Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de – und die Pos­tu­la­ti­ons­fä­hig­keit

Vor dem Bun­des­fi­nanz­hof muss sich ‑wie auch aus der Rechts­mit­tel­be­leh­rung in dem ange­foch­te­nen Urteil her­vor­geht- jeder Betei­lig­te, sofern es sich nicht um eine juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts oder um eine Behör­de han­delt, durch einen Rechts­an­walt, Steu­er­be­ra­ter, Steu­er­be­voll­mäch­tig­ten, Wirt­schafts­prü­fer oder ver­ei­dig­ten Buch­prü­fer als Bevoll­mäch­tig­ten ver­tre­ten las­sen; zur Ver­tre­tung berech­tigt sind auch Gesell­schaf­ten i.S. des § 3 Nr. 2 und 3 des Steu­er­be­ra­tungs­ge­set­zes, die durch sol­che Per­so­nen han­deln (§ 62 Abs. 4 i.V.m. Abs. 2 Satz 1 FGO).

Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de – und die Pos­tu­la­ti­ons­fä­hig­keit

Die­ses Erfor­der­nis gilt nicht nur für die Ein­le­gung einer Beschwer­de wegen Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on, son­dern auch für deren Begrün­dung 1.

Der Ver­tre­tungs­zwang nach § 62 Abs. 4 FGO bedeu­tet, dass der jewei­li­ge Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die vol­le Ver­ant­wor­tung für die Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de über­neh­men muss; die Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de muss daher von dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten selbst stam­men 2.

Nicht aus­rei­chend hier­für ist z.B., dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die Kopie eines vom Beschwer­de­füh­rer ver­fass­ten Schrei­bens an den Steu­er­be­ra­ter bei­fügt 3, mit einem Begleit­schrei­ben einen von (dem Geschäfts­füh­rer der) Beschwer­de­füh­re­rin unter­schrie­be­nen Schrift­satz zur Begrün­dung der Beschwer­de über­sen­det 4, die Begrün­dung gemein­sam mit der Man­dan­tin unter Bin­dung an deren Wei­sun­gen erstellt hat 5, ledig­lich einen von einem Betei­lig­ten selbst ver­fass­ten Schrift­satz unter­schreibt 6 auf einen von sei­nen Man­dan­ten selbst ver­fass­ten Schrift­satz Bezug nimmt 7, als wört­li­che Wie­der­ga­be gekenn­zeich­ne­te Aus­füh­run­gen des Beschwer­de­füh­rers mit dem for­mel­haf­ten Hin­weis über­sen­det, die­sen sei "kaum etwas hin­zu­zu­set­zen" 8, oder sich auf den Inhalt einer Beschwer­de­schrift in einem ande­ren Ver­fah­ren von einem ande­ren Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bezieht 9.

Gemes­sen dar­an ist im Streit­fall der Ver­tre­tungs­zwang hin­sicht­lich der Beschwer­de­be­grün­dung nicht gewahrt.

Mit Tele­fax vom 23.06.2017 hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers und Beschwer­de­füh­rers (Klä­ger) ledig­lich die Sei­te 1 einer Begrün­dung der Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on über­sandt, die auf den 22.06.2017 datiert ist, aber nicht unter­zeich­net ist.

Die am 29.06.2017 voll­stän­dig ein­ge­gan­ge­ne und "i.A." von einer unbe­kann­ten Per­son unter­schrie­be­ne Begrün­dung stammt nicht vom Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten und ist nicht von ihm unter­zeich­net. Die Fra­ge des Bun­des­fi­nanz­hofs im Schrei­ben vom 06.07.2017, von wem die Unter­schrift stammt, hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te nicht beant­wor­tet. Statt­des­sen hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te mit Schrei­ben vom 19.07.2017 erklärt, er habe den Schrift­satz "anbei über­sen­de ich die ers­te Sei­te der Begrün­dung des Antrags auf Zulas­sung der Revi­si­on" unter­schrie­ben und damit "die Revi­si­on" (gemeint: Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de) begrün­det. Wer die Unter­schrift geleis­tet hat, wur­de nicht mit­ge­teilt. Dies genügt nach den unter 1.b dar­ge­leg­ten Grund­sät­zen nicht.

Soweit der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te mit Schrei­ben vom 27.07.2017 Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand bean­tragt und dabei erneut ledig­lich die ‑nicht von ihm unter­schrie­be­ne- "Rechts­mit­tel­be­grün­dung" vom 22.06.2017 über­sandt hat, gilt das­sel­be: Auch aus die­ser (erneu­ten) Über­sen­dung einer nicht von ihm stam­men­den Begrün­dungs­schrift wird deut­lich, dass sich der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te nicht selbst mit dem Streit­stoff befasst, ihn ins­be­son­de­re nicht im Hin­blick auf das Vor­lie­gen und die Dar­le­gung etwai­ger Zulas­sungs­grün­de über­prüft hat.

Die Begrün­dung des Wie­der­ein­set­zungs­an­trags im Schrei­ben vom 27.07.2017, das Fax­ge­rät des Beschwer­de­füh­rers habe am 23.06.2017 nicht funk­tio­niert, bestä­tigt dar­über hin­aus, dass die Beschwer­de­be­grün­dung nicht vom Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten stammt. Dass das Fax­ge­rät des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten defekt gewe­sen sei, wird nicht gel­tend gemacht.

Ob die Beschwer­de­be­grün­dung, was ange­sichts des Ver­gleichs der Unter­schrift mit meh­re­ren Schrei­ben in der Akte des Finanz­ge­richts nahe liegt; vom (nicht pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­gen) Herrn A stammt, kann dabei offen blei­ben.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 21. Sep­tem­ber 2017 – XI B 49/​17

  1. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 02.08.2007 – I B 143/​06, BFH/​NV 2007, 2306; vom 05.11.2013 – X B 41/​13, BFH/​NV 2014, 175[]
  2. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 26.08.1994 – III B 70/​94, BFH/​NV 1995, 251; vom 14.10.1987 – II R 18/​85, BFH/​NV 1989, 107; in BFH/​NV 2014, 175; Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 116 FGO Rz 127 f.; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 116 FGO Rz 28; Werth in Beermann/​Gosch, FGO § 116 Rz 49[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 17.10.2003 – XI B 145/​02, BFH/​NV 2004, 348[]
  4. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2007, 2306[]
  5. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2014, 175[]
  6. vgl. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 1995, 251; vom 29.03.2007 – VII B 297/​06, BFH/​NV 2007, 1339[]
  7. vgl. BFH, Beschluss vom 14.10.2005 – IX B 83/​05, BFH/​NV 2006, 330[]
  8. vgl. BFH, Beschluss vom 11.03.2003 – VII B 356/​02, BFH/​NV 2003, 817; s.a. BVerwG, Beschluss vom 22.03.2012 – 5 B 11/​12[]
  9. vgl. BFH, Beschluss vom 03.08.2010 – XI B 104/​09, BFH/​NV 2010, 2308, Rz 2[]