Haf­tung der Bank bei einer Kon­ten­sper­re

Wickelt ein ehe­mals Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ter eines frem­den Bank­kon­tos dar­über Zah­lungs­vor­gän­ge aus eige­nen Geschäfts­vor­fäl­len für eige­ne Rech­nung ab, so haf­tet die Bank für den Steu­er­scha­den, der dadurch ein­tritt, dass sie das Kon­to nicht sperrt, son­dern Gut­ha­ben ohne Zustim­mung des Finanz­amts aus­be­zahlt, obwohl sie weiß, dass der ursprüng­li­che Kon­to­in­ha­ber nicht mehr exis­tiert.

Haf­tung der Bank bei einer Kon­ten­sper­re

Die Bank ver­stößt in einem sol­chen Fall nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs grob fahr­läs­sig gegen das Her­aus­ga­be­ver­bot des § 154 Abs. 3 AO und beein­träch­tigt damit die Ver­wirk­li­chung von Ansprü­chen aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis des Ver­fü­gen­den: Infol­ge der Abhe­bun­gen ohne Zustim­mung des Finanz­am­tes wur­den im ent­schie­de­nen Fall des­sen Voll­stre­ckungs­mög­lich­kei­ten in das dem Ver­fü­gen­den zuzu­rech­nen­de Gut­ha­ben auf dem unter dem Namen der GmbH geführ­ten Bank­kon­to ver­ei­telt und das Finanz­amt fiel des­halb mit For­de­run­gen aus.

Der Ver­stoß des Ver­fü­gen­den gegen das durch § 154 Abs. 1 Alter­na­ti­ve 2 AO sta­tu­ier­te Gebot der Kon­ten­wahr­heit führt kraft Geset­zes (§ 154 Abs. 3 AO) zu einer öffent­lich-recht­li­chen Kon­ten­sper­re mit der Fol­ge eines Her­aus­ga­be­ver­bots 1.

Nach § 154 Abs. 1 AO darf nie­mand auf einen fal­schen oder erdich­te­ten Namen für sich oder einen Drit­ten ein Kon­to errich­ten oder Buchun­gen vor­neh­men las­sen, Wert­sa­chen (Geld, Wert­pa­pie­re, Kost­bar­kei­ten) in Ver­wah­rung geben oder ver­pfän­den oder sich ein Schließ­fach geben las­sen. Die Rege­lung stellt auf die for­ma­le Kon­ten­wahr­heit ab 2. Im Streit­fall liegt die Ver­let­zung der Vor­schrift nicht dar­in, dass das Kon­to auf einen fal­schen oder erdich­te­ten Namen errich­tet wor­den ist, denn ursprüng­lich war es als Geschäfts­kon­to der GmbH auf deren Namen eröff­net wor­den. Der ehe­ma­li­ge Geschäfts­füh­rer hat aber nach Löschung der GmbH für sei­ne eige­nen Geschäfts­be­zie­hun­gen auf dem wei­ter­hin unter dem Namen der GmbH geführ­ten Kon­to Buchun­gen vor­neh­men las­sen 3.

Unbe­acht­lich ist dabei, ob das Kon­to der GmbH nach deren Löschung im Han­dels­re­gis­ter auf einen fal­schen Namen i.S. des § 154 Abs. 1 AO lau­te­te 4, weil die GmbH gemäß § 60 Abs. 1 Nr. 5, § 65 Abs. 1 Satz 3 des Geset­zes betref­fend die Gesell­schaf­ten mit beschränk­ter Haf­tung voll­be­en­det war, oder ob es – wie die Bank meint – trotz der Löschung der GmbH als Kon­to einer Liqui­da­ti­ons­ge­sell­schaft fort­be­stand. Denn nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt steht im hier ent­schie­de­nen Fall fest, dass sämt­li­che Buchun­gen nach Löschung der GmbH aus­schließ­lich auf der Geschäfts­füh­rung des dem ehe­ma­li­gen Geschäfts­füh­rer zuzu­rech­nen­den Unter­neh­mens H‑Handel beruh­ten. Sämt­li­che Gut­schrif­ten und Aus­zah­lun­gen die­ser Fir­ma ließ die­ser unter dem fal­schen Namen der GmbH ver­bu­chen. Er bedien­te sich als ehe­mals Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ter des Kon­tos der GmbH, um die Zah­lungs­vor­gän­ge sei­nes Unter­neh­mens "H‑Handel" über die­ses Kon­to abzu­wi­ckeln und durch Ver­wen­dung eines sol­chen "Tarn­kon­tos" die eige­nen Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se zu ver­schlei­ern und sich damit dem Zugriff der Gläu­bi­ger ins­be­son­de­re auch des Finanz­amt- zu ent­zie­hen.

Die­ses Vor­ge­hen löst ent­spre­chend dem Rege­lungs­zweck des § 154 Abs. 1 AO, der ver­hin­dern soll, dass die Nach­prü­fung der steu­er­li­chen Ver­hält­nis­se erschwert wird 5 eine Kon­ten­sper­re aus.

Offen­blei­ben kann, ob die Bank als Kon­to­füh­re­rin gegen die ihr in § 154 Abs. 2 AO auf­er­leg­ten Pflich­ten, sich Gewiss­heit über die Per­son und Anschrift des Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten zu ver­schaf­fen und die ent­spre­chen­den Anga­ben in geeig­ne­ter Form fest­zu­hal­ten, ver­sto­ßen hat 6. Die Kon­ten­sper­re des § 154 Abs. 3 AO knüpft nicht an die Rege­lung des § 154 Abs. 2 AO an, son­dern an § 154 Abs. 1 AO. Ein eige­nes Fehl­ver­hal­ten der Bank bei der Kon­to­füh­rung ist danach nicht Vor­aus­set­zung für ihre Ver­pflich­tung, das Kon­to zu sper­ren. Die­se ent­steht viel­mehr schon dann, wenn ein Drit­ter ersicht­lich Buchun­gen auf einen fal­schen Namen vor­neh­men lässt.

Auf­grund des Ver­sto­ßes gegen die for­mel­le Kon­ten­wahr­heit des § 154 Abs. 1 AO hät­te die Bank gemäß § 154 Abs. 3 AO die auf dem Kon­to befind­li­chen Gut­ha­ben nur mit Zustim­mung des Finanz­amt an den ehe­ma­li­gen Geschäfts­füh­rer, des­sen vor­ma­li­ge Ver­fü­gungs­be­fug­nis über das Kon­to mit der Voll­be­en­di­gung der GmbH obso­let gewor­den war, her­aus­ge­ben bzw. aus­zah­len dür­fen 7.

Gemäß § 72 AO haf­tet der­je­ni­ge, der vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­sig der Vor­schrift des § 154 Abs. 3 AO zuwi­der­han­delt, soweit dadurch die Ver­wirk­li­chung von Ansprü­chen aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis beein­träch­tigt wird. Die Bank hat zumin­dest- grob fahr­läs­sig gegen das Her­aus­ga­be­ver­bot des § 154 Abs. 3 AO ver­sto­ßen.

Zwar konn­te die Bank, die die Legi­ti­ma­ti­ons­prü­fung bei der Kon­ten­er­rich­tung nach § 154 Abs. 2 AO ord­nungs­ge­mäß durch­ge­führt hat, zunächst davon aus­ge­hen, die Kon­ten­wahr­heit des § 154 Abs. 1 AO sei gewahrt. Auch kann aus § 154 Abs. 1 AO eine all­ge­mei­ne und selb­stän­di­ge, auf ein­zel­ne Buchun­gen bezo­ge­ne Prü­fungs­pflicht nicht abge­lei­tet wer­den, da ansons­ten die Vor­schrift des § 154 Abs. 2 AO über­flüs­sig wür­de 8.

Seit Zugang der Pfän­dungs­ver­fü­gung vom 21.09.2005 war der Bank, der das schuld­haf­te Ver­hal­ten ihrer Orga­ne, Ver­tre­ter bzw. Erfül­lungs­ge­hil­fen zuge­rech­net wird 9, jedoch bekannt, dass der ursprüng­li­che Kon­to­in­ha­ber – die GmbH – nicht mehr exis­tiert.

Sie hat es jeden­falls grob fahr­läs­sig unter­las­sen, sich Klar­heit über den Kon­to­in­ha­ber bzw. die von die­sem abge­lei­te­te Ver­fü­gungs­be­rech­ti­gung des ehe­ma­li­gen Geschäfts­füh­rers zu ver­schaf­fen. Dar­an ändert auch die Tat­sa­che nichts, dass der Pfän­dungs­ver­fü­gung kein Han­dels­re­gis­ter­aus­zug bei­gefügt war, son­dern die­ser der Bank erst mit Schrei­ben des Finanz­amt vom 21.10.2005 über­mit­telt wur­de. Auf­grund des unmiss­ver­ständ­li­chen Hin­wei­ses des Finanz­amt in der Pfän­dungs­ver­fü­gung vom 21.09.2005, die GmbH sei im Han­dels­re­gis­ter gelöscht, hät­te die Bank Ein­sicht in das Han­dels­re­gis­ter (§ 9 Abs. 1 HGB) neh­men und die Anga­ben des Finanz­amt nach­prü­fen kön­nen und ange­sichts der von ihr als Kre­dit­in­sti­tut zu for­dern­den beson­de­ren Sorg­falt auch müs­sen. Bei einer Ein­sicht in das Han­dels­re­gis­ter hät­te die Bank ohne wei­te­res fest­ge­stellt, dass die GmbH bereits seit 1997 gelöscht ist.

Der Ver­stoß der Bank gegen die Kon­ten­sper­re des § 154 Abs. 3 AO war ursäch­lich dafür, dass die Ver­wirk­li­chung von Ansprü­chen aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis des A, der die Buchun­gen hat vor­neh­men las­sen, beein­träch­tigt wur­de, zumal Voll­stre­ckungs­ver­su­che in das Ver­mö­gen des A in der Ver­gan­gen­heit erfolg­los geblie­ben waren 10. Maß­geb­lich für den Haf­tungs­an­spruch ist, dass eine Beein­träch­ti­gung der Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis ohne den Ver­stoß gegen das Her­aus­ga­be­ver­bot nicht ein­ge­tre­ten wäre, wobei die Her­bei­füh­rung des Scha­dens durch die Zuwi­der­hand­lung nicht außer­halb aller Wahr­schein­lich­keit lie­gen darf 11.

Ob im Streit­fall die Kon­ten­pfän­dung durch das Finanz­amt (§ 309 AO) als sol­che unwirk­sam gewe­sen ist, weil der ehe­ma­li­ge Geschäfts­füh­rer nicht Inha­ber des auf den Namen der GmbH lau­ten­den Kon­tos war und ihm die gepfän­de­ten Geld­for­de­run­gen des­halb nicht zustan­den 12, oder ob das Finanz­amt mög­li­che Ansprü­che des ehe­ma­li­gen Geschäfts­füh­rers gegen die Bank mit der Pfän­dungs­ver­fü­gung zumin­dest bei der gebo­te­nen Aus­le­gung- erfasst hat­te, kann offen­blei­ben. Die adäqua­te Kau­sa­li­tät der Pflicht­ver­let­zung der Bank für den Scha­dens­ein­tritt hängt nicht davon ab, ob das Finanz­amt alle Voll­stre­ckungs­mög­lich­kei­ten gegen den ehe­ma­li­gen Geschäfts­fü­her aus­ge­schöpft hat 13. Ent­schei­dend ist, dass das Finanz­amt auf die Geld­ein­gän­ge aus Geschäfts­vor­fäl­len der dem ehe­ma­li­gen Geschäfts­füh­rer zuzu­rech­nen­den H‑Handel des­halb nicht zugrei­fen konn­te, weil die Bank ohne Zustim­mung des Finanz­amt an Abhe­bun­gen des ehe­ma­li­gen Geschäfts­füh­rers mit­ge­wirkt hat.

Schließ­lich war auch die Ermes­sens­ent­schei­dung des Finanz­amt, die Bank in Haf­tung zu neh­men, rechts­feh­ler­frei. Kann der Steu­er­schuld­ner sei­ne Steu­er­schuld nicht beglei­chen, ent­spricht es nicht nur in der Regel recht­mä­ßi­gem Ermes­sens­ge­brauch, son­dern ver­langt das Gebot, ent­stan­de­ne Steu­ern im öffent­li­chen Inter­es­se soweit irgend mög­lich ein­zu­zie­hen, im All­ge­mei­nen die Inan­spruch­nah­me der­je­ni­gen, die haf­ten 14.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Dezem­ber 2011 – VII R 49/​10

  1. Loo­se in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 72 AO Rz 1[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 18.10.1994 – XI ZR 237/​93, BGHZ 127, 229; Halac­zin­sky, Die Haf­tung im Steu­er­recht, 3. Aufl.2004, Rz 203; a.A. Ble­sin­ger, Haf­tung und Dul­dung im Steu­er­recht, S. 66[]
  3. vgl. Klein/​Rätke, AO, 10. Aufl., § 154 Rz 2; Bran­dis in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 154 AO Rz 4; Hend­ricks in Beermann/​Gosch, AO § 154 Rz 14; Brusch­ke, Kon­ten­wahr­heit und Haf­tung (§ 72 AO i.V.m. § 154 AO), Der Steu­er­be­ra­ter 2010, 124; a.A. Heu­er­mann in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler HHSp, § 154 AO Rz 13[]
  4. vgl. hier­zu Bran­dis in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 154 AO Rz 5[]
  5. BT-Drucks VI/​1982 S. 123[]
  6. vgl. hier­zu Heu­er­mann in HHSp, § 154 AO Rz 15, m.w.N.[]
  7. vgl. auch Boeker in HHSp, § 72 AO Rz 8[]
  8. vgl. Heu­er­mann in HHSp, § 154 AO Rz 13[]
  9. vgl. BFH, Urteil vom 17.02.1989 – III R 35/​85, BFHE 156, 355, BSt­Bl II 1990, 263[]
  10. vgl. Klein/​Rüsken, a.a.O., § 72 Rz 4; Pahlke/​Koenig/​Intemann, Abga­ben­ord­nung, 2. Aufl., § 72 Rz 16[]
  11. sog. Adäquanz­theo­rie, vgl. Jatz­ke in Beermann/​Gosch, AO § 72 Rz 10[]
  12. vgl. Klein/​Brockmeyer, a.a.O., § 309 Rz 17; Pahlke/​König/​Fritsch, a.a.O., § 309 Rz 32, m.w.N.[]
  13. a.A. Loo­se in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 72 AO Rz 5[]
  14. BFH, Urteil vom 13.03.2003 – VII R 46/​02, BFHE 202, 22, BSt­Bl II 2003, 556, m.w.N.[]