"Richter/​in N.N." – Anfor­de­run­gen an den gericht­li­chen Geschäfts­ver­tei­lungs­plan

Nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG darf nie­mand sei­nem gesetz­li­chen Rich­ter ent­zo­gen wer­den. Wel­cher Rich­ter (oder Spruch­rich­ter) des sach­lich, ört­lich und funk­tio­nell zustän­di­gen Gerichts der "gesetz­li­che Rich­ter" im Sin­ne der Ver­fas­sung ist, ist durch einen Geschäfts­ver­tei­lungs­plan im Vor­aus gene­rell-abs­trakt, aber zugleich hin­rei­chend bestimmt zu regeln, so dass Mani­pu­la­tio­nen und damit ver­bun­den sach­frem­de Ein­flüs­se auf die Recht­spre­chung aus­ge­schlos­sen sind. Genügt die Geschäfts­ver­tei­lung die­sen Anfor­de­run­gen nicht, ist das Gericht, wel­ches sei­ne Zustän­dig­keit aus ihm ablei­tet, nicht ord­nungs­ge­mäß besetzt 1.

<span class="dquo">"</span>Richter/​in N.N." – Anfor­de­run­gen an den gericht­li­chen Geschäfts­ver­tei­lungs­plan

Das Gebot der vor­schrifts­mä­ßi­gen Beset­zung des Gerichts und der Bestimm­bar­keit des gesetz­li­chen Rich­ters i.S. der Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, § 16 GVG gilt nicht nur für das Gericht als orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit oder das Gericht als Spruch­kör­per, son­dern auch für die im Ein­zel­fall zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Rich­ter. Aus dem Zweck des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG folgt, dass die Rege­lun­gen, die der Bestim­mung des gesetz­li­chen Rich­ters die­nen, von vorn­her­ein so ein­deu­tig wie mög­lich fest­le­gen müs­sen, wel­ches Gericht, wel­cher Spruch­kör­per und wel­che Rich­ter zur Ent­schei­dung des Ein­zel­falls beru­fen sind. Zu die­sen Rege­lun­gen gehört auch der im GVG vor­ge­se­he­ne Geschäfts­ver­tei­lungs­plan, der durch das Prä­si­di­um jähr­lich für jedes fol­gen­de Jahr auf­zu­stel­len ist und nicht ohne beson­de­ren Anlass geän­dert wer­den darf (§ 21e Abs. 3 Satz 1 GVG). Auch für ihn gilt, dass er die zur Ent­schei­dung der anhän­gig wer­den­den Ver­fah­ren beru­fe­nen Rich­ter so ein­deu­tig und genau wie mög­lich bestim­men muss. Er darf kei­ne ver­meid­ba­re Frei­heit bei der Her­an­zie­hung der ein­zel­nen Rich­ter und damit kei­ne unnö­ti­ge Unbe­stimmt­heit hin­sicht­lich des gesetz­li­chen Rich­ters las­sen 2.

Die Rechts- und Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Geschäfts­ver­tei­lung ist ‑anders als die Aus­le­gung und Wür­di­gung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans durch das Gericht- nicht nur auf Will­kür, son­dern auf jeden Rechts­ver­stoß zu unter­su­chen 3.

Maß­ge­bend für die Ord­nungs­mä­ßig­keit der Beset­zung des Spruch­kör­pers ist der für den Zeit­punkt der Ent­schei­dung gel­ten­de Geschäfts­ver­tei­lungs­plan des Gerichts; er regelt kon­sti­tu­tiv auch die Zustän­dig­keit des Spruch­kör­pers für bereits anhän­gi­ge Sachen 4. Das bedeu­tet im Streit­fall, dass der Geschäfts­ver­tei­lungs­plan des Finanz­ge­richt zum 1.01.2013 rele­vant ist, auf­grund des­sen dem 1. Senat die Bei­sit­zer Richter/​in N.N. sowie der Rich­ter am Finanz­ge­richt X zuge­wie­sen wor­den sind.

Ein Beset­zungs­man­gel i.S. des § 119 Nr. 1 FGO liegt bei einem Spruch­kör­per u.a. vor, wenn bei der Auf­stel­lung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans gegen die Vor­schrif­ten des § 4 FGO i.V.m. §§ 21e bis g GVG ver­sto­ßen wur­de 5.

Es ist all­ge­mei­ne Mei­nung, dass das Prä­si­di­um jedem Senat eines Finanz­ge­richt einen Vor­sit­zen­den Rich­ter (§ 21g GVG) sowie min­des­tens die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Zahl von wei­te­ren Rich­tern, d.h. gemäß § 5 Abs. 3 FGO zwei Berufs­rich­ter, für die Dau­er des Geschäfts­jah­res zuzu­wei­sen hat 6.

Dem 1. Senat des Finanz­ge­richt wur­de im Jahr 2013 jedoch ‑eben­so wie im Jahr 2012- nur ein nament­lich benann­ter Berufs­rich­ter zuge­wie­sen; der zwei­te Berufs­rich­ter wur­de ‑wie im Übri­gen auch bei den drei ande­ren Sena­ten des Finanz­ge­richt- mit N.N. bezeich­net. Wird einem Spruch­kör­per dau­er­haft ein nament­lich noch unbe­kann­ter Rich­ter zuge­wie­sen, liegt dar­in ein Ver­stoß gegen den gesetz­li­chen Rich­ter 7. Zwar hat­te der Bun­des­ge­richts­hof in die­ser Ent­schei­dung die Beset­zung der Stel­le eines Vor­sit­zen­den Rich­ters mit N.N. zu beur­tei­len; glei­ches muss aber auch gel­ten, wenn auf Dau­er ein Bei­sit­zer nicht nament­lich benannt wird. Auch inso­weit hat das Prä­si­di­um sei­nen gesetz­li­chen Auf­trag nicht erfüllt 8.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass sich in dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan des Finanz­ge­richt eine abs­trak­te Ver­tre­tungs­re­ge­lung für den 1. Senat unter B.2. fin­det, wonach bei Beschluss­un­fä­hig­keit des Sena­tes zunächst der Rich­ter Y und dann die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Finanz­ge­richt Z hin­zu­tre­ten.

Eine Ver­tre­tungs­re­ge­lung ist nur bei einer Ver­hin­de­rung zuläs­sig, die ihrem Wesen nach nur vor­über­ge­hend sein kann. Die Vakanz im Streit­fall beruht aber ‑wie das Finanz­ge­richt in den Urteils­grün­den aus­ge­führt hat- dar­auf, dass ein Bei­sit­zer des 1. Senats ver­stor­ben und eine Neu­be­set­zung der Stel­le noch nicht erfolgt war.

Es besteht in der Recht­spre­chung und im Schrift­tum im Grund­satz Einig­keit, dass auch wenn die Stel­le eines Rich­ters nicht nur vor­über­ge­hend, son­dern z.B. durch Tod oder Ein­tritt in den Ruhe­stand end­gül­tig frei wird, für einen bestimm­ten Zeit­raum auf­grund des bei der Wie­der­be­set­zung not­wen­di­gen Ver­fah­rens eine Ver­tre­tung nach den Grund­sät­zen der vor­über­ge­hen­den Ver­hin­de­rung mög­lich und zuläs­sig ist 9.

Unge­klärt ist ledig­lich, wie die­ser Zeit­raum zu bemes­sen ist. Das bedarf im Streit­fall jedoch kei­ner Ent­schei­dung, da eine Vakanz von mehr als 17 Mona­ten ohne Zwei­fel über das noch ver­tret­ba­re Maß hin­aus­geht, ins­be­son­de­re wenn man berück­sich­tigt, dass der Bun­des­fi­nanz­hof bereits bei einer Vakanz von cir­ca acht Mona­ten eine ord­nungs­ge­mä­ße Beset­zung des Gerichts ver­neint hat 10.

Der Ver­fah­rens­feh­ler hat zur Fol­ge, dass die Vor­ent­schei­dung ohne sach­li­che Nach­prü­fung auf­zu­he­ben und der Rechts­streit zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung zurück­zu­ver­wei­sen ist (§ 116 Abs. 6 FGO). Die im Ermes­sen des Bun­des­fi­nanz­hofs ste­hen­de Zurück­ver­wei­sung ist ins­be­son­de­re dann sinn­voll, wenn die Vor­in­stanz unter Ver­stoß gegen die Vor­schrif­ten über die Beset­zung des Gerichts ent­schie­den hat 11.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 12. März 2014 – X B 126/​13

  1. vgl. z.B. BVerfG, Ple­nums­be­schluss vom 08.04.1997 – 1 PBvU 1/​95, BVerfGE 95, 322, unter C.I. 4.[]
  2. BGH, Urteil vom 01.02.1979 – 4 StR 657/​78, BGHSt 28, 290, unter 3.a[]
  3. vgl. z.B. BVerfG, Beschlüs­se vom 16.02.2005 – 2 BvR 581/​03, NJW 2005, 2689, unter IV.01.a; und vom 23.05.2012 – 2 BvR 610/​12, 2 BvR 625/​12, NJW 2012, 2334, unter III. 1.b; BVerwG, Urteil vom 05.12 1986 – 4 CB 4/​86, NJW 1987, 2031; BGH, Urteil vom 16.10.2008 – IX ZR 183/​06, HFR 2009, 930, unter I. 1.; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 4 FGO Rz 26; Zöller/​Lückemann, ZPO, 30. Aufl., § 21e GVG Rz 52[]
  4. z.B. BFH, Urteil vom 14.11.1995 – VIII R 3/​95, – VIII R 4/​95, – VIII R 5/​95, BFH/​NV 1996, 481; vgl. auch BFH, Beschlüs­se vom 14.11.1995 – VIII R 84/​93, – VIII R 1/​94, BFH/​NV 1996, 416; vom 11.07.2006 – IX B 179/​05, BFH/​NV 2006, 1873[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 10.12 2007 – VI B 88/​07, BFH/​NV 2008, 401; BFH, Beschluss vom 09.11.1990 – X R 67/​89, BFH/​NV 1991, 546; sie­he auch Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 119 FGO Rz 57 ff.; Gräber/​Ruban, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 119 Rz 4[]
  6. sie­he Bran­dis in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 4 FGO Rz 19; Sun­der-Plass­mann in HHSp, § 4 FGO Rz 82; Mül­ler-Horn in Beermann/​Gosch, FGO § 4 Rz 12; Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt, Beschluss vom 28.01.2005 20 W 438/​04, OLG-Report Frank­furt Koblenz Zwei­brü­cken Saar­brü­cken 2005, 797; Kissel/​Mayer, Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz, 7. Aufl., § 21e GVG Rz 128; Zöller/​Lückemann, a.a.O., § 21e Rz 4; MünchKommZPO/​Zimmermann, 4. Aufl., § 21e GVG Rz 26; Wieczorek/​Schütze/​Schreiber, 3. Aufl., § 21e GVG Rz 12; Stein/​Jonas/​Jacobs, ZPO, 23. Aufl., § 21e GVG Rz 14[]
  7. so BGH, Urteil in BGHSt 28, 290[]
  8. so im Ergeb­nis Münch­Komm-ZPO/Zim­mer­mann, a.a.O., Rz 17; Zöller/​Lückemann, a.a.O., § 21e Rz 4; Kissel/​Mayer, a.a.O., § 21e GVG Rz 137; wohl auch OLG Frank­furt in OLG-Report 2005, 797 []
  9. vgl. statt vie­ler BFH, Beschluss vom 21.10.1999 – VII R 15/​99, BFHE 190, 47, BSt­Bl II 2000, 88, unter 1.; Bran­dis in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 4 FGO Rz 31, jeweils m.w.N.[]
  10. BFH, Urteil vom 07.12 1988 – I R 15/​85, BFHE 155, 470, BSt­Bl II 1989, 424[]
  11. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 24.02.2005 – VIII B 216/​03, BFH/​NV 2005, 1328[]