Sprung­kla­ge – und der nach­träg­li­che Ein­spruch

Legt der Steu­er­pflich­ti­ge nach Erhe­bung einer Sprung­kla­ge und noch vor dem Erge­hen der behörd­li­chen Zustim­mungs­er­klä­rung Ein­spruch ein, führt dies zur Umwand­lung der Sprung­kla­ge in einen Ein­spruch. Es bedarf dazu kei­ner aus­drück­li­chen "Umwand­lungs­er­klä­rung". Fol­ge hier­von ist, dass der ursprüng­lich ver­folg­te Rechts­be­helf sei­ne Rechts­na­tur ändert und eine Kla­ge, über die noch ent­schie­den wer­den könn­te, nicht mehr exis­tent ist.

Sprung­kla­ge – und der nach­träg­li­che Ein­spruch

Das Finanz­ge­richt darf folg­lich in der Sache nicht mehr ent­schei­den, son­dern muss das Ver­fah­ren form­los an das Finanz­amt abge­ben.

Nach § 45 Abs. 1 Satz 1 FGO ist die Kla­ge ohne Vor­ver­fah­ren zuläs­sig, wenn die Behör­de, die über den außer­ge­richt­li­chen Rechts­be­helf zu ent­schei­den hat, inner­halb eines Monats nach Zustel­lung der Kla­ge­schrift dem Gericht gegen­über zustimmt. Zweck des § 45 FGO ist es inso­weit, das Vor­ver­fah­ren ent­behr­lich zu machen, wenn von die­sem eine För­de­rung des Ver­fah­rens nicht mehr zu erwar­ten ist 1. Eine Sprung­kla­ge kann des­halb nicht neben einem Ein­spruch erho­ben wer­den und umge­kehrt 2; ent­spre­chend ist eine Sprung­kla­ge neben einem bereits zuvor ein­ge­leg­ten Ein­spruch zum sel­ben Streit­ge­gen­stand unzu­läs­sig und umge­kehrt 3.

Indes­sen besteht inner­halb der jewei­li­gen Ein­spruchs- bzw. Kla­ge­frist die Mög­lich­keit, den Cha­rak­ter des zuvor erho­be­nen zuläs­si­gen Rechts­be­helfs zu ändern und inso­weit ent­we­der von einer Sprung­kla­ge zu einem Ein­spruch bzw. umge­kehrt von einem Ein­spruch zu einer Sprung­kla­ge zu wech­seln. Inso­weit ist aner­kannt, dass auch nach Erhe­bung eines Ein­spruchs inner­halb der Rechts­be­helfs­frist eine Sprung­kla­ge erho­ben wer­den kann und sich die Kla­ge­er­he­bung dann als Umwand­lung des Ein­spruchs in eine Kla­ge dar­stellt 4. Das muss umge­kehrt ‑bis zum Erge­hen der Zustim­mung des zustän­di­gen Finanz­amt nach § 45 Abs. 1 Satz 1 FGO- auch für den Fall gel­ten, dass zunächst Sprung­kla­ge erho­ben wur­de und sodann Ein­spruch ein­ge­legt wird 5. Inso­weit stellt sich die nach der Erhe­bung der Sprung­kla­ge und noch vor dem Erge­hen der behörd­li­chen Zustim­mungs­er­klä­rung erfol­gen­de Ein­le­gung eines neben die­ser Kla­ge unzu­läs­si­gen Ein­spruchs als Umwand­lung der Sprung­kla­ge in einen Ein­spruch dar. Es bedarf dazu kei­ner aus­drück­li­chen "Umwand­lungs­er­klä­rung" 6.

Fol­ge der ent­spre­chen­den Erklä­rung auf Umwand­lung der Sprung­kla­ge in einen Ein­spruch ist, dass der ursprüng­li­che Rechts­be­helf sei­ne Rechts­na­tur ändert. Im Fall der Umwand­lung einer Sprung­kla­ge in einen Ein­spruch geht inso­weit der Cha­rak­ter als Kla­ge ver­lo­ren und ist damit ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt- eine Kla­ge, über die noch ent­schie­den wer­den könn­te, nicht mehr exis­tent 7.

Gegen die ange­spro­che­ne Sach­be­hand­lung spricht nicht das vom Finanz­ge­richt ange­führ­te Argu­ment, die zu frü­he­ren Geset­zes­fas­sun­gen ergan­ge­ne höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung kön­ne nach der gesetz­li­chen Ein­füh­rung der "Vor­fäl­lig­keits­ge­bühr" und der Abschaf­fung der gerichts­ge­büh­ren­frei­en Kla­ge­rück­nah­me für Kla­ge­ein­gän­ge ab dem 1.07.2004 nicht mehr ohne Rück­sicht auf gesetz­lich ein­ge­tre­te­ne Kos­ten­fol­gen ange­wen­det wer­den. Dem steht schon der Umstand ent­ge­gen, dass die Sprung­kla­ge unter dem Aspekt der Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung und ‑ver­ein­fa­chung sowie der Mög­lich­keit, die Fol­gen des § 367 Abs. 2 Satz 2 der Abga­ben­ord­nung umge­hen zu kön­nen, vor­ran­gig den Inter­es­sen des Steu­er­pflich­ti­gen dient und ihre Ein­le­gung und Umwand­lung in einen Ein­spruch schon des­halb nicht unnö­tig erschwert wer­den darf 8.

Hin­zu kommt, dass die Sach­la­ge in den ange­spro­che­nen Fäl­len der Umwand­lung einer Sprung­kla­ge in einen Ein­spruch der­je­ni­gen nach § 45 Abs. 3 FGO ver­gleich­bar ist. Stimmt die Behör­de einer Sprung­kla­ge nicht zu, kommt es zu einer Abga­be des Ver­fah­rens nach § 45 Abs. 3 FGO mit der ent­spre­chen­den Kos­ten­fol­ge 9. Nichts ande­res kann in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 45 Abs. 3 FGO gel­ten, wenn die Zustim­mung der Behör­de durch die zuvor zuläs­si­ger­wei­se vor­ge­nom­me­ne Umwand­lung der Kla­ge in einen Ein­spruch obso­let wird 6.

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass die ursprüng­lich erho­be­ne Sprung­kla­ge als Ein­spruch zu behan­deln ist, ist die Sache so zu behan­deln, als sei sie von Beginn an nicht i.S. des § 66 FGO bei Gericht anhän­gig gewe­sen 10. Das Ver­fah­ren ist ent­spre­chend form­los an das Finanz­amt abzu­ge­ben.

Über die Kos­ten des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ist nicht zu ent­schei­den, weil ein sol­ches Ver­fah­ren nach den vor­ge­nann­ten Grund­sät­zen von Anfang an nicht rechts­hän­gig war. Die ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 45 Abs. 3 FGO bewirkt, dass die Sprung­kla­ge als ein im Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung ein­ge­leg­ter Ein­spruch zu behan­deln ist, wodurch die Rechts­hän­gig­keit der Kla­ge rück­wir­kend besei­tigt wird 11. Eine Ent­schei­dung nach § 139 Abs. 3 Satz 3 FGO ist schon des­halb nicht zu tref­fen, weil bezo­gen auf die ursprüng­lich erho­be­ne Sprung­kla­ge zunächst kein Vor­ver­fah­ren "geschwebt hat", son­dern nach der Umwand­lung in einen Ein­spruch und der form­lo­sen Abga­be an das Finanz­amt dort jetzt erst schwebt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. Novem­ber 2016 – I R 1/​15

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 28.08.1973 – VII B 39/​72, BFHE 110, 179, BSt­Bl II 1973, 852[]
  2. BFH, Urteil vom 23.07.1986 – I R 173/​82, BFH/​NV 1987, 178; BFH, Urteil vom 27.09.1994 – VIII R 36/​89, BFHE 176, 289, BSt­Bl II 1995, 353[]
  3. vgl. Stein­hauff in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 45 FGO Rz 17, m.w.N.; Rosen­ke, EFG 2015, 1007[]
  4. BFH, Beschluss in BFHE 110, 179, BSt­Bl II 1973, 852; BFH, Urtei­le vom 11.12 1980 – IV R 123/​76, BFHE 132, 436, BSt­Bl II 1981, 365; vom 04.09.1997 – IV R 27/​96, BFHE 184, 393, BSt­Bl II 1998, 286[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 14.02.1962 – II 36/​59 U, BFHE 74, 546, BSt­Bl III 1962, 203; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 45 FGO Rz 4; Stein­hauff in HHSp, § 45 FGO Rz 21; Gräber/​Levedag, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 45 Rz 17; a.A. von Beckerath in Beermann/​Gosch, FGO § 45 Rz 36[]
  6. Rosen­ke, a.a.O.[][]
  7. zutref­fend Rosen­ke, a.a.O.; a.A. von Beckerath in Beermann/​Gosch, FGO § 45 Rz 38; Dum­ke in Schwarz/​Pahlke, FGO § 45 Rz 9; offen gelas­sen bei Stein­hauff, a.a.O.[]
  8. vgl. Rosen­ke, a.a.O.; auch bereits BFH, Urteil in BFHE 74, 546, BSt­Bl III 1962, 203[]
  9. vgl. Nr. 6110 des Kos­ten­ver­zeich­nis­ses zu § 3 Abs. 2 des Gerichts­kos­ten­ge­set­zes[]
  10. vgl. BFH, Urteil vom 27.05.2009 – X R 34/​06, BFH/​NV 2009, 1826[]
  11. vgl. BFH, Urteil vom 14.07.2009 – VIII R 22/​08[]