Geschäfts­füh­rer­haf­tung wegen Nicht­er­fül­lens des Benen­nungs­ver­lan­gens

Kommt der Geschäfts­füh­rer einer GmbH einem Benen­nungs­ver­lan­gen des Finanz­am­tes nach 160 AO nicht nach, so begrün­det die­se Nicht­er­fül­lung des Benen­nungs­ver­lan­gens kei­ne Haf­tung des Geschäfts­füh­rers für die dar­aus resul­tie­ren­den Steu­er­schul­den der GmbH.

Geschäfts­füh­rer­haf­tung wegen Nicht­er­fül­lens des Benen­nungs­ver­lan­gens

Nach § 69 Satz 1 AO haf­ten unter ande­rem die gesetz­li­chen Ver­tre­ter (§ 34 AO), soweit Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis (§ 37 Abs. 1 AO) infol­ge vor­sätz­li­cher oder grob fahr­läs­si­ger Ver­let­zung der ihnen durch § 34 Abs. 1 AO auf­er­leg­ten Pflich­ten nicht oder nicht recht­zei­tig erfüllt wer­den.

Der Geschäfts­füh­rer der GmbH hat als deren gesetz­li­cher Ver­tre­ter (§ 35 Abs. 1 GmbHG) gemäß § 34 Abs. 1 AO deren steu­er­li­che Pflich­ten zu erfül­len. Mit der Nicht­er­fül­lung des Benen­nungs­ver­lan­gens hat der Geschäfts­füh­rer kei­ne ihm als Geschäfts­füh­rer oblie­gen­den steu­er­li­chen Pflich­ten im Sin­ne des § 69 AO schuld­haft ver­letzt.

Kei­ne Ver­let­zung einer Steu­er­erklä­rungs­pflicht

Eine Ver­let­zung der Steu­er­erklä­rungs­pflicht liegt nicht vor. Die Kör­per­schaft­steu­er­erklä­run­gen der GmbH waren nicht feh­ler­haft. Denn der GmbH sind die gemäß § 160 Abs. 1 Satz 1 AO nicht aner­kann­ten Betriebs­aus­ga­ben erwach­sen. Der Umstand, dass das Finanz­amt die Betriebs­aus­ga­ben unter Beru­fung auf § 160 Abs. 1 Satz 1 AO nicht in vol­ler Höhe berück­sich­tigt hat, führt nicht dazu, dass die erklär­te und zunächst fest­ge­setz­te Kör­per­schaft­steu­er feh­ler­haft war. Viel­mehr wird die Steu­er unter Anwen­dung von § 160 AO erst dann höher fest­ge­setzt, wenn sich die Finanz­be­hör­de ent­schließt, ihr Ermes­sen sowohl hin­sicht­lich des Benen­nungs­ver­lan­gen als auch hin­sicht­lich einer voll­stän­di­gen oder teil­wei­sen Ver­sa­gung des Betriebs­aus­ga­ben­ab­zugs zulas­ten des Steu­er­pflich­ti­gen aus­zu­üben. Zweck der Vor­schrift des § 160 AO ist, mög­li­che Steu­er­aus­fäl­le zu ver­hin­dern, die dadurch ein­tre­ten, dass der Emp­fän­ger der Betriebs­aus­ga­ben die Ein­nah­men bei sich nicht erfasst. Der Steu­er­pflich­ti­ge wird dabei gleich­sam als Haf­ten­der in Anspruch genom­men 1. Bis zu Ver­sa­gung des Betriebs­aus­ga­ben­ab­zugs ist der Tat­be­stand, der Grund­la­ge für die Mehr­steu­er ist, nicht erfüllt 2.

Eine Ver­let­zung der Steu­er­erklä­rungs­pflicht ist auch nicht dar­in zu sehen, dass der Geschäfts­füh­rer der GmbH dem Ver­lan­gen der Finanz­be­hör­de, die Emp­fän­ger zu benen­nen, nicht nach­ge­kom­men ist. Denn der Steu­er­pflich­ti­ge ist nicht ver­pflich­tet, dem auf § 160 AO gestütz­ten Ver­lan­gen der Finanz­be­hör­de auf Benen­nung von Gläu­bi­gern und Zah­lungs­emp­fän­gern Rech­nung zu tra­gen; das Benen­nungs­ver­lan­gen legt dem Steu­er­pflich­ti­gen ledig­lich "ein bestimm­tes Ver­hal­ten nahe" 3. Die Emp­fän­ger­be­nen­nung ist auch als sol­che nicht nach §§ 328 ff. AO erzwing­bar 4.

Im Übri­gen dürf­te es – wor­auf der Geschäfts­füh­rer unter Beru­fung auf Halac­zin­sky 5 zu Recht hin­weist – inso­weit auch an der Kau­sa­li­tät zwi­schen der Nicht­be­nen­nung der Emp­fän­ger und der nicht recht­zei­ti­gen Fest­set­zung der Steu­er feh­len. Die Pflicht­ver­let­zung ist für den Haf­tungs­scha­den ursäch­lich, wenn letz­te­rer ohne die Pflicht­ver­let­zung nicht ein­ge­tre­ten wäre. Im Streit­fall war die Nicht­be­nen­nung der Emp­fän­ger indes nicht ursäch­lich für eine nicht (recht­zei­ti­ge) Fest­set­zung der Steu­er. Denn die Fest­set­zung der Mehr­steu­er konn­te, gestützt auf § 160 Abs. 1 Satz 1 AO, erfol­gen und ist auch erfolgt.

Kei­ne Ver­let­zung einer Steu­er­ent­rich­tungs­pflicht

Der Geschäfts­füh­rer hat im Streit­fall auch sei­ne Steu­er­ent­rich­tungs­pflicht nicht schuld­haft ver­letzt.

Zu den Pflich­ten eines Geschäfts­füh­rers gehört es, fäl­li­ge und nicht von der Voll­zie­hung aus­ge­setz­te Steu­er­for­de­run­gen zu beglei­chen. Die Pflich­ten des Geschäfts­füh­rers beschrän­ken sich nicht nur dar­auf, die im Zeit­punkt der Fäl­lig­keit der Steu­ern vor­han­de­nen Mit­tel anteil­mä­ßig zur Befrie­di­gung des Steu­er­gläu­bi­gers und der ande­ren Gläu­bi­ger ein­zu­set­zen. Viel­mehr ist der gesetz­li­che Ver­tre­ter bereits vor Fäl­lig­keit von Steu­ern ganz all­ge­mein ver­pflich­tet, die Mit­tel des Steu­er­schuld­ners so zu ver­wal­ten, dass die­ser zur pünkt­li­chen Til­gung auch der erst künf­tig fäl­lig wer­den­den Steu­er­schul­den in der Lage ist. Ein Geschäfts­füh­rer einer GmbH ver­letzt sei­ne ihm gegen­über dem Steu­er­gläu­bi­ger oblie­gen­den Pflich­ten des­halb auch dann, wenn er sich durch Vor­weg­be­frie­di­gung ande­rer Gläu­bi­ger oder in sons­ti­ger Wei­se (etwa durch Ent­nah­me liqui­der Mit­tel) schuld­haft außer­stan­de setzt, künf­tig fäl­lig wer­den­de Steu­er­schul­den, deren – auch erst künf­ti­ge 6 – Ent­ste­hung ihm bekannt ist, zu til­gen 7.

Es kann im Streit­fall dahin­ste­hen, ob dem Geschäfts­füh­rer die künf­ti­ge Ent­ste­hung der sich aus der Betriebs­prü­fung erge­ben­den Mehr­steu­ern bereits vor der Schluss­be­spre­chung in einer Wei­se "bekannt" war, dass sich hier­aus zu die­sem Zeit­punkt die Pflicht zur Bereit­hal­tung ent­spre­chen­der Mit­tel erge­ben hät­te. Denn der Geschäfts­füh­rer hat nicht gegen die Pflicht zur Mit­tel­vor­sor­ge ver­sto­ßen.

Eine Ver­let­zung der Pflicht des Geschäfts­füh­rers zur Mit­tel­vor­sor­ge sieht das Finanz­ge­richt auch nicht dar­in, dass eine Gewinn­aus­schüt­tung beschlos­sen und voll­zo­gen wur­de. Der Beschluss, der Gesell­schaf­te­rin einen Gewinn aus­zu­schüt­ten, oblag allein der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung (§ 48 GmbHG). Der Geschäfts­füh­rer hat­te in sei­ner Funk­ti­on als Geschäfts­füh­rer nicht ein­mal ein Teil­nah­me­recht 8. Anhalts­punk­te dafür, dass der Aus­schüt­tungs­be­schluss der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung nich­tig war und daher nicht hät­te voll­zo­gen wer­den dür­fen, sind nicht erkenn­bar. Der Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Geschäfts­füh­rers ist hin­sicht­lich der Gewinn­aus­schüt­tung auch nicht des­halb betrof­fen, weil er an der Allein­ge­sell­schaf­te­rin der GmbH betei­ligt war. Denn der Haf­tungs­tat­be­stand des § 69 AO i.V.m. §§ 34, 35 AO knüpft allein an die Nicht­er­fül­lung der dem Geschäfts­füh­rer, nicht dem Gesell­schaf­ter oblie­gen­den Pflich­ten an. Hier­an ändert auch eine Dop­pel­funk­ti­on als Geschäfts­füh­rer und Gesell­schaf­ter nichts. Dies gilt erst recht, wenn der Geschäfts­füh­rer nicht selbst Gesell­schaf­ter ist, son­dern ledig­lich eine mit­tel­ba­re Betei­li­gung besteht.

Das Finanz­ge­richt ver­kennt zwar nicht, dass die GmbH mit der im Janu­ar und Febru­ar 2008 erfolg­ten Über­tra­gung ihres Ver­mö­gens auf ihre Gesell­schaf­te­rin kei­ne (aus­rei­chen­den) Mit­tel zur Til­gung der künf­ti­gen Steu­er­schul­den zurück­be­hal­ten hat und die Maß­nah­men augen­schein­lich den Zweck ver­folg­ten, das Ver­mö­gen der GmbH dem Zugriff des Beklag­ten zu ent­zie­hen. All dies ver­mag aber eine Haf­tung nach § 69 AO nicht zu begrün­den.

Der Gewinn­aus­schüt­tungs­be­schluss muss­te den Geschäfts­füh­rer auch nicht dazu ver­an­las­sen, die Geschäfts­füh­rung nie­der­zu­le­gen. Zwar wird die Sorg­falt eines ordent­li­chen Geschäfts­man­nes nach § 43 Abs.1 GmbHG von einem Geschäfts­füh­rer nicht nur um der Gesell­schaf­ter wil­len, son­dern auch wegen der Gesell­schafts­gläu­bi­ger (vgl. §§ 7, 78, 9, 43 Abs.3, §§ 64, 84 GmbHG) erwar­tet 9. Unge­ach­tet der zeit­li­chen Abfol­ge – der Gewinn­aus­schüt­tungs­be­schluss lag drei Mona­te vor der Schluss­be­spre­chung im Rah­men der Betriebs­prü­fung, die zu den für den Haf­tungs­scha­den maß­geb­li­chen Mehr­steu­ern führ­te – ist nicht ersicht­lich, wie durch eine Nie­der­le­gung der Geschäfts­füh­rung im Febru­ar 2008 der Haf­tungs­scha­den hät­te ver­mie­den wer­den kön­nen.

Der Geschäfts­füh­rer hat schließ­lich auch nicht schuld­haft gegen die Pflicht ver­sto­ßen, die fäl­li­gen Steu­ern aus Mit­teln der GmbH zu ent­rich­ten. Die mit Beschei­den vom 13. Novem­ber 2008 fest­ge­setz­te Kör­per­schaft­steu­er der Jah­re 1998 bis 2001 war am 17. Dezem­ber 2008 fäl­lig. Zu die­sem Zeit­punkt konn­te der Geschäfts­füh­rer die Steu­ern nicht mehr ent­rich­ten, weil das Finanz­amt bereits am 28. Novem­ber 2008 den Arrest in das Ver­mö­gen der GmbH ange­ord­net hat­te.

Finanz­ge­richt des Saar­lan­des, Urteil vom 14. Dezem­ber 2011 – 2 K 1564/​09

  1. BFH vom 30.03.1983 – I R 228/​78, BSt­Bl II 1983, 654, 655; vom 24.06.1997 – VIII R 9/​96, BSt­Bl II 1998, 51[]
  2. vgl. auch FG Düs­sel­dorf vom 05.12.1996 – 14 K 4740/​92, EFG 1997, 588[]
  3. HHSp/​Trzaskalik, AO, FGO, § 160 AO Rn. 42 unter Hin­weis auf die Recht­spre­chung des BFH[]
  4. BFH vom 12.09.1985 – VIII R 371/​83, BSt­Bl II 1986, 537[]
  5. Halac­zin­sky, Die Haf­tung im Steu­er­recht, 3. Auf­la­ge 2004, Rn. 68[]
  6. vgl. BFH vom 05.02.1985 – VII R 124/​80, BFH/​NV 1987, 2 m.w.N.[]
  7. BFH vom 26.04.1984 – V R 128/​79, BSt­Bl II 1984, 776[]
  8. Lutter/​Hommelhoff, GmbHG, 16. Aufl. 2004, § 48 Rn. 5[]
  9. vgl. FG Ham­burg vom 29.06.2007 – 1 V 59/​07, EFG 2007, 1654[]