Infor­ma­ti­ons­aus­tausch bei Schmier­geld­zah­lun­gen

In Zei­ten der Aus­spio­nie­rung durch Video­über­wa­chung, der Abhör­af­fä­ren und des Han­dels mit Bank­da­ten ist der Anspruch auf Schutz der Per­sön­lich­keits­rech­te, ins­be­son­de­re des Rechts auf "infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung", wie­der deut­lich in das Bewusst­sein der Öffent­lich­keit getre­ten. In die­sem Zusam­men­hang spie­len Infor­ma­ti­ons­rech­te und ‑pflich­ten der Finanz­ver­wal­tung eine zen­tra­le Rol­le, steht doch das Steu­er­ge­heim­nis als Garant der Ver­schwie­gen­heit der kennt­nis­rei­chen Finanz­be­hör­den auf dem Spiel.

Infor­ma­ti­ons­aus­tausch bei Schmier­geld­zah­lun­gen

Wenig bekannt sind aller­dings die man­nig­fa­chen Durch­bre­chun­gen des Steu­er­ge­heim­nis­ses, die im Rah­men der Ver­fol­gung von Steu­er­straf­ta­ten oder ande­ren gra­vie­ren­den Delik­ten unab­ding­bar oder in sons­ti­gen Fäl­len vom Gesetz­ge­ber aus­drück­lich zuge­las­sen sind.

Zu die­ser letz­ten Grup­pe gehört die Ver­pflich­tung der Finanz­be­hör­den, den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den Tat­sa­chen mit­zu­tei­len, die den Ver­dacht rechts­wid­ri­ger Schmier­geld­zah­lun­gen begrün­den. Im Rah­men umfang­rei­cher Maß­nah­men zur Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung in den 90er Jah­ren hat­te der Gesetz­ge­ber den bis dahin mög­li­chen Abzug sol­cher Zah­lun­gen als Betriebs­aus­ga­ben abge­schafft und die wech­sel­sei­ti­ge Infor­ma­ti­ons­pflicht der Finanz­ver­wal­tung und der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den in die Rege­lung auf­ge­nom­men (§ 4 Abs. 5 Nr. 10 Ein­kom­men­steu­er­ge­setz).

Die­se Mit­tei­lungs­pflicht war Gegen­stand eines Antrags auf einst­wei­li­ge Anord­nung, mit dem ein Unter­neh­men dem Finanz­amt unter­sa­gen las­sen woll­te, die Staats­an­walt­schaft über Zah­lun­gen zu infor­mie­ren, die es in der Ver­gan­gen­heit in Höhe von 10% des Wer­tes der bestell­ten Waren an den Ein­käu­fer eines maß­geb­li­chen Kun­den geleis­tet hat­te. Zwar wur­de nicht in Abre­de gestellt, dass die Zah­lun­gen geflos­sen waren, um wei­ter­hin die bevor­zug­te Berück­sich­ti­gung als Lie­fe­rant des Kun­den sicher­zu­stel­len. Die Antrag­stel­le­rin war aber Mei­nung, dass die Mit­tei­lung unter­blei­ben müs­se, weil die in der Betriebs­prü­fung gewon­ne­nen Erkennt­nis­se man­gels ent­spre­chen­der Beleh­rung nicht straf­recht­lich ver­wer­tet wer­den dürf­ten und außer­dem inzwi­schen Straf­ver­fol­gungs­ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten sei.

Das Finanz­ge­richt und auf die Beschwer­de hin der Bun­des­fi­nanz­hof wie­sen den Antrag zje­doch urück. Der BFH betont dabei in sei­nem Beschluss, dass der Wort­laut der ein­schlä­gi­gen Bestim­mung das FA ver­pflich­te, Tat­sa­chen, die den Ver­dacht einer Kor­rup­ti­ons­tat begrün­de­ten, der Staats­an­walt­schaft mit­zu­tei­len. Einen Spiel­raum, der eine selb­stän­di­ge Prü­fung erlau­be, ob eine straf­recht­li­che Ver­fol­gung durch die Staats­an­walt­schaft über­haupt in Betracht kom­me oder von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen sei, räu­me die Vor­schrift der Finanz­be­hör­de nicht ein. Die Prü­fung, ob eine Straf­ver­fol­gung ein­zu­lei­ten sei, oblie­ge allein den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den. Die Herr­schaft der Staats­an­walt­schaft über das Ermitt­lungs­ver­fah­ren müs­se auch im Ver­hält­nis zur Finanz­be­hör­de gel­ten. Selbst in einem offen­sicht­lich straf­ver­fol­gungs­ver­jähr­ten Fall stel­le die Offen­ba­rung kei­nen unver­hält­nis­mä­ßi­gen Ein­griff in die Rech­te des Steu­er­pflich­ti­gen dar, denn in einem sol­chen Fall habe die­ser kei­ne Ermitt­lun­gen der an Recht und Gesetz gebun­de­nen Staats­an­walt­schaft zu befürch­ten.

1. Begrün­den Tat­sa­chen den Ver­dacht einer Tat, die den Straf­tat­be­stand einer rechts­wid­ri­gen Zuwen­dung von Vor­tei­len i.S. des § 299 Abs. 2 StGB erfüllt, so ist die Finanz­be­hör­de ohne eige­ne Prü­fung, ob eine straf­recht­li­che Ver­ur­tei­lung in Betracht kommt, ver­pflich­tet, die erlang­ten Erkennt­nis­se an die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den wei­ter­zu­lei­ten.
Das Recht auf "infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung" und der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit gebie­ten es nicht, dass das FA vor der Über­mitt­lung der den Tat­ver­dacht begrün­den­den Tat­sa­chen prüft, ob hin­sicht­lich der fest­ge­stell­ten Zuwen­dun­gen Straf­ver­fol­gungs­ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten ist oder Ver­wer­tungs- bzw. Ver­wen­dungs­ver­bo­te vor­lie­gen.
2. Ein Ver­dacht i.S. des § 4 Abs. 5 Nr. 10 Satz 3 EStG, der die Infor­ma­ti­on der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den gebie­tet, besteht, wenn ein Anfangs­ver­dacht im Sin­ne des Straf­rechts gege­ben ist. Es müs­sen also zurei­chen­de tat­säch­li­che Anhalts­punk­te für eine Tat nach § 4 Abs. 5 Nr. 10 Satz 1 EStG vor­lie­gen.
Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 14. Juli 2008 – VII B 92/​07