Kla­gen auf eng­lisch

Gerichts­spra­che ist deutsch, § 184 GVG. Dies gilt auch vor dem Finanz­ge­richt, § 52 I FGO. Wie eine von einem des Deut­schen nicht mäch­ti­gen Aus­tra­li­ers in Eng­lisch erho­be­ne Kla­ge gleich­wohl zuläs­sig sein kann, zeigt ein Urteil des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf in einer Erb­schaft­steu­er­sa­che:

Kla­gen auf eng­lisch

Das Finanz­ge­richt sah die mit dem eng­lisch­spra­chi­gem Schrift­satz ein­ge­leg­te Kla­ge als wirk­sam erho­ben an: Zwar hat der Klä­ger sich mit Schrei­ben vom 17. Mai 2010 an das Gericht ledig­lich in eng­li­scher Spra­che gegen die Ent­schei­dun­gen des beklag­ten Finanz­am­tes vom 27. April 2009 bzw. 18. Juni 2009 in der Fas­sung der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 13. April 2010 gewandt.

Nach herr­schen­der Auf­fas­sung ist ein fremd­spra­chi­ger Schrift­satz wegen des Grund­sat­zes der deut­schen Gerichts­spra­che gemäß § 52 Abs. 1 FGO in Ver­bin­dung mit § 184 GVG unbe­acht­lich und des­halb nicht fris­t­wah­rend [1]. Gleich­wohl ist im Streit­fall die Kla­ge wirk­sam erho­ben, weil das Gericht inzwi­schen von Amts wegen die in eng­li­scher Spra­che abge­fass­te Kla­ge­schrift durch die der eng­li­schen Spra­che hin­rei­chend mäch­ti­ge Urkund­s­be­am­tin der Geschäfts­stel­le am 5. Juli 2010 in die deut­sche Spra­che hat über­set­zen las­sen (§ 190 Satz 1 GVG).

Wegen des Grund­sat­zes der Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes, der sich aus Arti­kel 19 Abs. 4 GG ergibt, hielt es das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf im Streit­fall von Amts wegen für gebo­ten, eine Über­set­zung durch die Urkund­s­be­am­tin der Geschäfts­stel­le vor­neh­men zu las­sen. Arti­kel 19 Abs. 4 GG gewährt nicht nur das for­mel­le Recht und die theo­re­ti­sche Mög­lich­keit, die Gerich­te in Deutsch­land anzu­ru­fen, son­dern auch die Effek­ti­vi­tät des Rechts­schut­zes. Ein dem deut­schen Erb­schaft­steu­er- und Schen­kungsteu­er­recht unter­wor­fe­ner aus­län­di­scher Steu­er­pflich­ti­ger ( § 2 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 ErbStG ), wie der in Aus­tra­li­en leben­de Klä­ger, hat einen sub­stan­ti­el­len Anspruch auf eine tat­säch­lich wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le der Ent­schei­dung der Finanz­ver­wal­tung in sei­ner Erb­schaft­steu­er­sa­che. Das schließt auch die Befug­nis des dem deut­schen Erb­schaft­steu­er- und Schen­kungsteu­er­steu­er­recht unter­wor­fe­nen aus­län­di­schen Pflich­ti­gen ein, sich in sei­ner Mut­ter­spra­che mit einem Rechts­schutz­be­geh­ren an das zustän­di­ge inlän­di­sche Finanz­ge­richt zu wen­den.

Der Rechts­schutz­ga­ran­tie des Arti­kel 19 Abs. 4 GG kommt die Auf­ga­be zu, jeden Akt der Ver­wal­tung, der in Rech­te des Steu­er­bür­gers ein­greift, voll­stän­dig der rich­ter­li­chen Prü­fung zu unter­stel­len und damit irrepa­ra­ble Ent­schei­dun­gen, wie sie bei Ein­tritt einer Bestands­kraft der ange­foch­te­nen Ent­schei­dun­gen des Beklag­ten anzu­neh­men wären, soweit als mög­lich aus­zu­schlie­ßen [2]. Dadurch, dass das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf von Amts wegen die Über­set­zung der Kla­ge­schrift in die deut­sche Spra­che ver­an­lasst hat, ist auch der Zweck der Rege­lung im Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz über die Gerichts­spra­che, näm­lich die Ver­stän­di­gung in deut­scher Spra­che sicher­zu­stel­len, erfüllt. Es bedeu­te­te näm­lich einen nicht gerecht­fer­tig­ten For­ma­lis­mus, trotz bereits vor­lie­gen­der Über­set­zung die­se noch vom Klä­ger per­sön­lich zu ver­lan­gen [3].

Die Kla­ge­frist von einem Monat nach § 47 Abs. 1 FGO ist gewahrt. Die Kla­ge­frist begann mit der Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 13. April 2010 an den Klä­ger. Bei dem vom Beklag­ten gewähl­ten Ver­fah­ren der Über­mitt­lung durch die Post durch ein­fa­chen Brief galt die Ein­spruchs­ent­schei­dung wegen der Über­mitt­lung nach Aus­tra­li­en einen Monat nach Auf­ga­be zur Post als bekannt gege­ben (§ 122 Abs. 2 Nr. 2 AO), mit­hin im Streit­fall also am 13. Mai 2010. Die bei Gericht am 25. Mai 2010 ein­ge­gan­ge­ne Kla­ge­schrift hat somit die Kla­ge­frist des § 47 Abs. 1 FGO gewahrt.

Der Umstand, dass die Über­set­zung der Kla­ge­schrift in die deut­sche Spra­che nicht inner­halb der lau­fen­den Kla­ge­frist bis zum 13. Juni 2010 vor­ge­legt wor­den ist, macht die Kla­ge nicht unzu­läs­sig. Da der Senat den Klä­ger nicht auf­ge­for­dert hat, von sich aus inner­halb einer bestimm­ten Frist eine Über­set­zung der Kla­ge­schrift vor­zu­le­gen, ist ihm von Amts wegen Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren (§ 56 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Abs. 2 FGO). Bei dem im Aus­land leben­den und der deut­schen Spra­che nicht hin­rei­chend mäch­ti­gen Klä­ger ist wegen der anzu­neh­men­den Unkennt­nis des deut­schen Pro­zess­rechts davon aus­zu­ge­hen, dass die Frist­ver­säum­nis (wegen der unter­blie­be­nen Vor­la­ge einer Über­set­zung der Kla­ge­schrift inner­halb der Kla­ge­frist) unver­schul­det gewe­sen ist.

Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 17. Novem­ber 2010 – 4 K 1775/​10 Erb

  1. Gräber/​Koch, FGO, Kom­men­tar, 7. Auf­la­ge § 52 Tz. 30 m.w.N.[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.04.2010 – 1 BvR 2709/​09, NJW 2010, 2268, 2269, m.w.N. der Recht­spre­chung[]
  3. vgl. LSG Bre­men, Beschluss vom 08.12.1999 – L 3 V 68/​97[]