Frist­ge­rech­te Reak­ti­on auf eine Aus­schluss­frist – und sei­ne Zurück­wei­sung

Eine Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) und der Sach­auf­klä­rungs­pflicht nach § 76 Abs. 1 FGO kann gege­ben sein, wenn das Finanz­ge­richt das Vor­brin­gen eines Klä­gers zu Unrecht gemäß § 79b Abs. 3 FGO zurück­weist1.

Frist­ge­rech­te Reak­ti­on auf eine Aus­schluss­frist – und sei­ne Zurück­wei­sung

Nach die­ser Vor­schrift kön­nen Erklä­run­gen und Beweis­mit­tel u.a. nur dann zurück­ge­wie­sen wer­den, wenn das Finanz­ge­richt Fris­ten i.S. von § 79b Abs. 1 Satz 1 oder Abs. 2 FGO wirk­sam gesetzt hat und der Steu­er­pflich­ti­ge die­sen Pflich­ten in unent­schuld­ba­rer Wei­se nicht nach­ge­kom­men ist2.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof beur­teil­ten Fall hat das Finanz­ge­richt zu Unrecht den Vor­trag des Klä­gers in der münd­li­chen Ver­hand­lung allein unter Hin­weis auf den Ablauf der mit Ver­fü­gung vom 26.01.2012 gesetz­ten Frist ‑am 5.03.2012- unbe­ach­tet gelas­sen.

Zum einen hat­te der Klä­ger inner­halb der gesetz­ten Frist auf die Ver­fü­gung mit dem zutref­fen­den Hin­weis reagiert, die die Auf­for­de­rung betref­fen­den Unter­la­gen lägen noch dem Finanz­amt vor.

Zum ande­ren hat der Klä­ger auf die Ver­fü­gung des Finanz­ge­richt vom 31.05.2012, nach Ein­gang die­ser vom Finanz­amt über­sand­ten Unter­la­gen wer­de "nun­mehr bis zum 25.06.2012 die Vor­la­ge einer detail­lier­ten, nach­voll­zieh­ba­ren Berech­nung der gel­tend gemach­ten nega­ti­ven Ein­nah­men aus Kapi­tal­ver­mö­gen erwar­tet", mit Schrei­ben vom 20.06.2012 Stel­lung genom­men und aus­ge­führt, "beim Ver­gleich der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 08.03.2010 mit dem Inhalt der über­sand­ten Kopi­en erge­be sich, dass das Finanz­amt bei der Steu­er­fest­set­zung vom 08.03.2010 nach­ge­wie­se­ne Ein­nah­men in Höhe von ./.08.132, 10 EUR nicht berück­sich­tigt habe. Die für die Ermitt­lung die­ses Betra­ges erfor­der­li­chen Details sei­en in ‑im Ein­zel­nen enu­me­ra­tiv auf­ge­lis­te­ten- Bele­gen auf­ge­führt. Somit sei die Berech­nung mit den vor­lie­gen­den Unter­la­gen nach­voll­zieh­bar. Soll­te das Finanz­ge­richt trotz­dem noch Fra­gen haben, bit­te er, die­se kon­kret zu nen­nen".

Selbst wenn das Finanz­ge­richt die­se Aus­füh­run­gen nicht als hin­rei­chen­de Beant­wor­tung sei­ner Ver­fü­gung vom 31.05.2012 hät­te anse­hen dür­fen, konn­te es die ergän­zen­den Erläu­te­run­gen des Klä­gers in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht ohne Sach­prü­fung des Vor­trags allein wegen Ablaufs der am 26.01.2012 gesetz­ten Aus­schluss­frist zurück­wei­sen. Denn auf die­se Frist hat­te der Klä­ger frist­ge­recht reagiert.

Die Auf­for­de­rung des Gerichts vom 31.05.2012 zu ergän­zen­den Aus­füh­run­gen war dem­ge­gen­über schon des­halb kei­ne Auf­for­de­rung nach § 79b FGO, weil sie kei­nen Hin­weis dar­auf ent­hielt, dass das Gericht nach Ablauf einer bestimm­ten Frist ein­ge­hen­den Vor­trag nach Maß­ga­be des § 79b Abs. 3 FGO zurück­wei­sen wer­de.

Bei die­ser Sach­la­ge hät­te es der Anspruch des Klä­gers auf recht­li­ches Gehör nach § 96 Abs. 2 FGO gebo­ten, nicht ohne sach­li­che Beur­tei­lung des Vor­trags in der münd­li­chen Ver­hand­lung über die Kla­ge zu ent­schei­den3.

Soweit sich das Finanz­ge­richt mit Blick auf die im Pro­to­koll doku­men­tier­te Auf­fas­sung des Finanz­amt, in der münd­li­chen Ver­hand­lung zu dem neu­en Vor­trag noch nicht Stel­lung neh­men zu kön­nen, an einer abschlie­ßen­den Ent­schei­dung über die­sen Vor­trag gehin­dert gese­hen hat, hät­te es des­halb zur Wah­rung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör nach § 96 Abs. 2 FGO die Sache ver­ta­gen müs­sen4.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 15. April 2015 – VIII R 65/​13

  1. BFH, Beschluss vom 01.08.2005 – X B 28/​05, BFH/​NV 2005, 2038 []
  2. vgl. BFH, Beschluss vom 14.08.2008 – X B 212/​07 []
  3. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 30.10.2007 – VIII B 153/​06, BFH/​NV 2008, 389; vom 27.05.2008 – IX B 12/​08, BFH/​NV 2008, 1509; vom 24.09.2008 – I B 58/​08, BFH/​NV 2009, 176; vom 21.04.2009 – I B 178/​08, BFH/​NV 2009, 1596, zum Ver­fah­rens­feh­ler durch erkenn­ba­re Nicht­be­rück­sich­ti­gung eines Vor­trags in der münd­li­chen Ver­hand­lung []
  4. zum Anspruch auf Ver­ta­gung bei neu­em Vor­trag BFH, Beschluss vom 10.08.2005 – I B 27/​05, BFH/​NV 2006, 133, m.w.N. []