Insol­venz­be­schlag für Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che bei vor­be­hal­te­ner Nach­trags­ver­tei­lung

Nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens ent­stan­de­ne, aber bereits wäh­rend sei­ner Dau­er begrün­de­te Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che des Insol­venz­schuld­ners unter­lie­gen wei­ter­hin dem Insol­venz­be­schlag, falls mit der Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens ihre Nach­trags­ver­tei­lung vor­be­hal­ten wor­den ist. Für sol­che dem Insol­venz­be­schlag wei­ter­hin unter­lie­gen­den Ansprü­che gel­ten die insol­venz­recht­li­chen Auf­rech­nungs­ver­bo­te.

Insol­venz­be­schlag für Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che bei vor­be­hal­te­ner Nach­trags­ver­tei­lung

Zur Insol­venz­mas­se, über die der Insol­venz­schuld­ner gemäß § 80 InsO kein Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­recht hat, gehört nach § 35 Abs. 1 InsO das gesam­te Ver­mö­gen, das dem Schuld­ner zur Zeit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens gehört und das er wäh­rend des Ver­fah­rens erlangt. Dabei kommt es nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­finan­hofs sowie des Bun­des­ge­richts­hofs hin­sicht­lich der Zuge­hö­rig­keit von Ansprü­chen zur Insol­venz­mas­se nicht auf den Zeit­punkt der Voll­rechts­ent­ste­hung an, son­dern auf den Zeit­punkt, in dem nach insol­venz­recht­li­chen Grund­sät­zen der Rechts­grund für den Anspruch gelegt wor­den ist. Ein Anspruch auf Erstat­tung von Ein­kom­men­steu­er­zah­lun­gen gehört daher zur Insol­venz­mas­se, wenn der die Erstat­tungs­for­de­rung begrün­den­de Sach­ver­halt vor oder wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens ver­wirk­licht wor­den ist 1. Der Rechts­grund für eine Erstat­tung von Ein­kom­men­steu­er wird bereits mit der Leis­tung der ent­spre­chen­den Vor­aus­zah­lun­gen gelegt, denn bereits in die­sem Zeit­punkt erlangt der Steu­er­pflich­ti­ge einen Anspruch auf Erstat­tung der Vor­aus­zah­lun­gen unter der auf­schie­ben­den Bedin­gung, dass am Jah­res­en­de die geschul­de­te Ein­kom­men­steu­er gerin­ger ist als die Sum­me der Vor­aus­zah­lun­gen 2.

Nach die­sem insol­venz­recht­li­chen Grund­satz wur­de der Rechts­grund für die Erstat­tungs­an­sprü­che 2006 des Schuld­ners bereits wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens gelegt, soweit die Erstat­tungs­an­sprü­che auf vor Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens geleis­te­ten Vor­aus­zah­lun­gen hier im Wege des Steu­er­ab­zugs vom Lohn- beru­hen.

Wer­den erst nach der Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens Ansprü­che des Schuld­ners ermit­telt, die vor oder wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens in insol­venz­recht­li­cher Hin­sicht "begrün­det" wur­den und somit zur Insol­venz­mas­se gehör­ten, kön­nen sie Gegen­stand einer Nach­trags­ver­tei­lung gemäß § 203 Abs. 1 Nr. 3 InsO sein. Wird die Nach­trags­ver­tei­lung ange­ord­net, so besteht die Insol­venz­be­schlag­nah­me i.S. des § 80 Abs. 1 InsO fort mit der Fol­ge, dass inso­weit die Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­be­fug­nis wei­ter­hin beim (frü­he­ren) Insol­venz­ver­wal­ter liegt.

Die­sel­be Rechts­fol­ge tritt ein, wenn im Schluss­ter­min die Nach­trags­ver­tei­lung bestimm­ter Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de vor­be­hal­ten wird. Nach all­ge­mei­ner im insol­venz­recht­li­chen Schrift­tum ver­tre­te­ner Auf­fas­sung kann das Insol­venz­ge­richt die Nach­trags­ver­tei­lung bestimm­ter Gegen­stän­de schon im Schluss­ter­min vor­be­hal­ten. In die­sem Fall bedarf zwar die nach­träg­li­che Ver­tei­lung die­ser Gegen­stän­de noch einer wei­te­ren Anord­nung des Insol­venz­ge­richts; gleich­wohl besteht hin­sicht­lich die­ser Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de bereits durch den Vor­be­halt ihrer Nach­trags­ver­tei­lung der Insol­venz­be­schlag unver­än­dert fort 3.

Mit dem vom Insol­venz­ge­richt im Zusam­men­hang mit der Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens aus­ge­spro­che­nen Vor­be­halt der Nach­trags­ver­tei­lung bestimm­ter Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de der Insol­venz­mas­se, die zwar bereits bekannt sind, die aber noch nicht ver­wer­tet wer­den kön­nen, wird erreicht, dass der Insol­venz­schuld­ner trotz der Ver­fah­rens­be­en­di­gung die Ver­fü­gungs­be­fug­nis über die­se Gegen­stän­de nicht wie­der­erlangt, wodurch die Befrie­di­gung der Insol­venz­gläu­bi­ger aus die­sen Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den gesi­chert wird. Es wider­sprä­che die­sem Sinn und Zweck einer vor­be­hal­te­nen Nach­trags­ver­tei­lung, wenn man wie das Finanz­amt meint- auch in die­sem Fall den Insol­venz­be­schlag von der Anord­nung der Nach­trags­ver­tei­lung durch das Insol­venz­ge­richt abhän­gig machen woll­te. Soweit der Bun­des­fi­nanz­hof mit Beschluss in BFH/​NV 2009, 6, auf den das Finanz­amt sich beruft, aus­ge­führt hat, nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens tre­te die erneu­te Insol­venz­be­schlag­nah­me der Nach­trags­ver­tei­lung unter­lie­gen­der For­de­run­gen erst mit dem Beschluss über die Anord­nung der Nach­trags­ver­tei­lung ein, lag die­sem Beschluss ein Fall zugrun­de, in wel­chem die Nach­trags­ver­tei­lung nicht vor­be­hal­ten war.

Soweit danach die wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens begrün­de­ten Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che 2006 des Schuld­ners wei­ter­hin dem Insol­venz­be­schlag unter­lie­gen, gel­ten hin­sicht­lich der Fra­ge, ob das Finanz­amt gegen die­se Ansprü­che mit Insol­venz­for­de­run­gen auf­rech­nen kann, die Auf­rech­nungs­ver­bo­te des § 96 InsO. Die vom Finanz­amt erklär­te Auf­rech­nung gegen die Erstat­tungs­an­sprü­che 2006 ist daher gemäß § 96 Abs. 1 Nr. 1 InsO inso­weit unzu­läs­sig, als die­se Ansprü­che wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens begrün­det wor­den sind.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 28. Febru­ar 2012 – VII R 36/​11

  1. BFH, Urteil vom 06.02.1996 – VII R 116/​94, BFHE 179, 547, BSt­Bl II 1996, 557; BFH, Beschlüs­se vom 07.06.2006 – VII B 329/​05, BFHE 212, 436, BSt­Bl II 2006, 641; und vom 04.09.2008 – VII B 239/​07, BFH/​NV 2009, 6; BGH, Beschluss vom 12.01.2006 – IX ZB 239/​04, NJW 2006, 1127[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 179, 547, BSt­Bl II 1996, 557; BFH, Beschluss in BFHE 212, 436, BSt­Bl II 2006, 641[]
  3. Münch­Komm-InsO/Hint­zen, 2. Aufl., § 203 Rz 19, 20, 22, 23; Mel­ler-Han­nich in Jäger, Insol­venz­ord­nung, § 203 Rz 10, 11; Kieß­ner in Braun, Insol­venz­ord­nung, 4. Aufl., § 203 Rz 9; FK-InsO/Kieß­ner, 6. Aufl., § 203 Rz 4, 14; Hess, Insol­venz­recht, Groß­kom­men­tar, § 203 InsO Rz 26; West­phal in Nerlich/​Römermann, Insol­venz­ord­nung, § 203 Rz 12; eben­so: BGH, Beschluss vom 26.01.2012 – IX ZB 111/​10 , ZIP 2012, 437; sowie zur Kon­kurs­ord­nung: BGH, Urteil vom 22.02.1973 – VI ZR 165/​71, NJW 1973, 1198; zum Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren: BGH, Beschluss vom 17.02.2011, – IX ZB 268/​08, Zeit­schrift für das gesam­te Insol­venz­recht 2011, 632, ZIP 2011, 625[]