Münd­li­che Ver­hand­lung per Video­kon­fe­renz

Das Finanz­ge­richt ver­letzt den Anspruch des Klä­gers auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO) nicht dadurch, dass es auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung ent­schei­det, zu der der Klä­ger nicht per­sön­lich erschie­nen und auch nicht per Video­kon­fe­renz zuge­schal­tet ist.

Münd­li­che Ver­hand­lung per Video­kon­fe­renz

Das Gericht ent­schei­det grund­sätz­lich auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung (§ 90 Abs. 1 Satz 1 FGO). Im Rah­men der münd­li­chen Ver­hand­lung wird den Betei­lig­ten recht­li­ches Gehör u.a. dadurch gewährt, dass sie Gele­gen­heit erhal­ten, sich zum Sach­ver­halt zu äußern, der einer gericht­li­chen Ent­schei­dung zugrun­de gelegt wer­den soll [1]. Wer davon kei­nen Gebrauch macht, kann kei­ne Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör gel­tend machen [2]. Die Betei­lig­ten trifft eine pro­zes­sua­le Mit­ver­ant­wor­tung, die ihren Anspruch auf recht­li­ches Gehör begrenzt.

Glei­ches gilt, wenn das Finanz­ge­richt einem Betei­lig­ten gestat­tet, an der münd­li­chen Ver­hand­lung per Video­kon­fe­renz nach § 91a FGO teil­zu­neh­men, der Betei­lig­te von die­ser Mög­lich­keit aber kei­nen Gebrauch macht.

Nach § 91a Abs. 1 Satz 1 FGO kann das Gericht den Betei­lig­ten, ihren Bevoll­mäch­tig­ten und Bei­stän­den auf Antrag oder von Amts wegen gestat­ten, sich wäh­rend einer münd­li­chen Ver­hand­lung an einem ande­ren Ort auf­zu­hal­ten und dort Ver­fah­rens­hand­lun­gen vor­zu­neh­men.

Das Erfor­der­nis der kör­per­li­chen Prä­senz bei einer münd­li­chen Ver­hand­lung und damit der Unmit­tel­bar­keits­grund­satz wird durch Zulas­sung einer Bild- und Ton­über­tra­gung auf­ge­lo­ckert, indem die Zuschal­tung einer Par­tei und/​oder ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten per Video in die im Sit­zungs­zim­mer statt­fin­den­de Ver­hand­lung gestat­tet wird. Eine Ver­pflich­tung der Jus­tiz, ent­spre­chen­de tech­ni­sche Aus­rüs­tun­gen vor­zu­hal­ten, erzeugt die Vor­schrift nicht [3]. Sie begrün­det ledig­lich eine Befug­nis der Gerich­te, eine vor­han­de­ne Video­tech­nik ein­zu­set­zen, um die Pro­zess­be­tei­lig­ten von Rei­se- und Zeit­auf­wand zu ent­las­ten [4]. Ent­spre­chend besteht kei­ne Ver­pflich­tung des Gerichts, für eine Zuschal­tung per Video­kon­fe­renz in einem ande­ren Bun­des­land zu sor­gen. Es ist viel­mehr Auf­ga­be des Betei­lig­ten, sich um eine geeig­ne­te Video­kon­fe­renz­an­la­ge zu küm­mern, wenn er von der Gestat­tung nach § 91a FGO Gebrauch machen will.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te das Finanz­ge­richt dem Klä­ger antrags­ge­mäß die Teil­nah­me an der münd­li­chen Ver­hand­lung per Video­kon­fe­renz nach § 91a FGO gestat­tet und ihm eine Lis­te der Stand­or­te von Video­kon­fe­renz­an­la­gen über­sandt. Es wäre daher zunächst Sache des Klä­gers gewe­sen, mit den in der Lis­te genann­ten Gerich­ten oder Behör­den in der Nähe sei­nes Auf­ent­halts­orts Kon­takt auf­zu­neh­men und zu fra­gen, ob an dem anbe­raum­ten Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung die Anla­gen für ihn nutz­bar wären.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 18. Juli 2016 – VI B 128/​15

  1. BFH, Beschlüs­se vom 31.05.2007 – III B 50/​07, BFH/​NV 2007, 1907; vom 05.04.2016 – III B 137/​15[]
  2. BFH, Beschluss vom 18.12 2009 – III B 118/​08, BFH/​NV 2010, 665[]
  3. BT-Drs. 17/​12418, S. 17[]
  4. Zöller/​Greger, ZPO, 31. Aufl., § 128a Rz 1; vgl. auch BT-Drs. 17/​1224, S. 1[]