Reli­gi­ons­an­ga­be auf der Lohn­steu­er­kar­te

Die Anga­be auf der Lohn­steu­er­kar­te zur Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit ver­stößt nicht gegen die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Es wird weder das Recht auf Reli­gi­ons­frei­heit nach Art. 9 der Kon­ven­ti­on noch das Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens gemäß Art. 8 der Kon­ven­ti­on ver­letzt.

Reli­gi­ons­an­ga­be auf der Lohn­steu­er­kar­te

Die Pflicht zur Anga­be der Nicht­mit­glied­schaft in einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft auf der Lohn­steu­er­kar­te stellt damit kei­nen Ver­stoß gegen die Reli­gi­ons­frei­heit, ent­schied jetzt der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in Straß­burg und stell­te fest, dass hier­in weder eine Ver­let­zung von Arti­kel 9 EMRK (Recht auf Gedan­ken- Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit) noch eine Ver­let­zung von Arti­kel 8 EMRK (Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens) liegt.

Der Aus­gangs­sach­ver­halt

Die­ses Kam­mer­ur­teil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te betraf die Beschwer­de eines baye­ri­schen Steu­er­zah­lers über die ver­pflich­ten­de Anga­be auf der Lohn­steu­er­kar­te, aus der her­vor­geht, dass er kei­ner kir­chen­steu­er­erhe­ben­den Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ange­hört: Der Beschwer­de­füh­rer, Johan­nes Was­muth, ist deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, 1956 gebo­ren, und lebt in Mün­chen. Er ist Rechts­an­walt und gleich­zei­tig als Lek­tor in einem Ver­lag beschäf­tigt. Auf sei­nen Lohn­steu­er­kar­ten der letz­ten Jah­re infor­mier­te der Ein­trag „–“ in der Rubrik „Kir­chen­steu­er­ab­zug“ sei­nen Arbeit­ge­ber dar­über, dass für ihn kei­ne Kir­chen­steu­er vom Gehalt ein­zu­be­hal­ten war.

Nach­dem Herr Was­muth beim Finanz­amt erfolg­los die Aus­stel­lung einer Lohn­steu­er­kar­te ohne Anga­be der Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit für die Jah­re 1997 und 1998 bean­tragt hat­te und in die­ser Sache ohne Erfolg vor den deut­schen Gerich­ten geklagt hat­te, stell­te er für sei­ne Lohn­steu­er­kar­te für 2002 erneut ver­geb­lich einen sol­chen Antrag. In einer anschlie­ßen­den Kla­ge beim Finanz­ge­richt mach­te er gel­tend, dass die ver­pflich­ten­de Anga­be auf der Lohn­steu­er­kar­te sein Recht ver­let­ze, sei­ne reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen nicht preis­zu­ge­ben, dass es für die Erhe­bung der Kir­chen­steu­er durch den Staat kei­ne Geset­zes­grund­la­ge gebe und dass es für ihn als Homo­se­xu­el­len nicht zumut­bar sei, an einem Steu­er­erhe­bungs­ver­fah­ren teil­zu­neh­men, das gesell­schaft­li­chen Grup­pen – den Kir­chen – die­ne, die erklär­ter­ma­ßen einen wich­ti­gen Aspekt sei­ner Per­sön­lich­keit in Fra­ge stell­ten und her­ab­wür­dig­ten.

Das Finanz­ge­richt Mün­chen wies die Kla­ge mit der Begrün­dung ab, dass sich das Recht der Finanz­äm­ter, die Zuge­hö­rig­keit bzw. feh­len­de Zuge­hö­rig­keit zu einer kir­chen­steu­er­erhe­ben­den Reli­gi­ons­ge­mein­schaft zu erfra­gen und die erho­be­nen Daten dem baye­ri­schen Kir­chen­steu­er­ge­setz, den anwend­ba­ren Bun­des­ge­set­zen und dem Grund­ge­setz erge­be. Der Ein­trag „–“ die­ne dazu, dass Herr Was­muth nicht unrecht­mä­ßig zur Zah­lung der Kir­chen­steu­er her­an­ge­zo­gen wer­de. Nach Auf­fas­sung des Gerichts habe er den gering­fü­gi­gen Ein­griff in sei­ne Grund­rech­te im Namen der ord­nungs­ge­mä­ßen Erhe­bung der Kir­chen­steu­er zu tole­rie­ren. Die Stand­punk­te der katho­li­schen und evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land stell­ten kei­nen Ein­griff in sei­ne Per­sön­lich­keits­rech­te dar und gäben Herrn Was­muth nicht das Recht, sich dem Kir­chen­steu­er­erhe­bungs­ver­fah­ren zu ver­wei­gern; die Posi­ti­on der Kir­chen zur Hei­rat von Homo­se­xu­el­len wer­de im Übri­gen von vie­len gesell­schaft­li­chen Grup­pen geteilt.

Die­ses Urteil des Finanz­ge­richts Mün­chen wur­de vom Bun­des­fi­nanz­hof bestä­tigt, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm eine hier­ge­gen gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an [1]. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bezog sich dabei auf sei­nen frü­he­ren Beschluss [2], durch den es bereits Herrn Was­muths frü­he­re Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men hat­te, weil die Preis­ga­be der feh­len­den Zuge­hö­rig­keit zu einer kir­chen­steu­er­erhe­bungs­be­rech­tig­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaft einen Steu­er­pflich­ti­gen nicht unzu­mut­bar belas­te.

Die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te

Nun­mehr beklag­te sich Herr Was­muth beim Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, dass die ver­pflich­ten­de Anga­be auf der Lohn­steu­er­kar­te über sei­ne Nicht­zu­ge­hö­rig­keit zu einer kir­chen­steu­er­erhe­bungs­be­rech­tig­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaft einen Ver­stoß gegen Arti­kel 8 EMRK und Arti­kel 9 EMRK sowie gegen Arti­kel 14 EMRK (Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot) in Ver­bin­dung mit Arti­kel 9 EMRK dar­stel­le.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te sah in der ver­pflich­ten­den Anga­be der (Nicht-)Religionszugehörigkeit auf der Lohn­steu­er­kar­te jedoch kei­nen Ver­stoß gegen die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on:

Arti­kel 9 EMRK

Im Ein­klang mit sei­ner jün­ge­ren Recht­spre­chung befand der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zunächst, dass die Ver­pflich­tung Herrn Was­muths, die Behör­den über sei­ne Nicht­zu­ge­hö­rig­keit zu einer zur Erhe­bung der Kir­chen­steu­er berech­tig­ten Kir­che oder Reli­gi­ons­ge­mein­schaft zu infor­mie­ren, einen Ein­griff in sein Recht dar­stellt, sei­ne reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen nicht preis­zu­ge­ben. Der Gerichts­hof zeig­te sich aber über­zeugt, dass die­ser Ein­griff nach deut­schem Recht gesetz­lich vor­ge­se­hen war, wie die deut­schen Gerich­te über­ein­stim­mend befun­den hat­ten. Fer­ner ver­folg­te der Ein­griff den legi­ti­men Zweck, das Recht der Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten auf Erhe­bung der Kir­chen­steu­er zu gewähr­leis­ten. Der Gerichts­hof hat­te folg­lich dar­über zu befin­den, ob der Ein­griff im Hin­blick auf die­sen Zweck ver­hält­nis­mä­ßig war.

Die deut­schen Gerich­te hat­ten zwi­schen der nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit Herrn Was­muths einer­seits und dem ver­fas­sungs­mä­ßig garan­tier­ten Recht der Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten auf Erhe­bung der Kir­chen­steu­er ande­re­rer­seits abwä­gen müs­sen. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zeig­te sich über­zeugt, dass die frag­li­che Ein­tra­gung auf der Lohn­steu­er­kar­te, wie die deut­sche Bun­des­re­gie­rung gel­tend gemacht hat­te, nur einen beschränk­ten Infor­ma­ti­ons­wert hat, da sie dem Finanz­amt ledig­lich Auf­schluss dar­über gibt, dass der Steu­er­zah­ler kei­ner der sechs Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ange­hört, die in Bay­ern Kir­chen­steu­er erhe­ben kön­nen und die­ses Recht tat­säch­lich aus­üben. Die Lohn­steu­er­kar­te wird nor­ma­ler­wei­se nicht öffent­lich ver­wen­det; sie erfüllt kei­nen Zweck außer­halb des Ver­hält­nis­ses zwi­schen dem Steu­er­pflich­ti­gen und sei­nem Arbeit­ge­ber oder dem Finanz­amt. Im Gegen­satz zu ande­ren Fäl­len, in denen der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te eine Ver­let­zung von Arti­kel 9 EMRK fest­ge­stellt hat­te, hat­ten die Behör­den nicht von Herrn Was­muth ver­langt, zu erläu­tern, war­um er kei­ner der zur Erhe­bung der Kir­chen­steu­er berech­tig­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ange­hört und hat­ten nicht über­prüft, wel­ches sei­ne reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Über­zeu­gun­gen sind. Der Gerichts­hof kam daher zu der Auf­fas­sung, dass die Herrn Was­muth auf­er­leg­te Ver­pflich­tung, in Anbe­tracht der Umstän­de sei­nes Falls, im Hin­blick auf den ver­folg­ten Zweck ver­hält­nis­mä­ßig war.

Bezüg­lich der Beschwer­de Herrn Was­muths, er tra­ge mit der frag­li­chen Anga­be dazu bei, dass das Erhe­bungs­ver­fah­ren für die Kir­chen­steu­er rei­bungs­los funk­tio­nie­re, und unter­stüt­ze so indi­rekt die Kir­chen, deren Stand­punk­te er ableh­ne, nahm der Gerichts­hof das Argu­ment der deut­schen Gerich­te zur Kennt­nis, dass die­ser Bei­trag mini­mal sei und gera­de dazu die­ne, dass Herr Was­muth nicht unrecht­mä­ßig zur Zah­lung der Kir­chen­steu­er her­an­ge­zo­gen wer­de. Außer­dem berück­sich­tig­te der Gerichts­hof, dass es in der – eng mit der Geschich­te und Tra­di­ti­on des jewei­li­gen Lan­des ver­bun­de­nen – Fra­ge der Finan­zie­rung von Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten unter den Euro­pa­rats­mit­glied­staa­ten kei­nen ein­heit­li­chen Ansatz gibt.

In Anbe­tracht die­ser Über­le­gun­gen kam der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zu dem Schluss, dass kei­ne Ver­let­zung von Arti­kel 9 EMRK vor­lag.

Arti­kel 8 EMRK

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te unter­strich, dass die Erhe­bung, Spei­che­rung und Wei­ter­ga­be von Daten, die das Pri­vat­le­ben einer Per­son betref­fen, in den Anwen­dungs­be­reich von Arti­kel 8 § 1 EMRK fal­len. Die Herrn Was­muth auf­er­leg­te Ver­pflich­tung stell­te also einen Ein­griff in sei­ne Rech­te nach Arti­kel 8 dar. In Anbe­tracht sei­ner Schluss­fol­ge­run­gen bezüg­lich Arti­kel 9 befand der Gerichts­hof aber, dass die­ser Ein­griff im Sin­ne von Arti­kel 8 § 2 EMRK gesetz­lich vor­ge­se­hen und im Hin­blick auf den ver­folg­ten Zweck ver­hält­nis­mä­ßig war. Folg­lich lag auch kei­ne Ver­let­zung von Arti­kel 8 EMRK vor.

Arti­kel 14 EMRK

Im Hin­blick auf Herrn Was­muths Beschwer­de unter Beru­fung auf Arti­kel 14 EMRK, dass er als Homo­se­xu­el­ler dis­kri­mi­niert wor­den sei, stell­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te fest, dass er die­sen Gesichts­punkt in sei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht ange­führt hat­te. Die­ser Teil sei­ner Beschwer­de muss­te folg­lich wegen Nicht­er­schöp­fung des inner­staat­li­chen Rechts­wegs als unzu­läs­sig zurück­ge­wie­sen wer­den.

Euro­päi­scher Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, Kam­mer­ur­teil vom 17. Febru­ar 2011 – Beschwer­de-Nr. 12884/​03,

  1. BVerfG, Beschluss vom 30.09.2002 – 1 BvR 1744/​02[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 25.05.2001 – 1 BvR 2253/​00[]