Insol­venz­an­trag – und die Zah­lungs­ver­jäh­rung der Steu­er­schul­den

Ein Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens stellt eine Voll­stre­ckungs­maß­nah­me im Sin­ne des § 231 Abs. 1 AO dar­stellt, der als sol­cher grund­sätz­lich geeig­net ist, die Zah­lungs­ver­jäh­rung zu unter­bre­chen.

Insol­venz­an­trag – und die Zah­lungs­ver­jäh­rung der Steu­er­schul­den

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat sowohl in sei­ner Ent­schei­dung vom 11.12 1990 [1] als auch im Urteil vom 24.09.1996 [2] den Antrag auf Kon­kurs­er­öff­nung als Bei­spiel einer Voll­stre­ckungs­maß­nah­me mit Außen­wir­kung und im Beschluss vom 12.12 2003 [3] den Kon­kurs­an­trag als Maß­nah­me im Rah­men der Voll­stre­ckung bezeich­net.

Zwar hat­te der Bun­des­fi­nanz­hof in jenen Ent­schei­dun­gen nicht über die ver­jäh­rungs­un­ter­bre­chen­de Wir­kung eines Antrags auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens zu ent­schei­den. Das bedeu­tet aber nicht "auto­ma­tisch", dass die Beant­wor­tung der Fra­gen auch zwei­fel­haft, strit­tig und schwie­rig ist [4]. Dage­gen spricht viel­mehr, dass die Finanz­ge­rich­te die­ser Rechts­auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs fol­gen [5].

Dar­über hin­aus lei­tet der Eröff­nungs­an­trag des Finanz­amts den Über­gang von der Ein­zel­zwangs­voll­stre­ckung in das insol­venz­recht­li­che Ver­fah­ren zur gemein­schaft­li­chen Gläu­bi­ger­be­frie­di­gung (§ 1 InsO) ein und erweist sich schon des­halb als Maß­nah­me im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren, die ggf. sogar der (vor­läu­fig) letz­te Akt im Rah­men der Zwangs­voll­stre­ckung i.S. der §§ 249 ff. AO sein kann. Inso­fern bedurf­te es einer aus­drück­li­chen Benen­nung in § 231 AO nicht, wäh­rend die vom Klä­ger her­vor­ge­ho­be­ne Anmel­dung im Insol­venz­ver­fah­ren kei­ne abga­ben­recht­li­che Voll­stre­ckungs­maß­nah­me, son­dern die Gel­tend­ma­chung einer Abga­ben­for­de­rung nach den Vor­schrif­ten der InsO ist.

Neu­er­li­cher Klä­rungs­be­darf besteht für den Bun­des­fi­nanz­hof im Streit­fall auch des­halb nicht, weil die Fest­set­zungs­ver­jäh­rung für die Ein­kom­men­steu­er und Neben­ab­ga­be durch die Ein­spruchs­ent­schei­dung über die Ableh­nung des Antrags auf Rück­nah­me des Insol­venz­an­trags inaus­ge­scho­ben wor­den ist. Denn in der Ein­spruchs­ent­schei­dung liegt zugleich die wei­te­re Gel­tend­ma­chung der offe­nen Abga­ben­for­de­run­gen. Wie der Bun­des­fi­nanz­hof im Beschluss vom 21.06.2010 [6] aus­ge­führt hat, erfasst die For­mu­lie­rung "Gel­tend­ma­chung des Anspruchs" in § 231 Abs. 1 Satz 1 AO jede Ent­schei­dung der Finanz­be­hör­de, durch die ihr Zah­lungs­ver­lan­gen dem Zah­lungs­pflich­ti­gen kund­ge­tan wird, also Maß­nah­men zur Ver­fol­gung des Anspruchs nach außen hin erkenn­bar ergrif­fen wer­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 1. Sep­tem­ber 2015 – VII B 178/​14

  1. BFH, Urteil vom 11.12.1990 – VII B 94/​90, BFH/​NV 1991, 787[]
  2. BFH, Urteil vom 24.12.1996 – VII R 31/​96, BFHE 181, 259, BStBl II 1997, 8[]
  3. BFH, Beschluss vom 12.12.2003 – VII B 265/​01, BFH/​NV 2004, 464[]
  4. BFH, Beschluss vom 24.09.2014 – I B 189/​13, BFH/​NV 2015, 237[]
  5. Nds. Finanz­ge­richt, Urteil vom 19.11.2014 – 2 K 44/​14; FG Ham­burg, Beschluss vom 25.02.2011 – 2 – V 8/​11, EFG 2011, 1400; FG Mün­chen, Beschluss vom 09.11.2012 – 7 – V 3251/​12, DSt­RE 2013, 1397; FG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 10.01.2013 – 3 – V 1340/​12, EFG 2013, 1782[]
  6. BFH, Beschluss vom 21.06.2010 – VII R 27/​08 ((BFHE 229, 492, BStBl II 2011, 331, unter II. 3. letz­ter Absatz[]