Rich­terab­leh­nung nach Ein­las­sung

Auf das finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren ist wegen der Mög­lich­keit eines Gerichts­be­scheids nicht die für den Zivil­pro­zess ver­tre­te­ne Auf­fas­sung zu über­tra­gen, dass die Ein­rei­chung eines Schrift­sat­zes nur im schrift­li­chen Ver­fah­ren (§ 128 Abs. 2 ZPO, vgl. § 90 Abs. 2 FGO) als Ein­las­sung zum Ver­lust des Ableh­nungs­rechts führt.

Rich­terab­leh­nung nach Ein­las­sung

Gemäß § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i. V. m. § 42 Abs. 1 und 2 ZPO kann ein Rich­ter wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit abge­lehnt wer­den, wenn ein Grund vor­liegt, der geeig­net ist, Miss­trau­en gegen sei­ne Unpar­tei­lich­keit zu recht­fer­ti­gen.

Nach § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i. V. m. § 43 ZPO kann eine Par­tei einen Rich­ter wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit nicht mehr ableh­nen bzw. ist das Ableh­nungs­ge­such unzu­läs­sig, wenn sie sich bei ihm, ohne den ihr bekann­ten Ableh­nungs­grund gel­tend zu machen, in eine Ver­hand­lung ein­ge­las­sen oder Anträ­ge gestellt hat. Zweck die­ser Rege­lung ist, den Ableh­nungs­be­rech­tig­ten zu ver­an­las­sen, sich sofort nach Kennt­nis eines Befan­gen­heits­grun­des zu ent­schei­den, ob er sich dar­auf beru­fen will oder nicht. Ob ein Rich­ter am Ver­fah­ren mit­wir­ken darf, soll nicht in der Schwe­be blei­ben 1.

Die Tat­be­stands­merk­ma­le "in eine Ver­hand­lung ein­ge­las­sen" oder "Anträ­ge gestellt" wer­den weit aus­ge­legt 2.

Auf das finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren ist wegen der Mög­lich­kei­ten einer Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung durch Gerichts­be­scheid (§ 79a Abs. 2, § 90a Abs. 1 FGO) nicht die für den Zivil­pro­zess ver­tre­te­ne Auf­fas­sung zu über­tra­gen, dass die Ein­rei­chung eines – Sach­vor­trag ent­hal­ten­den – Schrift­sat­zes mit der Ein­las­sung in eine münd­li­che Ver­hand­lung nur gleich­ge­setzt wer­den kön­ne, wenn das schrift­li­che Ver­fah­ren (vgl. § 90 Abs. 2 FGO) statt­fin­de bzw. nach § 128 Abs. 2 ZPO ange­ord­net wor­den sei 3.

Ein Ein­las­sen in eine Ver­hand­lung bedeu­tet – zumin­dest im Finanz­pro­zess – jedes pro­zes­sua­le und der Erle­di­gung des Rechts­streits unter Mit­wir­kung des abge­lehn­ten Rich­ters die­nen­de Han­deln. Dar­un­ter fal­len

    Abga­be einer münd­li­chen oder tele­fo­ni­schen Erklä­rung zur Sache gegen­über dem Rich­ter 4 oder die Teil­nah­me an einem Erör­te­rungs­ter­min oder an einer Ver­hand­lung 5; so im hier ent­schie­de­nen Fall die zunächst rüge­lo­se Teil­nah­me am Ver­hand­lungs­ter­min der Ein­zel­rich­te­rin ein­schließ­lich der rüge­lo­sen Erklä­run­gen vor dem spä­te­ren Ableh­nungs­ge­such;
  1. oder/​und die Äuße­rung zur Sache mit­tels Ein­rei­chung eines unter­zeich­ne­ten Schrift­sat­zes 6; so hier die Ein­rei­chung der Schrift­sät­ze.

"Gestell­te Anträ­ge" im Sin­ne von § 43 ZPO sind – zumin­dest im Finanz­pro­zess – auch schrift­li­che Sach­an­trä­ge und Pro­zess­an­trä­ge 7;

Das Ableh­nungs­recht geht nach § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i. V. m. § 43 ZPO unab­hän­gig davon ver­lo­ren, ob oder inwie­weit

  • - einer­seits die Kennt­nis des – angeb­li­chen – Ableh­nungs­grunds, hier aus dem Vor­pro­zess vor der Ein­zel­rich­te­rin,
  • oder ande­rer­seits die jet­zi­ge Ein­las­sung oder Antrag­stel­lung, hier aowohl gegen­über der Bericht­erstat­te­rin und Rich­te­rin im Finanz­ge­richt als auch gegen­über der Ein­zel­rich­te­rin,

sich auf die Mit­wir­kung im Finanz­ge­richt oder auf die Funk­tio­nen als Bericht­erstat­ter oder Ein­zel­rich­ter bezie­hen. Nach dem Grund­satz der Indi­vi­du­al­ab­leh­nung ist nicht nur das Ableh­nungs­ge­such selbst, son­dern auch der Ver­lust des Ableh­nungs­rechts auf die Per­son des indi­vi­du­el­len Rich­ters bezo­gen; sei­ne Funk­ti­on im Spruch­kör­per odas Finanz­ge­richt ist dabei uner­heb­lich 8.

Finanz­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 2. Novem­ber 2015 – 3 K 225/​14

  1. BFH, Beschluss vom 06.07.2005 – II R 28/​02, BFH/​NV 2005, 2027, Juris Rz. 17; Urteil vom 23.05.2000 – VIII R 20/​99, BFH/​NV 2000, 1359, Juris Rz. 22; Beschluss vom 29.03.2000 – I B 96/​99, BFH/​NV 2000, 1130, Juris Rz. 11[]
  2. BFH, Beschluss vom 20.12.2000 – XI R 34/​99, BFH/​NV 2001, 797, Juris Rz. 7[]
  3. FG Ham­burg, Beschluss vom 09.04.2014 3 K 240/​13, n. v.; ent­ge­gen BGH, Beschluss vom 16.01.2014 XII ZB 377/​12, NJW-RR 2014, 382[]
  4. BFH Beschluss vom 21.07.1993 – IX B 50/​93, BFH/​NV 1994, 50[]
  5. BFH, Beschluss vom 24.02.2002 – I B 134/​01, BFH/​NV 2002, 1310, nach­ge­hend BVerfG, Beschluss vom 23.10.2002 – 1 BvR 626/​02; FG Ham­burg, Beschluss vom 14.06.2005 – II 169/​04, EFG 2005, 1626, DSt­RE 2005, 1365; BFH, Beschluss vom 12.08.1998 – III B 23/​98, BFH/​NV 1999, 476; std. Rspr.[]
  6. vgl. oben a; BFH, Beschlüs­se vom 18.03.2013 – VII B 134/​12, BFH/​NV 2013, 1102; vom 06.07.2005 – II R 28/​02, BFH/​NV 2005, 2027; vom 29.03.2000 – I B 90/​99, BFH/​NV 2000, 1221; jet­zi­ge std. Rspr.; ins­ges. Schoe­n­feld in Beermann/​Gosch, AO/​FGO, § 51 FGO Rz. 83; Ände­rung der Recht­spre­chung ent­ge­gen frü­her BFH, Beschluss vom 04.07.1985 – V B 3/​85, BFHE 144, 144, BSt­Bl II 1985, 555[]
  7. BFH, Beschluss vom 06.07.2005 – II R 28/​02, BFH/​NV 2005, 2027; Urteil vom 23.05.2000 – VIII R 20/​99, BFH/​NV 2000, 1359; Beschluss vom 29.03.2000 – I B 96/​99, BFH/​NV 2000, 1130; jet­zi­ge std. Rspr.; Schoe­n­feld in Beermann/​Gosch, AO/​FGO, § 51 FGO Rz. 84; Ände­rung der Recht­spre­chung ent­ge­gen BFH, Beschluss vom 04.07.1985 – V B 3/​85, BFHE 144, 144, BSt­Bl II 1985, 555[]
  8. BFH, Beschluss vom 29.03.2000 – I B 90/​99, BFH/​NV 2000, 1221[]