Not­wen­di­ger Inhalt einer Kla­ge­schrift – und das falsch bezeich­ne­te Finanz­amt

Zum not­wen­di­gen Inhalt einer Kla­ge­schrift gehört auch die (zutref­fen­de) Bezeich­nung des Beklag­ten, bei der Anfech­tungs­kla­ge gegen einen Steu­er­be­scheid mit­hin die Anga­be des zutref­fen­den Finanz­am­tes. Was aber, wenn in der Groß­stadt meh­re­re Finanz­äm­ter bestehen und das beklag­te Finanz­amt ver­se­hent­lich feh­ler­haft bezeich­net wird?

Not­wen­di­ger Inhalt einer Kla­ge­schrift – und das falsch bezeich­ne­te Finanz­amt

In fünf bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren, in denen in der Vor­in­stanz das Finanz­ge­richt die Kla­ge wegen der feh­ler­haf­ten Bezeich­nung als unzu­läs­sig abge­wie­sen hat­te, ist der Bun­des­fi­nanz­hof jetzt dem Klä­ger bei­gesprun­gen, hat die Vor­ent­schei­dun­gen des Finanz­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Sachen zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung (§ 116 Abs. 6 FGO) an das Finanz­ge­richt zurück­ver­wie­sen:

Der vom Klä­ger in der Begrün­dung sei­ner Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gel­tend gemach­te Ver­fah­rens­man­gel der Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs liegt vor. Das Finanz­ge­richt hat die Kla­gen zu Unrecht als unzu­läs­sig abge­wie­sen. Eine unzu­tref­fen­de Kla­ge­ab­wei­sung durch Pro­zes­sur­teil ist ein Ver­fah­rens­feh­ler i.S. des § 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO1 und ver­letzt den Anspruch des Klä­gers auf recht­li­ches Gehör2.

Nach § 65 Abs. 1 FGO muss die Kla­ge­schrift u.a. den Beklag­ten bezeich­nen. Rich­tet sich die Kla­ge nicht gegen die nach § 63 FGO zu ver­kla­gen­de Behör­de, führt dies nicht dazu, dass das Finanz­ge­richt die beklag­te Behör­de durch die pas­siv­le­gi­ti­mier­te zu erset­zen hat, son­dern zur Abwei­sung der Kla­ge als unzu­läs­sig3. Wird der in der Kla­ge­schrift benann­te Beklag­te nach Ein­rei­chung der Kla­ge aus­ge­wech­selt, liegt eine (sub­jek­ti­ve) Kla­ge­än­de­rung i.S. des § 67 FGO vor, die nur statt­haft ist, wenn sowohl das ursprüng­li­che als auch das geän­der­te Kla­ge­be­geh­ren alle Sach­ent­schei­dungs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt4. Dar­aus folgt, dass bei frist­ge­bun­de­nen Anfech­tungs- und Ver­pflich­tungs­kla­gen eine sub­jek­ti­ve Kla­ge­än­de­rung nur inner­halb der Kla­ge­frist zuläs­sig ist5.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs, auf die sich das Finanz­ge­richt gestützt hat, kommt bei einer Kla­ge­schrift, in der ein Beklag­ter aus­drück­lich und unmiss­ver­ständ­lich benannt wor­den ist, eine berich­ti­gen­de Aus­le­gung nicht in Betracht, weil es an der Aus­le­gungs­be­dürf­tig­keit einer Erklä­rung feh­le, wenn sie nach Wort­laut und Zweck einen ein­deu­ti­gen Inhalt hat6.

Lässt sich hin­ge­gen einer Kla­ge­schrift nicht ein­deu­tig ent­neh­men, gegen wel­che Finanz­be­hör­de sich die Kla­ge rich­tet, ist die Kla­ge­schrift aus­zu­le­gen7, wobei als Aus­le­gungs­hil­fe der Gesichts­punkt die­nen kann, dass die Kla­ge im Zwei­fel nicht gegen den fal­schen, son­dern gegen den nach dem Inhalt der Kla­ge rich­ti­gen Beklag­ten gerich­tet sein soll8. Die Bezeich­nung der Par­tei allein ist für die Par­tei­stel­lung nicht aus­schlag­ge­bend; viel­mehr kommt es dar­auf an, wel­cher Sinn der von der kla­gen­den Par­tei in der Kla­ge­schrift gewähl­ten Par­tei­be­zeich­nung bei objek­ti­ver Wür­di­gung des Erklä­rungs­in­halts bei­zu­le­gen ist9. Auf die Wort­wahl und die Bezeich­nung kommt es nicht ent­schei­dend an, son­dern auf den gesam­ten Inhalt der Wil­lens­er­klä­rung10. Es ist der wirk­li­che Wil­le zu erfor­schen, und nicht am buch­stäb­li­chen Sin­ne des Aus­drucks zu haf­ten. Die Vor­schrift des § 133 BGB ist näm­lich auch bei der Aus­le­gung von Pro­zess­hand­lun­gen zu beach­ten11.

Eine Ände­rung des Rubrums einer Kla­ge­schrift ist mög­lich, sofern für Gericht und Geg­ner von Anfang an klar erkenn­bar ist, wer durch die unrich­ti­ge Par­tei­be­zeich­nung als Par­tei ange­spro­chen wer­den soll­te12.

Da im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren die Kla­ge sowohl beim Finanz­ge­richt als auch bei der Behör­de ein­ge­reicht wer­den kann, die den ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akt erlas­sen hat (§ 47 Abs. 2 FGO), sind bei der Aus­le­gung einer beim Finanz­ge­richt ein­ge­reich­ten Kla­ge­schrift nicht nur die dem Finanz­ge­richt als Adres­sa­ten, son­dern auch die im Zeit­punkt des Kla­ge­ein­gangs der Behör­de bekann­ten oder ver­nünf­ti­ger­wei­se erkenn­ba­ren Umstän­de zu berück­sich­ti­gen13. Die Aus­le­gung der Kla­ge­schrift darf des­halb nicht davon abhän­gen, wann die zu ihrer Aus­le­gung her­an­zu­zie­hen­den Umstän­de dem Finanz­ge­richt als mög­li­chem Adres­sa­ten der Kla­ge­schrift bekannt­ge­wor­den sind14. Die­se weni­ger form­stren­ge Betrach­tung trägt dem aus Art.19 Abs. 4 des Grund­ge­set­zes abzu­lei­ten­den Grund­satz der rechts­schutz­ge­wäh­ren­den Aus­le­gung Rech­nung15.

Aus­ge­hend davon ist das Finanz­ge­richt zu Unrecht davon aus­ge­gan­gen, dass die Kla­gen unzu­läs­sig sind, weil Beklag­ter ein­deu­tig und unmiss­ver­ständ­lich das Finanz­amt X II sei.

Dem Finanz­ge­richt ist dabei zunächst zuzu­ge­ben, dass die iso­lier­te Betrach­tung der For­mu­lie­rung in den Kla­ge­schrif­ten "gegen Finanz­amt X II" für die Aus­le­gung des Finanz­ge­richt spricht. Aller­dings wäre bei einer der­art iso­lier­ten Betrach­tung nie­mals ein Fall der berich­ti­gungs­fä­hi­gen Falsch­be­zeich­nung eines Beklag­ten denk­bar. Des­halb muss die Kla­ge­schrift als Gan­zes in den Blick genom­men wer­den. Das Finanz­ge­richt hat bei sei­ner Aus­le­gung der Kla­ge­schrif­ten nicht berück­sich­tigt, dass es im Streit­fall um die zutref­fen­de Bezeich­nung eines Finanz­amts von meh­re­ren Finanz­äm­tern einer Groß­stadt ging, deren Bezeich­nung sich ledig­lich durch die Bei­fü­gung einer römi­schen Zif­fer ("II" bzw. "IV") unter­schied und dass in der­ar­ti­gen Fäl­len eine (ver­se­hent­li­che) Falsch­be­zeich­nung beson­ders nahe­lie­gend ist. Zudem hat­te der Klä­ger in allen Ver­fah­ren die ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­te und Ein­spruchs­ent­schei­dun­gen ein­deu­tig bezeich­net.

In einem Ver­fah­ren ergab sich die Aus­le­gungs­be­dürf­tig­keit der Kla­ge­schrift außer­dem dar­aus, dass der ange­foch­te­ne Bescheid von einem ‑nicht exis­tie­ren­den- "Finanz­amt X" (ohne Zusatz) stam­men soll. Auch dies zeigt, dass (auch) die­se Kla­ge­schrift nicht unmiss­ver­ständ­lich, son­dern unklar und wider­sprüch­lich abge­fasst war.

Dass die Anga­ben des Klä­gers in den Kla­ge­schrif­ten, obwohl er dort sei­ne Steu­er­num­mer nicht genannt hat, die Aus­le­gung zuließ, dass das Finanz­amt X IV Beklag­ter sein soll, wird im Übri­gen dadurch bestä­tigt, dass sich das Finanz­amt X IV in allen Ver­fah­ren mit Schrei­ben vom 21.09.2011 selbst als Beklag­ten ange­se­hen und bezeich­net hat, obwohl nicht ihm, son­dern dem Finanz­amt X II die Kla­ge zuge­stellt wor­den ist. Eben­so ist es im Schrei­ben vom 07.10.2011 ver­fah­ren. Selbst noch im Schrei­ben vom 25.11.2011 hat sich das Finanz­amt X IV als Beklag­ten bezeich­net und ange­se­hen.

Das Finanz­amt X II muss­te dage­gen vom Finanz­ge­richt unter dem 28.11.2011 geson­dert auf­ge­for­dert wer­den, auf die Kla­gen zu erwi­dern, weil es sich selbst ‑trotz Zustel­lung der Kla­gen an das Finanz­amt X II- nicht als Beklag­ten ange­se­hen hat.

Im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren unter­liegt die Bestim­mung des rich­ti­gen Klä­gers oder Beklag­ten zwar nicht der Dis­po­si­ti­on der Betei­lig­ten16. Jedoch zeigt das Ver­hal­ten der bei­den Finanz­äm­ter, dass im Streit­fall nicht davon gespro­chen wer­den kann, dass ‑wie das Finanz­ge­richt meint- Beklag­ter "unmiss­ver­ständ­lich" das Finanz­amt X II hät­te sein sol­len.

Der Bun­des­fi­nanz­hof weicht mit die­ser Aus­le­gung nicht von sei­nem Urteil in BFHE 130, 12, BSt­Bl II 1980, 331 und sei­nem Beschluss in BFH/​NV 1997, 588 ab; denn im Streit­fall bestehen ent­schei­dungs­er­heb­li­che Unter­schie­de in der Art der Falsch­be­zeich­nung, die dazu füh­ren, dass hier ‑anders als dort- die Bezeich­nung des Beklag­ten nicht unmiss­ver­ständ­lich war, was sich schon dar­an zeigt, dass das Finanz­amt X IV vom Finanz­ge­richt qua­si aus den Ver­fah­ren gewie­sen wer­den muss­te, obwohl es nach sei­ner Aus­le­gung der Kla­ge­schrif­ten annahm, Beklag­ter zu sein.

Es erscheint sach­ge­recht, gemäß § 116 Abs. 6 FGO die ange­foch­te­nen Urtei­le auf­zu­he­ben und die Rechts­strei­te zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Finanz­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen, da bei unzu­tref­fen­der Abwei­sung einer Kla­ge als unzu­läs­sig von einer Revi­si­ons­ent­schei­dung regel­mä­ßig kei­ne wei­te­re recht­li­che Klä­rung zu erwar­ten ist17.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 13. Mai 2014 – XI B 129 −132÷13; XI B 129/​13; XI B 130/​13; XI B 131/​13; XI B 132/​13

  1. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 06.03.2000 – II B 48/​99, BFH/​NV 2000, 1112; vom 18.08.2011 – V B 44/​10, BFH/​NV 2011, 2084 []
  2. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 23.04.2009 – X B 43/​08, BFH/​NV 2009, 1443; vom 05.02.2014 – XI B 73/​13, BFH/​NV 2014, 872; Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 115 FGO Rz 234; Seer in Tipke/​Kruse, Abgabenordnung/​Finanzgerichtsordnung, § 115 FGO Rz 104; Gräber/​Ruban, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 115 Rz 80 "Aus­le­gung der Kla­ge­schrift" []
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 19.05.2008 – V B 29/​07, BFH/​NV 2008, 1501, m.w.N. []
  4. z.B. BFH, Urteil vom 22.01.2004 – III R 26/​02, BFH/​NV 2004, 792 []
  5. z.B. BFH, Urtei­le vom 26.02.1980 – VII R 60/​78, BFHE 130, 12, BSt­Bl II 1980, 331; vom 23.03.2005 – III R 20/​03, BFHE 209, 29, BSt­Bl II 2006, 432 []
  6. vgl. BFH, Urteil in BFHE 130, 12, BSt­Bl II 1980, 331; BFH, Beschlüs­se vom 30.01.1997 – I B 69/​96, BFH/​NV 1997, 588; vom 11.03.1999 – V B 154/​98, BFH/​NV 1999, 1226; vom 27.08.2007 – IV B 98/​06, BFH/​NV 2007, 2322; s.a. BFH, Urteil vom 16.04.1985 – VII K 17/​84, BFH/​NV 1985, 119; dazu kri­tisch Bran­dis in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 65 FGO Rz 10; Schall­mo­ser in HHSp, § 65 FGO Rz 60 []
  7. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 130, 12, BSt­Bl II 1980, 331; vom 15.05.1990 – VII R 7/​88, BFHE 161, 395, BSt­Bl II 1990, 1007 Rz 5 f.; vom 26.02.1991 – IX R 95/​88, BFHE 163, 562, BSt­Bl II 1991, 572 []
  8. vgl. BVerwG, Urteil vom 18.11.1982 – 1 C 62/​81, HFR 1983, 172; BFH, Urteil in BFH/​NV 2004, 792 []
  9. vgl. BFH, Urtei­le vom 14.11.1986 – III R 12/​81, BFHE 148, 212, BSt­Bl II 1987, 178; vom 09.11.1994 – XI R 10/​94, BFH/​NV 1995, 859 []
  10. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 07.11.2007 – I B 104/​07, BFH/​NV 2008, 799; vom 29.07.2009 – VI B 44/​09, BFH/​NV 2009, 1822 []
  11. BFH, Beschluss vom 23.10.1989 – GrS 2/​87, BFHE 159, 4, BSt­Bl II 1990, 327, unter C.II. 4. []
  12. BFH, Beschluss vom 16.08.2001 – V B 51/​01, BFHE 196, 16, BSt­Bl II 2001, 767, m.w.N. []
  13. vgl. BFH, Urteil vom 19.05.2011 – III R 74/​10, BFH/​NV 2011, 1705 []
  14. BFH, Urtei­le vom 12.05.1989 – III R 132/​85, BFHE 157, 296, BSt­Bl II 1989, 846; vom 16.06.1994 – IV R 97/​93, BFH/​NV 1995, 279 []
  15. vgl. BFH, Urtei­le vom 08.01.1991 – VII R 61/​88, BFH/​NV 1991, 795; vom 11.12 1992 – VI R 162/​88, BFHE 169, 507, BSt­Bl II 1993, 306; in BFH/​NV 2011, 1705, Rz 10 []
  16. BFH, Beschluss vom 15.03.2002 – VII B 120/​01, BFH/​NV 2002, 943; BFH, Urteil in BFHE 209, 29, BSt­Bl II 2006, 432 []
  17. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 29.01.2010 – II B 107/​09, BFH/​NV 2010, 938; vom 22.03.2012 – XI B 1/​12, BFH/​NV 2012, 1170, Rz 19 []