Rechts­schutz­be­dürf­nis trotz nur vor­läu­fi­ger Steu­er­fest­set­zung

Die Tat­sa­che, dass das Finanz­amt die Steu­er­fest­set­zun­gen im Hin­blick auf die gel­tend gemach­te Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Steu­er­vor­schrift (etwa die Abzugs­be­schrän­kun­gen für ein häus­li­ches Arbeits­zim­mer) für vor­läu­fig im Sin­ne des § 165 AO erklärt hat, steht der Annah­me des erfor­der­li­chen Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses für Ein­spruch und Kla­ge gegen die­sen Steu­er­be­scheid nicht ent­ge­gen.

Rechts­schutz­be­dürf­nis trotz nur vor­läu­fi­ger Steu­er­fest­set­zung

Zwar wird eine sol­che Kla­ge zum Teil als unnütz und damit unzu­läs­sig ange­se­hen, wenn die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Vor­schrift gel­tend gemacht, der Steu­er­be­scheid in die­ser Hin­sicht jedoch nach § 165 Abs. 1 Nr. 3 AO für vor­läu­fig erklärt wor­den ist 1.

Ins­be­son­de­re der BFH geht in stän­di­ger Recht­spre­chung davon aus, dass einer Kla­ge in der Regel das Rechts­schutz­be­dürf­nis fehlt, wenn der Steu­er­be­scheid in dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Streit­punkt vor­läu­fig ergan­gen ist, die ver­fas­sungs­recht­li­che Streit­fra­ge sich in einer Viel­zahl im Wesent­li­chen gleich­ge­la­ger­ter Ver­fah­ren stellt und bereits ein nicht von vorn­her­ein aus­sichts­lo­ses Mus­ter­ver­fah­ren beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt anhän­gig ist, zumal wenn das Gericht das Ver­fah­ren ohne­hin nach § 74 FGO aus­set­zen muss 2. Denn dann kön­ne der Steu­er­pflich­ti­ge im All­ge­mei­nen die Klä­rung der Streit­fra­ge in dem Mus­ter­ver­fah­ren abwar­ten, ohne dadurch unzu­mut­ba­re Rechts­nach­tei­le zu erlei­den. Aus­nah­men sei­en nur mög­lich, wenn beson­de­re Grün­de mate­ri­ell-recht­li­cher oder ver­fah­rens­recht­li­cher Art sub­stan­ti­iert gel­tend gemacht wür­den, die es recht­fer­tig­ten, trotz Anhän­gig­keit des Mus­ter­ver­fah­rens Rechts­schutz gegen den im Streit­punkt für vor­läu­fig erklär­ten Bescheid zu gewäh­ren 3.

Die Gegen­auf­fas­sung hält ein Rechts­schutz­be­dürf­nis in der­ar­ti­gen Fäl­len aller­dings für gege­ben. Der Ein­spruch bzw. die Kla­ge kön­ne wegen des Grund­sat­zes der Voll­über­prü­fung nicht auf die Ver­fas­sungs­streit­fra­ge beschränkt wer­den. Ein­spruch und Kla­ge sei­en zudem Vor­aus­set­zung für den einst­wei­li­gen Rechts­schutz. Im Hin­blick auf die unsi­che­ren Rechts­fol­gen­aus­sprü­che des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kön­ne es außer­dem ange­ra­ten sein, selbst eines der Mus­ter­ver­fah­ren zu füh­ren, um die Ent­schei­dun­gen der Fach­ge­rich­te und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu beein­flus­sen 4.

Die­ser letz­ten Auf­fas­sung hat sich jetzt auch das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf ange­schlos­sen. Das Rechts­schutz­be­dürf­nis kann, so die Düs­sel­dor­fer Finanz­rich­ter, ins­be­son­de­re in den Fäl­len nicht feh­len, in denen sich der Steu­er­pflich­ti­ge auf Beson­der­hei­ten sei­nes Fal­les beruft. Im Übri­gen kann dem Steu­er­pflich­ti­gen das Rechts­schutz­be­dürf­nis für eine Kla­ge schon des­halb nicht abge­spro­chen wer­den, weil ihm dann die Mög­lich­keit der Inan­spruch­nah­me einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes (§ 361 AO, § 69 FGO) genom­men wer­den wür­de.

Dass ein Bescheid für vor­läu­fig erklärt wird, berührt damit die Zuläs­sig­keit eines gegen ihn gerich­te­ten Ein­spruchs oder einer Kla­ge grund­sätz­lich nicht.

Glei­ches muss dann für einen Aus­set­zungs­an­trag gel­ten, zumal eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes ana­log § 74 FGO im Hin­blick auf die Eil­be­dürf­tig­keit ohne­hin nicht in Betracht käme 5.

Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Beschluss vom 21. August 2009 – 11 V 2481/​09 A(E)

  1. Tip­ke/Kru­se-Tip­ke, AO/​FGO, Vor § 40 FGO Rn. 14[]
  2. z.B. BFH, Beschluss vom 22.03.1996 – III B 173/​95, BFHE 180, 217, BSt­Bl II 1996, 506, m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 22.03.1996 – III B 173/​95, BFHE 180, 217, BSt­Bl II 1996, 506[]
  4. Tip­ke/Kru­se-Seer, AO/​FGO, § 165 AO Rn. 18[]
  5. vgl. Tip­ke/Kru­se-Bran­dis, AO/​FGO, § 74 FGO Rn. 4[]