Recht­li­ches Gehör – und die gericht­li­che Hin­weis­pflicht

a)) Recht­li­ches Gehör wird den Betei­lig­ten dadurch gewährt, dass sie Gele­gen­heit erhal­ten, sich zu dem Sach­ver­halt, der einer gericht­li­chen Ent­schei­dung zugrun­de gelegt wer­den soll, zu äußern (§ 96 Abs. 2 FGO). Dem­zu­fol­ge darf das Gericht sei­ne Ent­schei­dung auf einen recht­li­chen Gesichts­punkt, den ein Betei­lig­ter erkenn­bar über­se­hen oder für uner­heb­lich gehal­ten hat, nur dann stüt­zen, wenn es ihm Gele­gen­heit zur Äuße­rung gege­ben hat 1.

Recht­li­ches Gehör – und die gericht­li­che Hin­weis­pflicht

Das Recht auf Gehör bezieht sich vor allem auf Tat­sa­chen und Beweis­ergeb­nis­se. Doch folgt aus § 93 Abs. 1 FGO, wonach der Vor­sit­zen­de in der münd­li­chen Ver­hand­lung die Streit­sa­che tat­säch­lich und recht­lich zu erör­tern hat, dass die Betei­lig­ten auch in recht­li­cher Hin­sicht vor Über­ra­schun­gen bewahrt wer­den sol­len. Des­halb kommt in beson­ders gela­ger­ten Fäl­len eine Ver­let­zung des Rechts auf Gehör in Betracht, wenn das Gericht die Betei­lig­ten nicht auf eine Rechts­auf­fas­sung hin­weist, die es sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de legen will 2. Das ist z.B. der Fall, wenn das Gericht einen bis dahin nicht erör­ter­ten recht­li­chen (oder tat­säch­li­chen) Gesichts­punkt zur Grund­la­ge sei­ner Ent­schei­dung gemacht und damit dem Rechts­streit eine Wen­dung gege­ben hat, mit der auch ein kun­di­ger Betei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf des Ver­fah­rens nicht zu rech­nen brauch­te 3. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat finanz­ge­richt­li­che Urtei­le z.B. dann als unzu­läs­si­ge Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen ange­se­hen, wenn das Gericht von der in sei­nem Beweis­be­schluss unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck gekom­me­nen Rechts­an­sicht abweicht, ohne die Rechts­fra­gen noch­mals zur Erör­te­rung gestellt zu haben 4, oder wenn es ohne vor­he­ri­ge Anhö­rung der Betei­lig­ten in einem bestimm­ten Streit­punkt zuun­guns­ten des Klä­gers ent­schei­det, obwohl der Beklag­te wäh­rend des Kla­ge­ver­fah­rens inso­weit sei­nen vor­ma­li­gen Rechts­stand­punkt auf­ge­ge­ben hat­te 5.

Der rich­ter­li­che Hin­weis nach § 76 Abs. 2 FGO soll in ers­ter Linie zur Gewähr­leis­tung eines fai­ren Ver­fah­rens, zur Wah­rung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör und zur Ver­mei­dung von Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen Schutz und Hil­fe­stel­lung für die Betei­lig­ten geben, ohne dass indes deren Eigen­ver­ant­wort­lich­keit dadurch ein­ge­schränkt oder besei­tigt wird. Der Erfolg einer Kla­ge soll nicht an der Rechts­un­er­fah­ren­heit des Klä­gers, zumal in Form­sa­chen, schei­tern 6.

Inhalt und Umfang der aus § 76 Abs. 2 FGO fol­gen­den Hin­weis­pflich­ten sind indes von der Sach- und Rechts­la­ge des ein­zel­nen Fal­les abhän­gig, von der Mit­wir­kung der Betei­lig­ten und von deren indi­vi­du­el­len Mög­lich­kei­ten. Die Hin­weis­pflich­ten ent­fal­len zwar auch bei fach­kun­dig ver­tre­te­nen Betei­lig­ten nicht von vorn­her­ein 7. Jedoch stellt das Unter­las­sen eines Hin­wei­ses regel­mä­ßig bei steu­er­lich bera­te­nen und durch einen fach- und sach­kun­di­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­te­nen Betei­lig­ten kei­ne Ver­let­zung der Pflich­ten aus § 76 Abs. 2 FGO dar. Da das Finanz­ge­richt bereits vor der münd­li­chen Ver­hand­lung all­ge­mein auf die Rele­vanz der per­sön­li­chen Lebens­füh­rung des Klä­gers hin­ge­wie­sen und den rechts­kun­dig ver­tre­te­nen Klä­ger sodann in der münd­li­chen Ver­hand­lung hier­zu gehört hat­te, lie­gen im Streit­fall auch kei­ne beson­de­ren Umstän­de vor, die eine Aus­nah­me von die­ser Regel erfor­dern.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 10. August 2016 – VI B 10/​16

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 01.07.2004 – IV B 187/​02, BFH/​NV 2004, 1421[]
  2. BVerfG, Urteil vom 08.07.1997 – 1 BvR 1934/​93, NJW 1997, 2305, unter C.II. 3.[]
  3. BFH, Beschlüs­se vom 19.07.1996 – VIII B 37/​95, BFH/​NV 1997, 124; und vom 31.07.1997 – III B 31/​95, BFH/​NV 1998, 325[]
  4. BFH, Urteil vom 20.06.1967 – II 73/​63, BFHE 90, 82, BSt­Bl III 1967, 794[]
  5. BFH, Urteil vom 17.05.1995 – X R 185/​93, BFH/​NV 1995, 1076[]
  6. BFH, Urteil vom 28.11.1991 – XI R 13/​90, BFH/​NV 1992, 609[]
  7. BFH, Urteil vom 19.10.1993 – VIII R 61/​92, BFH/​NV 1994, 790, m.w.N.[]