Pflicht des Finanz­ge­richts zur Bei­zie­hung von Prü­fer­hand­ak­ten

Das Finanz­ge­richt ver­letzt sei­ne Sach­auf­klä­rungs­pflicht nach § 76 Abs. 1 Satz 1 FGO nicht dadurch, dass es die Prü­fer­hand­ak­te nicht von sich aus zum Ver­fah­ren bei­zieht.

Pflicht des Finanz­ge­richts zur Bei­zie­hung von Prü­fer­hand­ak­ten

Nach § 76 Abs. 1 Satz 1 FGO erforscht das Gericht den Sach­ver­halt von Amts wegen. Des­halb hat das Gericht den Sach­ver­halt unter Aus­schöp­fung aller ver­füg­ba­ren Beweis­mit­tel bis zur Gren­ze des Zumut­ba­ren so voll­stän­dig wie mög­lich auf­zu­klä­ren 1. Das Gericht trifft aller­dings kei­ne Ver­pflich­tung, den Sach­ver­halt ohne bestimm­ten Anlass und gleich­sam "ins Blaue hin­ein" zu erfor­schen 2. Auf­klä­rungs­maß­nah­men muss das Gericht viel­mehr nur dann ergrei­fen, wenn ein Anlass hier­zu besteht, der sich aus den bei­gezo­ge­nen Akten, dem Betei­lig­ten­vor­brin­gen oder sons­ti­gen Umstän­den ergibt 3.

Im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren bil­den die Akten bzw. der Akten­in­halt eine wesent­li­che Ent­schei­dungs­grund­la­ge, wes­halb die betei­lig­te Behör­de die den Streit­fall betref­fen­den Akten vor­zu­le­gen hat (§ 71 Abs. 2 FGO). Das bedeu­tet, dass jedes Akten­stück über­sandt wer­den muss, das für die Beur­tei­lung der Sach- und Rechts­la­ge erheb­lich und für die Ent­schei­dung des Rechts­streits von Bedeu­tung sein kann 4. Zu den nach Maß­ga­be des § 71 Abs. 2 FGO vor­zu­le­gen­den Akten gehö­ren auch Prü­fer­hand­ak­ten 5. Nach den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen wäre das Finanz­amt folg­lich nach § 71 Abs. 2 FGO im hier ent­schie­de­nen Fall ver­pflich­tet gewe­sen, dem Finanz­ge­richt im Streit­fall auch die Prü­fer­hand­ak­te vor­zu­le­gen, weil der dar­in ent­hal­te­ne Schrift­satz der Klä­ge­rin vom 27. Okto­ber 2006 offen­sicht­lich ent­schei­dungs­re­le­vant ist.

Wenn das Finanz­amt dem­ge­gen­über aus­führt, das Erfor­der­nis der Bei­zie­hung der Prü­fer­hand­ak­te habe sich dem Finanz­ge­richt schon des­halb auf­drän­gen müs­sen, weil bei der Prü­fung der Klä­ge­rin als Groß­be­trieb beson­ders erfah­re­ne Prü­fer zum Ein­satz gekom­men sei­en, wel­che erfah­rungs­ge­mäß Ver­jäh­rungs­fra­gen bei der Ter­mi­nie­rung von Prü­fun­gen berück­sich­ti­gen wür­den, so ist dies schon des­halb uner­heb­lich, weil es weder einen sol­chen Erfah­rungs­satz gibt noch dar­aus der Schluss abge­lei­tet wer­den könn­te, es müs­se abseits der dem Gericht vor­ge­leg­ten Akten im Akten­be­stand des Finanz­am­tes noch ein Schrift­stück exis­tie­ren, wel­ches eine Ablauf­hem­mung aus­ge­löst haben könn­te.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 24. Mai 2012 – IV B 58/​11

  1. BFH, Urteil vom 29.11.2006 – VI R 70/​05, BFH/​NV 2007, 732, m.w.N.[]
  2. BFH, Beschlüs­se vom 01.09.2006 – VIII B 81/​05, BFH/​NV 2006, 2297; vom 22.08.2006 – I B 21/​06, BFH/​NV 2007, 10[]
  3. BFH, Beschlüs­se vom 03.08.2005 – I B 9/​05, BFH/​NV 2005, 2227; vom 13.09.2007 – VI B 100/​06, BFH/​NV 2007, 2331[]
  4. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 18.09.1989 – IV B 3/​89, BFH/​NV 1990, 378; vom 08.07.1994 – V B 19/​94, BFH/​NV 1995, 604[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 25.07.1994 – X B 333/​93, BFHE 174, 491, BSt­Bl II 1994, 802, m.w.N.[]