Recht­li­ches Gehör – und das Nicht­er­schei­nen zum Ver­hand­lungs­ter­min

Ein Urteil kann i.S. des § 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO auf einem Ver­fah­rens­feh­ler beru­hen, wenn das Finanz­ge­richt das recht­li­che Gehör ver­letzt hat.

Recht­li­ches Gehör – und das Nicht­er­schei­nen zum Ver­hand­lungs­ter­min

Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör wird aller­dings begrenzt durch die pro­zes­sua­le Mit­ver­ant­wor­tung der Betei­lig­ten (BFH, Beschluss vom 12.08.2008 – X S 35/​08 (PKH), BFH/​NV 2008, 2030)). Des­halb genügt das Finanz­ge­richt sei­ner Ver­pflich­tung, den Betei­lig­ten recht­li­ches Gehör zu gewäh­ren, in der Regel dadurch, dass es eine münd­li­che Ver­hand­lung anbe­raumt, die Betei­lig­ten ord­nungs­ge­mäß lädt und die münd­li­che Ver­hand­lung zu dem fest­ge­setz­ten Zeit­punkt durch­führt 1. Dass das Finanz­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall dem nach­ge­kom­men ist und das Finanz­amt dem anbe­raum­ten Ter­min ohne Vor­lie­gen eines erheb­li­chen Grunds (§ 227 ZPO i.V.m. § 155 FGO) fern­ge­blie­ben ist, steht außer Streit.

Aller­dings schützt der Anspruch auf recht­li­ches Gehör die Betei­lig­ten davor, von neu­en recht­li­chen und tat­säch­li­chen Gesichts­punk­ten über­fah­ren zu wer­den 2, die dem Rechts­streit eine Wen­dung geben, mit der auch ein kun­di­ger Betei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf des Ver­fah­rens nicht zu rech­nen brauch­te 3. Das Finanz­ge­richt kann des­halb gehal­ten sein, die münd­li­che Ver­hand­lung zwecks Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs zu ver­ta­gen, wenn es sein Urteil auf neu­es tat­säch­li­ches Vor­brin­gen stüt­zen will 4. Dies gilt aller­dings nur dann, wenn es um einen gänz­lich ver­än­der­ten Tat­sa­chen­vor­trag geht, der unter Berück­sich­ti­gung des bis­he­ri­gen Sach- und Streit­stands im Kern neu ist 5 und mit dem daher der über­gan­ge­ne Betei­lig­te nicht zu rech­nen brauch­te.

Eine Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs ist auch nicht des­we­gen anzu­neh­men, weil das Finanz­ge­richt zunächst einen anders lau­ten­den Gerichts­be­scheid erlas­sen hat­te. Der Gerichts­be­scheid kann durch einen Antrag auf münd­li­che Ver­hand­lung zu Fall gebracht wer­den (§ 90a Abs. 3 FGO). Die Ent­schei­dung, die nach münd­li­cher Ver­hand­lung ergeht, wird –unter Beach­tung der oben dar­ge­leg­ten Beschrän­kun­gen– durch den vor­aus­ge­gan­ge­nen Gerichts­be­scheid in kei­ner Wei­se prä­ju­di­ziert.

Ein rechts­kun­dig ver­tre­te­ner Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter begibt sich selbst sei­ner Rech­te aus der mög­li­chen Rüge der Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs, wenn er trotz Ladung nicht an der münd­li­chen Ver­hand­lung teil­nimmt 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 31. Okto­ber 2012 – X B 9/​11

  1. BFH, Beschlüs­se des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 18.07.2003 – XI B 47/​01, BFH/​NV 2004, 51; und vom 09.05.2005 – VI B 187/​04, BFH/​NV 2005, 1364[]
  2. vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 08.07.1993 – 2 BvR 218/​92, HFR 1993, 595[]
  3. BFH, Beschlüs­se vom 19.07.1996 – VIII B 37/​95, BFH/​NV 1997, 124; und vom 21.01.1998 – III R 31/​97, BFH/​NV 1998, 732[]
  4. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 1998, 732, und in BFH/​NV 2004, 51[]
  5. BVerfG, Beschluss in HFR 1993, 595[]
  6. BFH, Beschluss vom 04.12.2008 – IX B 155/​08, BFH/​NV 2009, 412[]