die für Steu­ern gel­ten­den Vor­schrif­ten ent­spre­chend anzu­wen­den, jedoch beträgt die Fest­set­zungs­frist ein Jahr (§ 239 Abs. 1 Satz 1 AO).

Fest­set­zungs­frist bei Zins­be­schei­den

Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis wer­den nur ver­zinst, soweit dies gesetz­lich vor­ge­schrie­ben ist (§ 233 Satz 1 AO). Wird durch eine rechts­kräf­ti­ge gericht­li­che Ent­schei­dung oder auf Grund einer sol­chen Ent­schei­dung eine fest­ge­setz­te Steu­er her­ab­ge­setzt oder eine Steu­er­ver­gü­tung gewährt, so ist der zu erstat­ten­de oder zu ver­gü­ten­de Betrag nach § 236 Abs. 1 AO vom Tag der Rechts­hän­gig­keit an bis zum Aus­zah­lungs­tag zu ver­zin­sen. Absatz 1 ist ent­spre­chend anzu­wen­den, wenn sich der Rechts­streit ‑wie im Streit­fall- durch Ände­rung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes erle­digt hat. Auf (Prozess-)Zinsen sind die für Steu­ern gel­ten­den Vor­schrif­ten ent­spre­chend anzu­wen­den, jedoch beträgt die Fest­set­zungs­frist ein Jahr (§ 239 Abs. 1 Satz 1 AO). Die Fest­set­zungs­frist beginnt in den Fäl­len des § 236 AO mit Ablauf des Kalen­der­jah­res, in dem die Steu­er erstat­tet wor­den ist (§ 239 Abs. 1 Satz 2 Nr. 4 AO).

Die Fest­set­zungs­ver­jäh­rung tritt auch dann ein, wenn die Behör­de "falsch" (im Sin­ne von ver­schul­det) gehan­delt hat.

Ein Ver­schul­den des Finanz­am­tes ührt im Regel­fall nicht dazu, dass ein Steu­er­be­scheid nach Ein­tritt der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung noch zuguns­ten des Steu­er­pflich­ti­gen zu ändern ist1. Der Sinn und Zweck von Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten liegt gera­de dar­in, Rechts­frie­den unab­hän­gig davon ein­tre­ten zu las­sen, ob die Behör­de eine Ent­schei­dung rechts­feh­ler­haft getrof­fen oder unter­las­sen hat. Ob dies aus­nahms­wei­se anders sein kann, wenn das Finanz­amt durch eige­nes akti­ves Tun einen Ver­trau­ens­tat­be­stand geschaf­fen hat, konn­te in dem BFH, Urteil in BFHE 191, 198, BSt­Bl II 2000, 330, Rz 12 a.E. offen blei­ben, da ein sol­cher Fall nicht vor­lag.

Da auf Zin­sen die für die Steu­ern gel­ten­den Vor­schrif­ten ent­spre­chend anzu­wen­den sind (§ 239 Abs. 1 Satz 1 AO), führt auch ein Ver­schul­den des Finanz­amt bei der Nicht­fest­set­zung von Zin­sen grund­sätz­lich nicht dazu, dass zuguns­ten des Steu­er­pflich­ti­gen nach Ablauf der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung noch ein Zins­be­scheid zu erlas­sen ist. Ein Aus­nah­me­fall im Sin­ne der o.g. BFH-Recht­spre­chung ist vor­lie­gend aus­ge­schlos­sen, da die Finanz­ver­wal­tung nicht durch akti­ves Tun einen Ver­trau­ens­tat­be­stand beim Steu­er­pflich­ti­gen geschaf­fen hat, dass recht­zei­tig vor Ablauf der Fest­set­zungs­frist ein Zins­be­scheid erlas­sen wer­de. Viel­mehr ist die Fest­set­zungs­frist abge­lau­fen, weil das Finanz­amt über­haupt nicht "aktiv" tätig gewor­den ist.

Ob die unter­las­se­ne Fest­set­zung von Pro­zess­zin­sen im Hin­blick auf die ‑eine Fest­set­zung von Amts wegen regeln­de- Ver­wal­tungs­an­wei­sung in § 236 Nr. 6 des Anwen­dungs­er­las­ses zur Abga­ben­ord­nung einen Anspruch der Steu­er­pflich­ti­gein aus Amts­haf­tung wegen schuld­haf­ter Amts­pflicht­ver­let­zung nach § 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG begrün­det, konn­te der Bun­des­fi­nanz­hof hier dahin ste­hen las­sen. Abge­se­hen davon, dass für die Gel­tend­ma­chung eines der­ar­ti­gen Anspruchs nicht die Finanz­ge­richts­bar­keit, son­dern die ordent­li­chen Gerich­te (Land­ge­rich­te) zustän­dig sind (Art. 34 Satz 3 GG i.V.m. § 71 Abs. 2 Nr. 2 GVG), ist ein Amts­haf­tungs­an­spruch als eine auf den Staat über­ge­lei­te­te Beam­ten­haf­tung nur auf Geld­ersatz gerich­tet und nicht auf Natu­ral­re­sti­tu­ti­on durch Vor­nah­me oder Unter­las­sen einer Amts­hand­lung2. Die Beja­hung eines Amts­haf­tungs­an­spruchs hät­te somit nicht zur Fol­ge, dass die gesetz­li­chen Vor­schrif­ten zur Fest­set­zungs­ver­jäh­rung außer Kraft gesetzt wer­den und ein Zins­be­scheid zu erlas­sen wäre. Im Übri­gen wäre zu berück­sich­ti­gen, dass die Ersatz­pflicht nicht ein­tritt, wenn der Ver­letz­te vor­sätz­lich oder fahr­läs­sig unter­las­sen hat, den Scha­den durch Gebrauch eines "Rechts­mit­tels" abzu­wen­den (§ 839 Abs. 3 BGB). Rechts­mit­tel in die­sem Sin­ne sind nicht nur die Rechts­mit­tel im tech­ni­schen Sin­ne. Der Begriff der Rechts­mit­tel ist hier viel­mehr weit zu fas­sen, es sind alle Rechts­be­hel­fe dar­un­ter zu ver­ste­hen, die sich unmit­tel­bar gegen die schä­di­gen­de Amts­hand­lung oder ihr Unter­las­sen rich­ten und die ihre Besei­ti­gung bezwe­cken und ermög­li­chen. Dem­ge­mäß ist auch schon die ein­fa­che Nach­fra­ge bei der zustän­di­gen Behör­de oder bei Unter­las­sun­gen ‑ein Antrag auf Tätig­wer­den der Behör­de- ein "Rechts­mit­tel" im Sin­ne der erläu­ter­ten Vor­schrift3. Für einen Antrag oder eine Nach­fra­ge bei der zustän­di­gen Finanz­be­hör­de besteht jeden­falls dann Anlass, wenn die­se auch meh­re­re Mona­te nach Erlass der Ände­rungs­be­schei­de und Erstat­tung der Umsatz­steu­er noch kei­ne Fest­set­zung von Pro­zess­zin­sen vor­nimmt.

Die­se Frist darf auch auf einen uni­ons­recht­li­chen Erstat­tungs­an­spruch ange­wen­det wer­den.

Der Vor­schrift über die Fest­set­zung der Zin­sen in § 239 AO kommt rein ver­fah­rens­recht­li­che Bedeu­tung zu4. Auf dem Gebiet des Ver­fah­rens­rechts feh­len uni­ons­recht­li­che Vor­schrif­ten, sodass die Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens­rechts grund­sätz­lich Sache der ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten ist (Grund­satz der Ver­fah­rens­au­to­no­mie). Die­se haben dabei aller­dings den Effek­ti­vi­täts­grund­satz sowie das Äqui­va­lenz­prin­zip zu beach­ten5. Die Aus­ge­stal­tung der Fest­set­zungs­frist für Pro­zess­zin­sen in § 239 AO ver­stößt nicht gegen die­se uni­ons­recht­li­chen Grund­sät­ze:

Ein Ver­stoß der natio­na­len Ver­jäh­rungs­vor­schrift gegen den Äqui­va­lenz­grund­satz6 liegt schon des­halb nicht vor, weil § 239 AO in glei­cher Wei­se für Erstat­tungs­an­sprü­che gilt, die sich aus natio­na­lem Recht erge­ben wie auch für Erstat­tungs­an­sprü­che, die sich ‑wie im Streit­fall- unter Beru­fung auf das Uni­ons­recht erge­ben.

Zum Effek­ti­vi­täts­grund­satz hat der EuGH ent­schie­den, dass die Fest­le­gung ange­mes­se­ner Aus­schluss­fris­ten für die Rechts­ver­fol­gung im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit, die zugleich den Abga­be­pflich­ti­gen und die Behör­de schützt, mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar ist, und dass sol­che Fris­ten nicht geeig­net sind, die Aus­übung der durch die Uni­ons­rechts­ord­nung ver­lie­he­nen Rech­te prak­tisch unmög­lich zu machen oder über­mä­ßig zu erschwe­ren7. Dem ent­spre­chend hat der Bun­des­fi­nanz­hof im Urteil vom 28.08.20148 erkannt, dass die für Steu­er­an­sprü­che gel­ten­de Ver­jäh­rungs­frist des § 169 Abs. 2 Nr. 1 AO vor­ge­se­he­ne Fest­set­zungs­frist nicht gegen das Effek­ti­vi­täts­prin­zip ver­stößt.

Der Streit­fall betrifft nicht die Ver­jäh­rung von Steu­er­an­sprü­chen, da es sich bei den Pro­zess­zin­sen ledig­lich um steu­er­li­che Neben­leis­tun­gen (§ 3 Abs. 4 AO) han­delt. Es ist daher bereits frag­lich, ob es sich bei die­sen um "durch die Uni­ons­ord­nung ver­lie­he­ne Rech­te" han­delt. Jeden­falls ist weder von der Steu­er­pflich­ti­gein dar­ge­legt wor­den noch für den Bun­des­fi­nanz­hof ersicht­lich, dass die Gel­tend­ma­chung von Pro­zess­zin­sen durch eine Ver­jäh­rungs­frist von einem Jahr, die zudem erst mit Ablauf des Kalen­der­jah­res beginnt, in dem die Steu­er erstat­tet oder aus­ge­zahlt wor­den ist (§ 239 Abs. 1 Nr. 4 AO), prak­tisch unmög­lich gemacht oder über­mä­ßig erschwert wür­de.

Der Bun­des­fi­nanz­hof ist nicht durch den ‑vor­sorg­lich gestell­ten- Antrag auf Aus­set­zung des Ver­fah­rens nach § 74 FGO an einer Ent­schei­dung über die Beschwer­de gehin­dert. Eine Aus­set­zung des Beschwer­de­ver­fah­rens ent­spre­chend § 74 FGO zur Durch­füh­rung eines Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens vor dem EuGH kommt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH nicht in Betracht9. Im Ver­fah­ren der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ist nur über den Zugang zum BFH zu ent­schei­den, erst in einem anschlie­ßen­den Revi­si­ons­ver­fah­ren wird dann über die Vor­la­ge­pflicht nach den dafür maß­ge­ben­den Kri­te­ri­en ent­schie­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 8. Sep­tem­ber 2015 – V B 5/​15

  1. BFH, Urteil vom 19.08.1999 – III R 57/​98, BFHE 191, 198, BSt­Bl II 2000, 330 []
  2. BFH, Beschluss vom 19.09.2008 – IX B 108/​08; unter Hin­weis auf BGH, Urteil vom 22.05.2003 – III ZR 32/​02, NVwZ 2003, 1285 []
  3. vgl. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 02.12 1993 – 18 U 92/​93, NJW-RR 1995, 13 []
  4. vgl. Rüs­ken in Klein, Kom­men­tar zur AO, § 239 Rz 1; Kögel in Beermann/​Gosch, AO/​FGO, § 239 Rz 6.01. []
  5. vgl. zuletzt EuGH, Urteil vom 12.02.2015 – C‑662/​13, Surgicare/​Unidades de Saú­de SA, HFR 2015, 422, Rz 26, m.w.N. []
  6. vgl. hier­zu EuGH, Urteil vom 19.07.2012, – C‑591/​10, Litt­le­woods Retail, EU:C:2012:478, UR 2012, 772, Rz 31 []
  7. EuGH, Urteil vom 15.12 2011 – C‑427/​10, Ban­ca Anto­nia­na Popola­re Vene­ta, EU:C:2011:844, UR 2012, 184, Rz 24 []
  8. BFH, Urteil vom 28.08.2014 – V R 8/​14, BFHE 247, 21, BSt­Bl II 2015, 3 []
  9. BFH, Beschlüs­se vom 06.06.2003 – III B 98/​02, BFH/​NV 2003, 1214; vom 14.05.2002 – VII B 76/​01; sowie vom 29.10.1998 – V B 87/​98, BFH/​NV 1999, 681 []