Fest­stel­lun­gen im Straf­ur­teil – und ihre Ver­wer­tung durch das Finanz­ge­richt

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs kön­nen die in straf­recht­li­chen Ermitt­lun­gen oder in einem Straf­ur­teil getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren ver­wer­tet wer­den, es sei denn, die Betei­lig­ten erhe­ben gegen die Fest­stel­lun­gen sub­stan­ti­ier­te Ein­wen­dun­gen und stel­len ent­spre­chen­de Beweis­an­trä­ge, die das Finanz­ge­richt nach den all­ge­mei­nen für die Beweis­erhe­bung gel­ten­den Grund­sät­zen nicht unbe­ach­tet las­sen kann [1].

Fest­stel­lun­gen im Straf­ur­teil – und ihre Ver­wer­tung durch das Finanz­ge­richt

Dies gilt auch für den Fall, dass Ver­neh­mungs­pro­to­kol­le oder Straf­ur­tei­le ande­re Tat­be­tei­lig­te betref­fen [2].

Die­se von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze kön­nen auch auf Fäl­le über­tra­gen wer­den, in denen der in Anspruch genom­me­ne Steu­er­schuld­ner wegen einer Straf­tat ver­ur­teilt wor­den ist, der ein ande­rer Sach­ver­halt zugrun­de liegt, wenn die­ser Sach­ver­halt aber gege­be­nen­falls Rück­schlüs­se auf den strei­ti­gen Sach­ver­halt zulässt.

Soweit sich in der hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de dem Vor­brin­gen des Klä­gers die Rüge des Ver­fah­rens­man­gels eines Ver­sto­ßes gegen die Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me (§ 81 Abs. 1 FGO) ent­neh­men las­sen soll­te, ist der Ver­fah­rens­man­gel nicht hin­rei­chend dar­ge­legt. In der münd­li­chen Ver­hand­lung hat der anwalt­lich ver­tre­te­ne Klä­ger in Bezug auf das gegen ihn ergan­ge­ne Straf­ur­teil und des­sen Ver­wer­tung kei­ne Beweis­an­trä­ge gestellt. In der Kla­ge­be­grün­dung hat er die Ver­ur­tei­lung in ande­rer Sache ‑näm­lich wegen Steu­er­heh­le­rei für den Kauf von 464 Stan­gen unver­steu­er­ter Ziga­ret­ten- zwar erwähnt, jedoch kei­ne Ein­wen­dun­gen gegen die in dem Straf­ur­teil getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen erho­ben, son­dern ledig­lich die Bei­zie­hung die­ser Akten bean­tragt und aus­ge­führt, allein aus der Tat­sa­che, dass er rechts­kräf­tig wegen einer ande­ren Tat ver­ur­teilt wor­den sei, las­se sich nicht der Schluss auf eine wei­te­re Tat zie­hen. Erst in der Beschwer­de­be­grün­dung hat er dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Ein­wen­dun­gen gegen eine Über­nah­me der vom Straf­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen im „Haf­tungs­ver­fah­ren“ erho­ben wor­den sei­en. Unklar bleibt, wel­ches Haf­tungs­ver­fah­ren ‑oder Haft­ver­fah­ren- gemeint sein soll. Jeden­falls kann dem Vor­brin­gen nicht ent­nom­men wer­den, dass das Finanz­ge­richt von der Gel­tend­ma­chung sol­cher Ein­wen­dun­gen hät­te aus­ge­hen müs­sen, zumal die­se der Kla­ge­be­grün­dung nicht ent­nom­men wer­den kön­nen.

Schließ­lich lässt sich die all­ge­mein gehal­te­ne Fra­ge zur Zuläs­sig­keit der Über­nah­me von Fest­stel­lun­gen im Straf­ver­fah­ren in ande­rer Sache nicht ein­heit­lich für alle denk­ba­ren Fall­kon­stel­la­tio­nen beant­wor­ten. Denn der Begriff „in ande­rer Sache“ lässt sich in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen deu­ten. Es kann sich um Ver­neh­mungs­pro­to­kol­le oder Straf­ur­tei­le han­deln, die ande­re Tat­be­tei­lig­te, ande­re Per­so­nen oder den Steu­er­pflich­ti­gen selbst betref­fen. Dar­über hin­aus sind die beson­de­ren Umstän­de der Tat und der Zusam­men­hang zu berück­sich­ti­gen, in dem der vom Straf­ur­teil erfass­te Sach­ver­halt mit dem Sach­ver­halt des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens steht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 12. Janu­ar 2016 – VII B 148/​15

  1. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 19.01.2012 – VII B 88/​11, BFH/​NV 2012, 761; und vom 10.01.1978 – VII R 106/​74, BFHE 124, 305, BStBl II 1978, 311[]
  2. BFH, Beschluss vom 24.05.2013 – VII B 155/​12, BFH/​NV 2013, 1613[]