Selbst­ent­schei­dung über ein Ableh­nungs­ge­such

Nach § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i.V.m. § 42 ZPO fin­det die Ableh­nung eines Rich­ters wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit statt, wenn ein Grund vor­liegt, der geeig­net ist, Miss­trau­en gegen die Unpar­tei­lich­keit des Rich­ters zu recht­fer­ti­gen.

Selbst­ent­schei­dung über ein Ableh­nungs­ge­such

Dafür kommt es dar­auf an, ob der betrof­fe­ne Betei­lig­te von sei­nem Stand­punkt aus bei ver­nünf­ti­ger objek­ti­ver Betrach­tung Anlass hat, die Vor­ein­ge­nom­men­heit des abge­lehn­ten Rich­ters zu befürch­ten [1]. Grund­sätz­lich ist über das Ableh­nungs­ge­such nach vor­he­ri­ger dienst­li­cher Äuße­rung des abge­lehn­ten Rich­ters ohne des­sen Mit­wir­kung (§ 51 Abs. 1 FGO i.V.m. § 44 Abs. 3 ZPO) zu ent­schei­den.

Ist in Aus­nah­me­fäl­len das Ableh­nungs­ge­such wegen Rechts­miss­brauchs oder aus ande­ren Grün­den offen­sicht­lich unzu­läs­sig, so kann der Ableh­nungs­an­trag in den Grün­den der Haupt­sa­che­ent­schei­dung unter Mit­wir­kung des abge­lehn­ten Rich­ters zurück­ge­wie­sen wer­den [2]. Die Selbst­ent­schei­dung des abge­lehn­ten Rich­ters ist vor dem Hin­ter­grund der Garan­tie des gesetz­li­chen Rich­ters in Art. 101 Abs. 1 Satz 2 des Grund­ge­set­zes nur dann und inso­weit gerecht­fer­tigt, wie die durch den gestell­ten Ableh­nungs­an­trag erfor­der­li­che Ent­schei­dung kei­ne Beur­tei­lung des eige­nen Ver­hal­tens des abge­lehn­ten Rich­ters und damit kei­ne Ent­schei­dung in eige­ner Sache vor­aus­setzt. Über eine bloß for­ma­le Prü­fung hin­aus darf sich der abge­lehn­te Rich­ter nicht durch Mit­wir­kung an einer nähe­ren inhalt­li­chen Prü­fung der Ableh­nungs­grün­de zum Rich­ter in eige­ner Sache machen [3].

Gemes­sen dar­an hat das Finanz­ge­richt die Befan­gen­heits­an­trä­ge zu Recht unter Mit­wir­kung der Rich­ter A, B und C (1. Befan­gen­heits­an­trag) sowie A, B, C, D und E (2. Befan­gen­heits­an­trag) abge­lehnt; denn sie waren offen­sicht­lich unzu­läs­sig. Ob sie auch der Ver­schlep­pung dien­ten, bedarf vor die­sem Hin­ter­grund kei­ner Ent­schei­dung.

Der Klä­ger hat sei­nen 1. Befan­gen­heits­an­trag gegen A, B und C mit einer ein­heit­li­chen Begrün­dung erho­ben, ohne danach zu dif­fe­ren­zie­ren, wel­chem Rich­ter er wel­ches Ver­hal­ten vor­wirft. Dies legt es bereits nahe, dass eine rechts­miss­bräuch­li­che Pau­schal­ab­leh­nung [4] vor­liegt. Dar­auf kommt es indes beim 1. Befan­gen­heits­an­trag nicht an.

Soweit der Klä­ger sei­nen 1. Befan­gen­heits­an­trag (wohl gegen C) auf Vor­gän­ge beim Erör­te­rungs­ter­min vom 25.06.2013 stützt, hat er sein Rüge­recht dadurch ver­lo­ren, dass er am 19.08.2013 einen Schrift­satz ein­ge­reicht hat [5]. Das Finanz­ge­richt hat dar­in einen Rechts­miss­brauch gese­hen.

Glei­ches gilt für den Vor­trag zu Vor­gän­gen bei einem Erör­te­rungs­ter­min (in einem ande­ren Ver­fah­ren) vom 06.09.2012 (wohl zur Begrün­dung des Antrags gegen B). Das Finanz­ge­richt hat auch dar­in einen Rechts­miss­brauch erblickt.

Soweit der Klä­ger den Antrag (wohl gegen A, B und C) auf den Beschluss des Finanz­ge­richt wegen Aus­set­zung der Voll­zie­hung stützt, begrün­det ‑wie das Finanz­ge­richt zutref­fend ange­nom­men hat- eine angeb­lich rechts­feh­ler­haf­te Ent­schei­dung in einem Par­al­lel­ver­fah­ren oder vor­aus­ge­gan­ge­nen Ver­fah­ren grund­sätz­lich kei­ne Besorg­nis der Befan­gen­heit [6]. Ein Ableh­nungs­ge­such kann daher grund­sätz­lich nicht dar­auf gestützt wer­den, dass von einem Rich­ter im Streit­fall selbst oder in einem vor­an­ge­gan­ge­nen Ver­fah­ren in for­mel­ler oder mate­ri­ell-recht­li­cher Hin­sicht unrich­ti­ge Ent­schei­dun­gen getrof­fen wor­den sei­en [7]. Das Finanz­ge­richt hat danach zu Recht eine offen­sicht­li­che Unzu­läs­sig­keit ange­nom­men.

Soweit der Klä­ger zur Begrün­dung des 1. Befan­gen­heits­an­trags (wohl gegen C) dar­auf abstellt, C habe in Zusam­men­hang mit einem Ter­mins­ver­le­gungs­an­trag des Klä­gers unzu­läs­si­ger­wei­se mit dem Arbeits­ge­richt – X tele­fo­niert, betrifft die­ser Vor­gang nicht das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren. Im Ver­fah­ren 1 K 441/​13 ist dies aus­weis­lich der Finanz­ge­richt-Akte nicht gesche­hen. Über­dies hät­te der Klä­ger sein Rüge­recht durch sei­nen Schrift­satz vom 23.05.2016 ver­lo­ren. Umstän­de, die nach den kon­kre­ten Umstän­den des Ein­zel­falls die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den ver­mö­gen, sind, wovon das Finanz­ge­richt zutref­fend aus­ge­gan­gen ist, nicht zu erken­nen.

Soweit der Klä­ger den 1. Befan­gen­heits­an­trag auf Vor­gän­ge in einem ande­ren Ver­fah­ren gestützt hat, wird auf die obi­gen Aus­füh­run­gen Bezug genom­men. Umstän­de, die nach den kon­kre­ten Umstän­den des Ein­zel­falls die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den ver­mö­gen, sind, wovon das Finanz­ge­richt zutref­fend aus­ge­gan­gen ist, nicht zu erken­nen.

Die Begrün­dung des 2. Befan­gen­heits­an­trags des Klä­gers gegen A, B und C sowie erst­ma­li­gen Antrags gegen D und E beruht allei­ne auf dem Umstand, dass die­se an der (recht­mä­ßi­gen) Ableh­nung des 1. Befan­gen­heits­an­trags mit­ge­wirkt haben. Inso­weit liegt ‑wovon das Finanz­ge­richt aus­ge­gan­gen ist- sowohl eine offen­sicht­lich unzu­läs­si­ge Pau­schal­ab­leh­nung als auch eine offen­sicht­lich unzu­läs­si­ge Ableh­nung, die auf eine abwei­chen­de Rechts­auf­fas­sung des Finanz­ge­richt gestützt ist, vor.

Der Bun­des­fi­nanz­hof über­schrei­tet mit die­sen Aus­füh­run­gen nicht die ihm bei der Über­prü­fung des Urteils des Finanz­ge­richt gesetz­ten Gren­zen [8]. Der Bun­des­fi­nanz­hof ver­mag viel­mehr nicht zu erken­nen, dass das Finanz­ge­richt bei­de Befan­gen­heits­ge­su­che aus will­kür­li­chen bzw. greif­bar gesetz­wid­ri­gen Erwä­gun­gen her­aus abge­lehnt hät­te. Es hat die Gren­zen der Selbst­ent­schei­dung über ein Befan­gen­heits­ge­such erkannt und sich bei sei­nem Vor­ge­hen auf Grün­de gestützt, die eine Ent­schei­dung in geschäfts­plan­mä­ßi­ger Beset­zung erlau­ben. Wei­ter hat es (unter dem Aspekt des Rechts­miss­brauchs) auf den Ver­lust des Rüge­rechts hin­ge­wie­sen und im 2. Befan­gen­heits­an­trag eine Pau­schal­ab­leh­nung gese­hen. Dies ist weder will­kür­lich noch greif­bar gesetz­wid­rig.

Die abge­lehn­ten Rich­ter haben ihre ‑durch den Befan­gen­heits­an­trag stark ein­ge­schränk­te- Prü­fungs­kom­pe­tenz dabei nicht über­schrit­ten. Dass die abge­lehn­ten Rich­ter den gesam­ten Inhalt jedes Ableh­nungs­ge­suchs voll­stän­dig zur Kennt­nis neh­men müs­sen, liegt in der Natur der Sache; durch die­sen ers­ten Bear­bei­tungs­schritt, ohne den ein ver­ein­fach­tes Ableh­nungs­ver­fah­ren nicht denk­bar wäre, wird die Schwel­le zur "Begründ­etheits­prü­fung" noch nicht über­schrit­ten [9]. Anschlie­ßend haben die abge­lehn­ten Rich­ter jeweils ledig­lich in der Recht­spre­chung aner­kann­te Grün­de für eine Ableh­nung von Befan­gen­heits­an­trä­gen in geschäfts­plan­mä­ßi­ger Beset­zung her­an­ge­zo­gen. Damit haben sie sich nicht unzu­läs­si­ger­wei­se zum Rich­ter in eige­ner Sache erho­ben.

Die Begrün­dung der Ableh­nung der Befan­gen­heits­an­trä­ge durf­te in den Ent­schei­dungs­grün­den des ange­foch­te­nen Urteils erfol­gen [10]. Auch dies ist weder will­kür­lich noch greif­bar gesetz­wid­rig.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 2. März 2017 – XI B 81/​16

  1. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 01.04.2003 – VII S 7/​03, BFH/​NV 2003, 1331; und vom 10.03.2015 – V B 108/​14, BFH/​NV 2015, 849[]
  2. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 03.07.2014 – V S 15/​14, BFH/​NV 2014, 1574; vom 29.12 2015 – IV B 68/​14, BFH/​NV 2016, 575, Rz 3; BVerfG, Beschluss vom 02.05.2006- 1 BvR 698/​06, BVerfGK 8, 59; vom 18.12 2007; 1 BvR 1273/​07, BVerfGK 13, 72, Rz 19 ff.[]
  3. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 02.06.2005 – 2 BvR 625/​01, 2 BvR 638/​01, BVErfGK 5, 269, Rz 53 f.; vom 20.07.2007 – 1 BvR 2228/​06, NJW 2007, 3771[]
  4. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 25.10.2005 – I B 47/​04, BFH/​NV 2006, 746; vom 01.08.2014 – V S 16/​14 (PKH), BFH/​NV 2014, 1768[]
  5. vgl. zum Rüge­ver­lust all­ge­mein BFH, Beschluss vom 18.03.2013 – VII B 134/​12, BFH/​NV 2013, 1102, Rz 7 f.[]
  6. vgl. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2003, 1331; in BFH/​NV 2016, 1289, Rz 9[]
  7. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 30.01.2008 – V B 57/​07, BFH/​NV 2008, 611, unter II. 1.b aa, Rz 12; vom 13.11.2008 – XI B 20/​08, BFH/​NV 2009, 945, unter II. 2.a, Rz 21; BVerfG, Beschluss in BVErfGK 5, 269, Rz 63[]
  8. vgl. dazu z.B. BVerfG, Beschluss in BVerfGK 5, 269, Rz 73[]
  9. vgl. BFH, Beschluss vom 20.06.2016 – X B 167/​15, BFH/​NV 2016, 1577, Rz 32[]
  10. z.B. BFH, Beschluss vom 04.03.2014 – VII B 131/​13, BFH/​NV 2014, 1055, Rz 8, m.w.N.[]