Frü­her Ver­hand­lungs­ter­min trotz lan­ger Anrei­se?

Nach § 155 FGO i.V.m. § 227 Abs. 1 ZPO kann das Gericht "aus erheb­li­chen Grün­den" auf Antrag oder von Amts wegen einen Ter­min auf­he­ben oder ver­le­gen. Lie­gen erheb­li­che Grün­de i.S. von § 227 ZPO vor, ver­dich­tet sich das in die­ser Vor­schrift ein­ge­räum­te Ermes­sen zu einer Rechts­pflicht.

Frü­her Ver­hand­lungs­ter­min trotz lan­ger Anrei­se?

Der Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung muss dann zur Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs ver­legt wer­den, selbst wenn das Gericht die Sache für ent­schei­dungs­reif hält und die Erle­di­gung des Rechts­streits durch die Ver­le­gung ver­zö­gert wird. Wel­che Grün­de als erheb­lich anzu­se­hen sind, rich­tet sich nach den Ver­hält­nis­sen des Ein­zel­fal­les. Der Pro­zess­stoff und die per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se der Betei­lig­ten sind dabei eben­so zu berück­sich­ti­gen wie der Umstand, dass das Finanz­ge­richt im steu­er­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren die ein­zi­ge Tat­sa­chen­in­stanz ist und die Betei­lig­ten ein Recht dar­auf haben, ihre Sache in einer münd­li­chen Ver­hand­lung vor­zu­tra­gen 1.

Zwar hat das Gericht im Rah­men sei­nes Ermes­sens soweit wie mög­lich Ter­min­wün­sche der Betei­lig­ten zu berück­sich­ti­gen. Wegen des Grund­sat­zes der Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung gebührt der Ter­min­pla­nung des Gerichts aber in der Regel Vor­rang 2. Blo­ße Unan­nehm­lich­kei­ten der Betei­lig­ten, um den Ter­min pünkt­lich wahr­neh­men zu kön­nen (wie bei­spiels­wei­se eine frü­he Anrei­se oder eine Hotel­über­nach­tung), rei­chen in der Regel für die Annah­me eines erheb­li­chen Grun­des zur Ter­min­ver­le­gung nicht aus 3.

m Streit­fall ist jedoch zu berück­sich­ti­gen, dass der Ter­min­ver­le­gungs­an­trag des Klä­gers bereits am 20.05.2013, also rund fünf Mona­te vor dem Sit­zungs­ter­min, beim Finanz­ge­richt ein­ging und eine Statt­ga­be sei­nes Antrags es dem Klä­ger ermög­licht hät­te, in sei­nem Rechts­streit mit dem in abso­lu­ter Höhe nur gerin­gen Streit­wert münd­lich zu ver­han­deln, ohne dass Über­nach­tungs­kos­ten ange­fal­len wären. Unter Berück­sich­ti­gung die­ser beson­de­ren Umstän­de stellt sich die Fra­ge, ob die Ableh­nung der Ver­le­gung der münd­li­chen Ver­hand­lung auf den Nach­mit­tag aus ‑vom Finanz­ge­richt nicht näher dar­ge­leg­ten- orga­ni­sa­to­ri­schen Grün­den noch eine ermes­sens­ge­rech­te Ent­schei­dung der Vor­sit­zen­den des zustän­di­gen Bun­des­fi­nanz­hofs des Finanz­ge­richt dar­stellt.

Der Bun­des­fi­nanz­hof kann die­se Fra­ge im Streit­fall jedoch offen las­sen. Sie wür­de sich in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se nur dann stel­len, wenn der Klä­ger tat­säch­lich nicht zu dem anbe­raum­ten Ter­min erschie­nen wäre. Da er aber erschie­nen ist und in der münd­li­chen Ver­hand­lung die Mög­lich­keit hat­te, dem Finanz­ge­richt den aus sei­ner Sicht ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt und die maß­ge­ben­den recht­li­chen Argu­men­te vor­zu­tra­gen, ist sei­nem Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs auch dann Genü­ge getan, wenn sein Erschei­nen als über­ob­li­ga­ti­ons­mä­ßig anzu­se­hen sein soll­te.

Es wäre indes aus Sicht des Bun­des­fi­nanz­hofs wün­schens­wert, wenn es dem Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg in Anbe­tracht der geo­gra­phi­schen Lage des Gerichts in Cott­bus ver­stärkt gelin­gen könn­te, die län­ge­ren Anfahrts­we­ge der Betei­lig­ten in sei­ner Ter­mi­nie­rung zu berück­sich­ti­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. Juli 2015 – X R 41/​13

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung des BFH, vgl. z.B. Urteil vom 20.03.1992 – VI R 125/​87, BFH/​NV 1993, 105, unter 1., m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Beschluss vom 07.10.2010 – II S 26/​10 (PKH), BFH/​NV 2011, 59, unter II. 2.e, m.w.N.[]
  3. BFH, Beschluss vom 10.03.2015 – V B 108/​14, BFH/​NV 2015, 849, Rz 3[]