Pflicht zur Anpas­sung eines Fol­ge­be­scheids an den Grund­la­gen­be­scheid

Nach § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO ist ein Steu­er­be­scheid (Fol­ge­be­scheid) zu erlas­sen, auf­zu­he­ben oder zu ändern, soweit ein Grund­la­gen­be­scheid, dem Bin­dungs­wir­kung für die­sen Steu­er­be­scheid zukommt, erlas­sen, auf­ge­ho­ben oder geän­dert wird. Grund­la­gen­be­scheid ist nach § 171 Abs. 10 Satz 1 AO auch ein Fest­stel­lungs­be­scheid, soweit er für die Fest­set­zung einer Steu­er bin­dend ist. Das gilt nach § 155 Abs. 4 AO sinn­ge­mäß auch für die Fest­set­zung einer Steu­er­ver­gü­tung (Steu­er­ver­gü­tungs­be­scheid), wie es z.B. die Eigen­heim­zu­la­ge ist [1].

Pflicht zur Anpas­sung eines Fol­ge­be­scheids an den Grund­la­gen­be­scheid

Fest­stel­lungs­be­schei­de (Grund­la­gen­be­schei­de) sind u.a. für Steuer(vergütungs)bescheide (Fol­ge­be­schei­de) bin­dend, soweit in ihnen getrof­fe­ne Fest­stel­lun­gen für die­se Fol­ge­be­schei­de von Bedeu­tung sind (§ 182 Abs. 1 Satz 1 AO). Die Bin­dungs­wir­kung ergibt sich nach Inhalt und Umfang aus den „getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen“ (Ver­fü­gungs­sät­ze), also dem Rege­lungs­teil des Fest­stel­lungs­be­scheids [2]. Sie tritt ein, sobald der Fest­stel­lungs­be­scheid wirk­sam nach § 124 Abs. 1 AO ergan­gen ist; Unan­fecht­bar­keit ist nicht erfor­der­lich (§ 182 Abs. 1 Satz 1 AO) [3]. Der Fest­stel­lungs­be­scheid kann zeit­lich auch erst – wie sich aus § 155 Abs. 2 AO ergibt [4]- nach einem Steu­er­be­scheid erge­hen.

Im Umfang der in § 182 Abs. 1 Satz 1 AO fest­ge­leg­ten Bin­dungs­wir­kung („soweit“) des Fest­stel­lungs­be­scheids (Grund­la­gen­be­scheids) folgt aus § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO („ist“) eine abso­lu­te Anpas­sungs­pflicht [5] in Bezug auf davon betrof­fe­ne Steu­er­be­schei­de als Fol­ge­be­schei­de. Eine eigen­stän­di­ge Ermitt­lung der Besteue­rungs­grund­la­gen im Rah­men eines dem Fest­stel­lungs­ver­fah­ren nach­ge­schal­te­ten Ver­fah­rens schei­det in sol­chen Fäl­len aus.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 29. Febru­ar 2012 – IX R 21/​10

  1. vgl. BFH, Urteil vom 11.05.2010 – IX R 35/​09, BFH/​NV 2010, 1621[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 08.11.2005 – VIII R 11/​02, BFHE 211, 277, BStBl II 2006, 253; und – VIII R 21/​01, BFH/​NV 2006, 491: „Fest­stel­lungs­be­reich“[]
  3. Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 182 AO Rz 6; Koenig in Pahlke/​Koenig, Abga­ben­ord­nung, 2. Aufl., § 182 Rz 7[]
  4. vgl. Koenig, a.a.O., § 182 Rz 11; s. auch BFH, Urteil vom 03.12.2008 – X R 3/​07, BFH/​NV 2009, 711[]
  5. vgl. BFH, Urtei­le vom 13.12.2000 – X R 42/​96, BFHE 194, 305, BStBl II 2001, 471; vom 28.11.2007 – X R 11/​07, BFHE 220, 3, BStBl II 2008, 335; vom 24.09.2009 – III R 19/​06, BFH/​NV 2010, 164[]