Gericht­li­che Inter­net­re­cher­chen – und ihre Siche­rung in der Gerichts­ak­te

Bei den nach § 96 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 1 FGO von dem Gericht zu berück­sich­ti­gen­den Tat­sa­chen han­delt es sich um Schrift­sät­ze der Betei­lig­ten, ihr Vor­brin­gen in der münd­li­chen Ver­hand­lung und in einem etwai­gen Erör­te­rungs­ter­min, ihr Ver­hal­ten, die den Streit­fall betref­fen­den Steu­er­ak­ten, bei­gezo­ge­ne Akten eines ande­ren Ver­fah­rens; vom Gericht ein­ge­hol­te Aus­künf­te, Urkun­den, ande­re Gegen­stän­de und beweg­li­che Sachen und die auf­grund einer ggf. durch­ge­führ­ten Beweis­auf­nah­me gewon­ne­nen Beweis­ergeb­nis­se [1]. Auch offen­kun­di­ge und gerichts­be­kann­te Tat­sa­chen sind zu berück­sich­ti­gen [2].

Gericht­li­che Inter­net­re­cher­chen – und ihre Siche­rung in der Gerichts­ak­te

In dem hier ange­foch­te­nen Urteil ver­weist das Finanz­ge­richt wegen der Her­kunft ver­schie­de­ner tat­säch­li­cher Fest­stel­lun­gen auf Inter­net-Recher­chen, die es selbst vor­ge­nom­men hat. Aus­dru­cke die­ser Recher­chen befin­den sich jedoch nicht in den vor­ge­leg­ten Akten des Finanz­ge­richt. Das Finanz­ge­richt gibt in sei­nen Ent­schei­dungs­grün­den ledig­lich Web­sei­ten des Inter­net an, um die Her­kunft der ange­nom­me­nen Tat­sa­chen zu erläu­tern; zum Teil wird auch auf die Anga­be der Web­sei­te ver­zich­tet.

Ein Ver­weis auf Web­sei­ten des Inter­net führt jedoch nicht dazu, dass deren Inhalt zum Inhalt der Gerichts­ak­te wer­den könn­te. Hier­zu hät­te es einer dau­er­haf­ten Siche­rung des jeweils in Bezug genom­me­nen Inhalts der betrof­fe­nen Web­sei­te bedurft, ins­be­son­de­re durch ihren Aus­druck [3]. Ange­sichts des ste­ten Wan­dels des Infor­ma­ti­ons­an­ge­bots des Inter­net kann eine Ver­wei­sung auf eine Web­sei­te grund­sätz­lich nicht die erfor­der­li­che Gewähr dafür bie­ten, dass eine dort durch das Finanz­ge­richt abge­ru­fe­ne Datei auch noch spä­ter die­sen Inhalt hat [4].

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall konn­te es der Bun­des­fi­nanz­hof frei­lich offen las­sen, ob der feh­len­de Aus­druck der Web­sei­te und ihre Bei­fü­gung zur Gerichts­ak­te dadurch geheilt wur­de, dass das Finanz­ge­richt den Inhalt der auf der Web­sei­te ent­hal­te­nen Namen der Klä­ger auf der Ziel­ein­fahrts­lis­te einer Old­ti­mer-Ral­lye in dem Pro­to­koll der münd­li­chen Ver­hand­lung wört­lich fest­ge­hal­ten und ihn so zum Akten­be­stand­teil gemacht hat. Denn die eigen­hän­di­ge Benut­zung des Old­ti­mer-PKW durch die Klä­ger war nicht erfor­der­lich, um per­sön­li­che Grün­de für die Inkauf­nah­me eines Ver­lus­tes aus dem Lea­sing eines Old­ti­mer-PKW anzu­neh­men.

Die feh­len­de Kau­sa­li­tät der erho­be­nen Ver­fah­rens­rü­gen ist auch nicht des­halb uner­heb­lich, weil ein abso­lu­ter Revi­si­ons­grund nach § 119 Nr. 3 FGO gege­ben wäre und damit eine Kau­sa­li­täts­ver­mu­tung grei­fen könn­te. Denn die unwi­der­leg­li­che Ver­mu­tung der Ursäch­lich­keit einer Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs für die getrof­fe­ne Ent­schei­dung nach § 119 Nr. 3 FGO gilt nur, wenn sich der Gehörsver­stoß ‑wie z.B. bei rechts­wid­ri­ger Ableh­nung eines Ver­ta­gungs­an­trags- auf das Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens bezieht [5]. Sie gilt hin­ge­gen nicht, wenn der gerüg­te Ver­stoß nur ein­zel­ne Fest­stel­lun­gen bzw. recht­li­che Gesichts­punk­te betrifft [6]. Im Streit­fall betref­fen die Gehörsrü­gen der Klä­ger nur ein­zel­ne Fest­stel­lun­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 14. April 2015 – IV B 115/​13

  1. vgl. Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 96 FGO Rz 22; Schmidt-Tro­je in Beermann/​Gosch, FGO, § 96 Rz 6; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 96 FGO Rz 9; Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 96 FGO Rz 11, jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. Lan­ge in HHSp, § 96 FGO, Rz 23 ff.; Schmidt- Tro­je in Beermann/​Gosch, FGO, § 96 Rz 6[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 20.07.2006 – I B 165/​05, BFH/​NV 2007, 52, unter II. 3.[]
  4. vgl. auch BGH, Beschluss vom 28.08.2003 – I ZB 26/​01, GRUR 2004, 77, unter III. 2.b bb[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 03.09.2001 – GrS 3/​98, BFHE 196, 39, BStBl II 2001, 802[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 09.04.2008 – I R 43/​07, BFH/​NV 2008, 1848; BFH, Beschluss vom 25.06.2014 – VII B 183/​13, BFH/​NV 2014, 1905[]