Gemein­nüt­zig­keit im Aus­land

Kör­per­schaf­ten, die nach ihrer Sat­zung und nach ihrer tat­säch­li­chen Geschäfts­füh­rung aus­schließ­lich und unmit­tel­bar gemein­nüt­zi­gen Zwe­cken die­nen, sind von der Kör­per­schaft­steu­er befreit. Sie sind dies nach dem gel­ten­den Geset­zes­recht jedoch nicht, wenn sie beschränkt steu­er­pflich­tig sind, also über inlän­di­sche Ein­künf­te ver­fü­gen, im Inland aber weder Geschäfts­lei­tung noch Sitz haben.

Gemein­nüt­zig­keit im Aus­land

Die­se steu­er­li­che Ungleich­be­hand­lung gemein­nüt­zi­ger inlän­di­scher und aus­län­di­scher Kör­per­schaf­ten hat­te den 1. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs im Juli 2004 bewo­gen, den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten anzu­ru­fen und die­sen zu fra­gen, ob dar­in ein Ver­stoß gegen die EG-recht­li­chen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te zu sehen sei. Der EuGH hat das durch Urteil vom 14. Sep­tem­ber 2006 C‑386/​04 ("Cen­tro die Musi­co­lo­gia Wal­ter Stauf­fer") bejaht. Der BFH hat im Anschluss dar­an nun ent­schie­den, dass § 5 Abs. 2 Nr. 3 (jetzt § 5 Abs. 2 Nr. 2) des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes, der beschränkt steu­er­pflich­ti­ge gemein­nüt­zi­ge Kör­per­schaf­ten der Kör­per­schaft­steu­er­pflicht unter­wirft, inner­halb der Euro­päi­schen Gemein­schaft nicht anzu­wen­den ist.

Der BFH hat zugleich grund­le­gen­de Aus­sa­gen zu den Vor­aus­set­zun­gen der Gemein­nüt­zig­keit gemacht, die nicht nur die Steu­er­be­frei­ung der Kör­per­schaft, son­dern glei­cher­ma­ßen die Abzugs­fä­hig­keit "grenz­über­schrei­ten­der" Spen­den für steu­er­be­güns­tig­te Zwe­cke (nach § 10b des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes) betref­fen:

Auch eine aus­län­di­sche Kör­per­schaft muss den deut­schen Gemein­nüt­zig­keits­an­for­de­run­gen ent­spre­chen; die steu­er­li­che Aner­ken­nung als gemein­nüt­zig im Aus­land genügt nicht. Es muss hier­nach sicher­ge­stellt sein, dass die aus­län­di­sche Kör­per­schaft ihre gemein­nüt­zi­gen Zwe­cke tat­säch­lich ver­folgt. Um eine wirk­sa­me Steu­er­auf­sicht zu ermög­li­chen, ist sie gehal­ten, an der not­wen­di­gen Sach­aufklärung mit­zu­wir­ken. Auf der ande­ren Sei­te ver­folgt eine Kör­per­schaft gemein­nüt­zi­ge Zwe­cke nach Maß­ga­be des deut­schen Rechts auch dann, wenn sie ihre Zwe­cke aus­nahms­los oder über­wie­gend im Aus­land erfüllt, bei­spiels­wei­se im Rah­men der Ent­wick­lungs­hil­fe. Bei einer Stif­tung reich­te es bis­lang für die Befrei­ung von for­mel­len Sat­zungs­er­for­der­nis­sen über­dies aus, wenn sie einer aus­län­di­schen Stif­tungs­auf­sicht unter­fiel, solan­ge die­se Auf­sicht dem Min­dest­stan­dard der Stif­tungs­auf­sicht der deut­schen Bun­des­län­der ent­sprach. Durch das Jah­res­steu­er­ge­setz 2007 hat der Gesetz­ge­ber steu­er­li­che Sat­zungs­er­leich­te­run­gen für auf­sichts­pflich­ti­ge Stif­tun­gen (in § 62 der Abga­ben­ord­nung) aller­dings gene­rell – also auch für inlän­di­sche Stif­tun­gen – ersatz­los gestri­chen.

Im Urteils­fall ging es um eine Stif­tung ita­lie­ni­schen Rechts mit Sitz in Ita­li­en, die nach ihrer Sat­zung Aus­bil­dungs- und Erzie­hungs­zwe­cke ver­folg­te und Stu­di­en­bei­hil­fen an "jun­ge Schwei­zer" gewähr­te. Sie war Eigen­tü­me­rin eines Geschäfts­grund­stücks in Deutsch­land. Die dar­aus erziel­ten Ver­mie­tungs­ein­künf­te hat das Finanz­amt, wie jetzt fest­steht, im Grund­satz zu Unrecht der Kör­per­schaft­steu­er unter­wor­fen.

1. Eine Stif­tung för­dert auch dann die All­ge­mein­heit i.S. des § 52 Abs. 1 AO 1977, wenn sie ihre Zwe­cke aus­nahms­los oder über­wie­gend im Aus­land erfüllt (gegen BMF-Schrei­ben vom 20. Sep­tem­ber 2005, BSt­Bl I 2005, 902) und ihre För­de­rung vor­zugs­wei­se auf die Jugend eines Staa­tes (hier: der Schweiz) oder einer Stadt (hier: Bern) beschränkt ist.

2. Die for­mel­le Sat­zungs­mä­ßig­keit nach § 59 AO 1977 erfor­dert hin­sicht­lich der steu­er­be­güns­tig­ten Zweck­ver­fol­gung nicht die aus­drück­li­che Ver­wen­dung der Begrif­fe "aus­schließ­lich" und "unmit­tel­bar" (eben­falls gegen BMF-Schrei­ben vom 20. Sep­tem­ber 2005, BSt­Bl I 2005, 902).

3. Die sat­zungs­mä­ßi­ge Ver­mö­gens­bin­dung (§ 61 Abs. 1 AO 1977) ist bei einer staat­lich beauf­sich­tig­ten Stif­tung –jeden­falls im Grund­satz und inner­halb der EU– auch dann nach § 62 AO 1977 i.d.F. vor Ände­rung durch das JStG 2007 ent­behr­lich, wenn es sich um eine Stif­tung aus­län­di­schen Rechts han­delt, die der Stif­tungs­auf­sicht eines EU-Mit­glied­staa­tes unter­fällt. Aller­dings muss die aus­län­di­sche Stif­tungs­auf­sicht dem (Min­dest-) Stan­dard der Stif­tungs­auf­sicht der deut­schen Bun­des­län­der ent­spre­chen.

4. § 5 Abs. 2 Nr. 3 KStG 1996, wonach u.a. die Befrei­ung gemein­nüt­zi­ger Kör­per­schaf­ten von der Kör­per­schaft­steu­er nach § 5 Abs. 1 Nr. 9 Satz 1 KStG 1996 für beschränkt Steu­er­pflich­ti­ge i.S. von § 2 Nr. 1 KStG 1996 nicht gilt, ist gemein­schafts­rechts­wid­rig (Anschluss an EuGH-Urteil vom 14. Sep­tem­ber 2006 Rs. C‑386/​04 "Cen­tro di Musi­co­lo­gia Wal­ter Stauf­fer", ABlEU 2006 Nr. C 281, 9 vom 18. Novem­ber 2006).

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. Dezem­ber 2006 I R 94/​02