Haf­tungs­inan­spruch­nah­me – und das Ermes­sen des Finanz­am­tes

Die Haf­tungs­inan­spruch­nah­me nach § 191 Abs. 1 Satz 1 AO ist eine Ermes­sens­ent­schei­dung des Finanz­am­tes.

Haf­tungs­inan­spruch­nah­me – und das Ermes­sen des Finanz­am­tes

Die­se kann vom Finanz­ge­richt nur dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen dafür vor­lie­gen, dass das Ermes­sen auf der Rechts­fol­gen­sei­te eröff­net ist, und ob bei der Aus­übung des Ermes­sens des­sen gesetz­li­che Gren­zen nicht über­schrit­ten und von dem Ermes­sen in einer dem Zweck der Ermäch­ti­gung ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch gemacht wor­den ist (§ 102 Satz 1 FGO).

Bereits bei der Prü­fung der tat­be­stand­li­chen Haf­tungs­vor­aus­set­zun­gen ist zu berück­sich­ti­gen, dass die nach­fol­gen­de Ermes­sens­ent­schei­dung feh­ler­haft ist, wenn die Behör­de Gesichts­punk­te tat­säch­li­cher und recht­li­cher Art, die nach dem Sinn und Zweck der Ermes­sens­vor­schrift zu berück­sich­ti­gen sind, außer acht lässt. Denn das gilt auch für sol­che Gesichts­punk­te, die nicht allein und unmit­tel­bar das Ent­schlie­ßungs- oder Aus­wahler­mes­sen betref­fen, son­dern sich zunächst auf bestimm­te Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen der Haf­tungs­vor­schrift bezie­hen, wenn sie nach dem Sinn und Zweck der Ermes­sens­vor­schrift für die spä­te­re Ermes­sens­aus­übung von Bedeu­tung sind [1].

Nach den Fest­stel­lun­gen der mate­ri­ell-recht­li­chen Haf­tungs­vor­aus­set­zun­gen hat das Finanz­amt (bzw. im vor­lie­gen­den Fall das Haupt­zoll­amt) nach § 191 Abs. 1 AO die Ent­schei­dung dar­über zu tref­fen, ob über­haupt und in wel­cher Höhe eine Haf­tungs­inan­spruch­nah­me erfol­gen soll [2].

Da sich somit die Aus­übung des behörd­li­chen Ermes­sens auf den bestimm­ten; vom Beklag­ten bejah­ten Haf­tungs­tat­be­stand bezieht, kann das Gericht, wenn es des­sen Vor­aus­set­zun­gen nicht für gege­ben erach­tet, nur dann einen alter­na­tiv vor­lie­gen­den Haf­tungs­tat­be­stand her­an­zie­hen, wenn fest­ge­stellt wer­den kann, dass das Finanz­amt vor des­sen Hin­ter­grund den Haf­tungs­schuld­ner eben­falls und in glei­cher Höhe in Anspruch genom­men hät­te [3].

Finanz­ge­richt Meck­len­burg ‑Vor­pom­mern, Urteil vom 19. Okto­ber 2016 – 3 K 86/​13

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 03.05.1990 – VII R 108/​88, BFHE 160, 417, BStBl II 1990, 767; und vom 12.12 1996 – VII R 53/​96, BFH/​NV 1997, 386 m. w. N.[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 04.10.1988 – VII R 53/​85, BFH/​NV 1989, 274[]
  3. so BFH in BFH/​NV 1997, 386[]