Steu­er­boy­kot­teur und Reichs­bür­ger

Wer ein­mal sehen will, womit sich Rich­ter alles befas­sen müs­sen, fin­det aktu­ell ein gutes Bei­spiel beim Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, dass sich wie­der ein­mal mit den typi­schen Ein­wän­den von Steu­er­boy­kot­teu­ren und "Reichs­bür­gern" kon­fron­tiert sah:

Steu­er­boy­kot­teur und Reichs­bür­ger

Tat­be­stand

Das beklag­te Finanz­amt erließ am 16.11.2009 auf geschätz­ten Besteue­rungs­grund­la­gen beru­hen­de Beschei­de über Ein­kom­men­steu­er und Umsatz­steu­er 2007 und 2008, wobei die Fest­set­zung der Ein­kom­men­steu­er 2008 mit der Fest­set­zung von Vor­aus­zah­lun­gen für die Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me 2009 ff. und die Fest­set­zung der Steu­ern für 2007 mit der Fest­set­zung von Zin­sen ver­bun­den war. Fer­ner war mit der Fest­set­zung der Jah­res­steu­er­fest­set­zun­gen auch die Fest­set­zung von Ver­spä­tungs­zu­schlä­gen ver­bun­den.

Gegen die­se Beschei­de leg­te der Klä­ger am 11.05.2009 Ein­spruch ein.

Am 21.06.2010 erhob der Klä­ger beim Amts­ge­richt Bran­den­burg Kla­ge, mit der er im Wesent­li­chen die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Abga­ben­ord­nung, des Umsatz­steu­er­ge­set­zes und des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes gel­tend mach­te.

Am 05.08.2010 erließ der Beklag­te Ein­spruchs­ent­schei­dun­gen, mit denen er die gegen die am 16.11.2009 ergan­ge­nen Beschei­de erho­be­nen Ein­sprü­che als unbe­grün­det zurück­wies.

Dar­auf­hin hat der Klä­ger sei­ne beim Amts­ge­richt Bran­den­burg anhän­gi­ge Kla­ge am 06.09.2010 hin­sicht­lich Ein­kom­men­steu­er, Umsatz­steu­er jeweils nebst Ver­spä­tungs­zu­schlä­gen jeweils für die Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me 2007 und 2008 sowie wegen der Vor­aus­zah­lun­gen zur Ein­kom­men­steu­er 2009 ff. erwei­tert.

Das Amts­ge­richt Bran­den­burg wies die Kla­ge mit Urteil vom 27.04.2011 als unzu­läs­sig ab. Mit Beschluss des Land­ge­richts Pots­dam vom 20.09.2011 wur­de die­ses Urteil auf die Beru­fung des Klä­gers auf­ge­ho­ben und der Rechts­streit an das Finanz­ge­richt ver­wie­sen.

Der Klä­ger begehrt die Fest­stel­lung, dass die erken­nen­den Rich­ter ein ordent­li­ches Staats­ge­richt dar­stell­ten und dass sie gesetz­li­che Rich­ter i.S. des Art. 101 GG sei­en, fer­ner nach­zu­wei­sen, dass sie den Eid nach dem SHAEF-Mili­tär­ge­setz Nr. 2 abge­legt hät­ten oder dass die­ses außer Kraft gesetzt sei und dass sie deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge sei­en.

Fer­ner sei sein Bevoll­mäch­tig­ter, Herr B…, zu Unrecht zurück­ge­wie­sen wor­den. Er kön­ne als frei­er Bür­ger jede Per­son zu sei­nem Bevoll­mäch­tig­ten neh­men. Jeden­falls sei der Zurück­wei­sungs­be­schluss nicht wirk­sam zuge­stellt wor­den, da es an der Anga­be der Vor­na­men der Rich­ter und deren eigen­hän­di­gen Unter­schrif­ten feh­le.

Der Klä­ger macht gel­tend, die den ihm gegen­über ergan­ge­nen Beschei­den zu Grun­de lie­gen­den Steu­er­ge­set­ze sei­en ver­fas­sungs­wid­rig und daher unwirk­sam, da in die­sen Geset­zen dem Zitier­ge­bot des Art.19 Abs. 1 Satz 2 GG nicht Rech­nung getra­gen wor­den sei. Fer­ner sei der Rechts­weg zu den ordent­li­chen Gerich­ten eröff­net. Sei­ne Kla­ge rich­te sich aus­schließ­lich gegen die Abga­ben­ord­nung, das Umsatz­steu­er­ge­setz und das Ein­kom­men­steu­er­ge­setz wegen des Ver­sto­ßes gegen Grund­rech­te. Es gehe nicht um die Steu­er­be­schei­de, die­se sei­en nich­tig, dazu brau­che es kei­nes Rechts-mit­tels.

Der Klä­ger hat schrift­sätz­lich sinn­ge­mäß bean­tragt, den Rechts­streit dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit dem Begeh­ren vor­zu­le­gen, die Abga­ben­ord­nung und das Ein­kom­men­steu­er­ge­setz für ver­fas­sungs­wid­rig zu erklä­ren, die Beschei­de über Ein­kom­men­steu­er, Soli­da­ri­täts­zu­schlag zur Ein­kom­men­steu­er und Umsatz­steu­er, jeweils nebst dazu fest­ge­setz­ten Ver­spä­tungs­zu­schlä­gen 2007 und 2008 sowie über Vor­aus­zah­lun­gen zur Ein­kom­men­steu­er und zum Soli­da­ri­täts­zu­schlag zur Ein­kom­men­steu­er ab 2009 auf­zu­he­ben, den Beklag­ten anzu­wei­sen, die Voll­stre­ckungs­maß­nah­men gegen den Klä­ger aus Ein­kom­men­steu­er und steu­er­li­chen Neben­leis­tun­gen für die Jah­re 2007 ff. sofort ein­zu­stel­len und bereits aus­ge­führ­te Voll­stre­ckungs­maß­nah­men auf­zu­he­ben, die ver­ein­nahm­ten Geld­be­trä­ge an den Klä­ger zu erstat­ten und die zu erstat­ten­den Beträ­ge ab dem jewei­li­gen Zeit­punkt der Inbe­sitz­nah­me durch die Finanz­ver­wal­tung mit 4 % über dem Zins­satz der Refi­nan­zie­rungs­fa­zi­li­tät der C…-Bank bzw. der D…-Bank zu ver­zin­sen.

Der Beklag­te bean­tragt, die Kla­ge abzu­wei­sen.

Er hält die Kla­ge vom 21.06.2010 man­gels abge­schlos­se­nen Vor­ver­fah­rens für unzu­läs­sig. Die Beschei­de vom 16.11.2009 in Gestalt der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 05.08.2010 sei­en man­gels Kla­ge­er­he­bung bestands­kräf­tig gewor­den.

Der Klä­ger hat die Mit­glie­der des erken­nen­den Gerichts in der münd­li­chen Ver­hand­lung wegen Beschlussunfähigkeit/​Befan­gen­heit abge­lehnt, weil die gesetz­li­chen Rich­ter nach § 16 GVG nicht bestimmt sei­en. Der erken­nen­de Senat hat die­ses Ableh­nungs­ge­such als unzu­läs­sig ver­wor­fen.

Ent­schei­dungs­grün­de

Das Gericht war befugt, in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 17.01.2013 zu ver­han­deln und zu ent­schei­den.

Der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat in Aus­übung der ihm durch Art. 74 Nr. 1 GG ein­ge­räum­ten kon­kur­rie­ren­den Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz für den Bereich der Gerichts­ver­fas­sung und das gericht­li­che Ver­fah­ren mit der Finanz­ge­richts­ord­nung ‑FGO- vom 06.10.1965 1 bun­des­ein­heit­lich die Errich­tung geson­der­ter Gerich­te (§§ 1, 2 FGO) für die in § 33 FGO genann­ten Mate­ri­en vor­ge­ge­ben. Gemäß § 3 Abs. 1 Nr. 1 FGO bestim­men die Län­der durch Gesetz über die Errich­tung eines Finanz­ge­richts, wobei sie auch die Errich­tung eines gemein­sa­men Finanz­ge­richts für meh­re­re Län­der vor­se­hen kön­nen (§ 3 Abs. 2 FGO). Auf die­ser Rechts­grund­la­ge haben die Län­der Bran­den­burg und Ber­lin am 26.04.2004 den Staats­ver­trag über die Errich­tung gemein­sa­mer Fach­ober­ge­rich­te der Län­der Bran­den­burg und Ber­lin abge­schlos­sen, der in Art. 1 Abs. 1 Nr. 3 die Errich­tung des Finanz­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg zum 01.01.2007 vor­sieht. Die­ser Staats­ver­trag ist durch das Gesetz des Lan­des Ber­lin vom 29.06.2004 2 und durch das Gesetz des Lan­des Bran­den­burg vom 10.09.2004 (GVBl. Bran­den­burg 2004, 380)) rati­fi­ziert und in all­ge­mein anwend­ba­res Lan­des­recht umge­setzt wor­den.

Das Prä­si­di­um des Finanz­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg hat gemäß § 21e Abs. 1 Satz 1 GVG – wie u.a. auf der Web­sei­te des Gerichts nach­les­bar ist – im Geschäfts­ver­tei­lungs­plan für das Jahr 2013 die gegen den Beklag­ten gerich­te­ten Ver­fah­ren, die in den Jah­ren 2010 bis 2011 beim erken­nen­den Gericht anhän­gig gewor­den sind, dem 7. Senat zuge­wie­sen, der sich aus den im Rubrum aus­ge­wie­se­nen Berufs­rich­tern und u.a. aus den bei­den gemäß § 16 FGO in Ver­bin­dung mit Abschnitt IV. und V. des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans 2013 des erken­nen­den Gerichts zur münd­li­chen Ver­hand­lung hin­zu­ge­zo­ge­nen ehren­amt­li­chen Rich­tern zusam­men­setzt. Eine abwei­chen­de Spe­zi­al­zu­wei­sung inner­halb des Gerichts ist nicht erfolgt.

Die Auf­he­bung des § 15 GVG führt nicht dazu, dass die zuvor zitier­ten Rege­lun­gen unwirk­sam und nicht zur Bestim­mung des gesetz­li­chen Rich­ters her­an­zu­zie­hen wären.

Es besteht kein Anlass, dem Klä­ger geson­dert nach­zu­wei­sen, dass die Mit­glie­der des erken­nen­den Gerichts deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge sind. Nach § 9 DRiG und § 17 Satz 1 FGO müs­sen sowohl die Berufs­rich­ter als auch die ehren­amt­li­chen Rich­ter Deut­sche sein, also die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit besit­zen. Da die Mit­glie­der des erken­nen­den Senats – wie wie­der­um aus dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan ersicht­lich ist – zu Rich­tern ernannt bzw. gewählt wur­den, kann der Klä­ger ver­läss­lich davon aus­ge­hen, dass die erken­nen­den Rich­ter Deut­sche sind. Anhalts­punk­te dafür, dass es sich anders ver­hält, hat der Klä­ger nicht vor­ge­tra­gen.

Auf eine Ver­ei­di­gung nach dem vom Klä­ger ange­führ­ten SHAEF-Mili­tär­ge­setz Nr. 2 kommt es nicht an, weil die­ses Gesetz durch das DRiG und die Rich­ter­ge­set­ze der Län­der Bran­den­burg und Ber­lin als leges pos­te­rio­res über­holt ist. Im Übri­gen ver­weist das Gericht wegen der Gel­tung des GG und der dar­auf beru­hen­den Bun­des- und Lan­des­ge­set­ze auf die Urtei­le des Amts­ge­richts Duis­burg vom 26.01.2006 3, des Hes­si­schen Finanz­ge­richts vom 22.09.2010 4 und des Finanz­ge­richts Ham­burg vom 19.04.2011 5.

Das Gericht ist gemäß § 70 Satz 1 FGO in Ver­bin­dung mit § 17a Abs. 2 Satz 3 GVG an die durch das Land­ge­richt Pots­dam vor­ge­nom­me­ne Rechts­weg­ver­wei­sung gebun­den, so dass es kei­ner Aus­füh­run­gen zur Zuläs­sig­keit des Rechts­we­ges bedarf.

Das Gericht hat das Ableh­nungs­ge­such zu Recht als unzu­läs­sig ver­wor­fen.

Der Senat hat in sei­ner nach dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan vor­ge­se­he­nen Beset­zung unter Mit­wir­kung der abge­lehn­ten Rich­ter ent­schie­den.

Nach § 51 Abs. 1 Satz 1 der FGO i.V.m. § 42 ZPO fin­det die Ableh­nung eines Rich­ters wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit statt, wenn ein Grund vor­liegt, der geeig­net ist, Miss­trau­en gegen die Unpar­tei­lich­keit des Rich­ters zu recht­fer­ti­gen. Dabei kommt es nach stän­di­ger Recht­spre­chung dar­auf an, ob der betrof­fe­ne Betei­lig­te von sei­nem Stand­punkt aus bei ver­nünf­ti­ger objek­ti­ver Betrach­tung Anlass hat, die Vor­ein­ge­nom­men­heit des oder der abge­lehn­ten Rich­ter zu befürch­ten 6.

Nach § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i.V.m. § 45 Abs. 1 ZPO ent­schei­det das Gericht, dem der Abge­lehn­te ange­hört, ohne des­sen Mit­wir­kung. Es ist aller­dings aner­kannt, dass abwei­chend vom Wort­laut des § 45 Abs. 1 ZPO der Spruch­kör­per aus­nahms­wei­se in alter Beset­zung unter Mit­wir­kung des abge­lehn­ten Rich­ters über unzu­läs­si­ge Ableh­nungs­ge­su­che in bestimm­ten Fall­grup­pen ent­schei­det. Hier­zu zählt u.a. die Ableh­nung eines gan­zen Gerichts ‑Spruch­kör­pers- 7. Fer­ner ist ein Ableh­nungs­ge­such unzu­läs­sig, wenn sich die Aus­übung des Ableh­nungs­rechts als miss­bräuch­lich dar­stellt. Ein Miss­brauch liegt u.a. vor, wenn das Gesuch schlecht­hin abwe­gig ist 8 oder wenn die Ableh­nung nur auf eine angeb­li­che Rechts­wid­rig­keit zuvor ergan­ge­ner Ent­schei­dun­gen gestützt wird und wei­te­re Grün­de für die Befürch­tung der Vor­ein­ge­nom­men­heit des Rich­ters nicht benannt wer­den 9. Ist die Unzu­läs­sig­keit des Ableh­nungs­ge­suchs offen­sicht­lich, so kann über das Gesuch ‑abwei­chend von § 45 ZPO- das Gericht unter Mit­wir­kung des abge­lehn­ten Rich­ters ent­schei­den 10. Auch der im Regel­fall not­wen­di­gen vor­he­ri­gen dienst­li­chen Stel­lung­nah­me des abge­lehn­ten Rich­ters (§ 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i.V.m. § 44 Abs. 2 ZPO) bedarf es dann nicht 11.

So liegt es hier. Der Klä­ger hat sich allein dar­auf beru­fen, dass die an der hie­si­gen Ent­schei­dung mit­wir­ken­den Rich­ter nicht sei­ne gesetz­li­chen Rich­ter sei­en, obwohl ihm die ent­spre­chen­den Rechts­grund­la­gen in der münd­li­chen Ver­hand­lung erläu­tert wor­den sind. Kon­kre­te Ein­wän­de gegen die­se Erläu­te­run­gen hat er nicht erho­ben.

Das Gericht durf­te ver­han­deln und ent­schei­den, obwohl der Klä­ger nicht durch Herrn B… ver­tre­ten war. Denn die­ser ist durch den nach § 62 Abs. 3 Satz 3 FGO unan­fecht­ba­ren Beschluss als Bevoll­mäch­tig­ter zurück­ge­wie­sen wor­den. Die dage­gen in der münd­li­chen Ver­hand­lung ein­ge­leg­te Beschwer­de ist daher unzu­läs­sig und unbe­acht­lich.

Der Zurück­wei­sungs­be­schluss vom 07.01.2013 ist wirk­sam zuge­stellt wor­den. Es reicht aus, dass der Ori­gi­nal­be­schluss die Unter­schrif­ten der Rich­ter trägt, was sich aus dem Beglau­bi­gungs­ver­merk der Urkunds­be­am­tin ergibt, und dass ledig­lich eine Aus­fer­ti­gung dem Klä­ger und sei­nem dama­li­gen Bevoll­mäch­tig­ten zuge­stellt wur­de 12. Fer­ner reicht es aus, dass die betei­lig­ten Rich­ter mit ihren Fami­li­en­na­men bezeich­net sind, da es im Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg kei­ne wei­te­ren Rich­ter gibt, die den glei­chen Namen wie die erken­nen­den Rich­ter tra­gen, so dass der Klä­ger auch ohne die Anga­be der Vor­na­men fest­stel­len kann, dass die betei­lig­ten Rich­ter sei­ne gesetz­li­chen Rich­ter sind. Dies ent­spricht im Übri­gen der gericht­li­chen Pra­xis in allen Gerichts­bar­kei­ten.

Die Ein­wen­dun­gen des Klä­gers gegen die Zurück­wei­sung geben kei­nen Anlass, Herrn B… erneut als Bevoll­mäch­tig­ten zum Ver­fah­ren zuzu­las­sen. Es ent­spricht stän­di­ger Recht­spre­chung, dass es mit Art. 12 Abs. 1 GG ver­ein­bar ist, die geschäfts­mä­ßi­ge Ver­tre­tung vor den Finanz­ge­rich­ten sol­chen Per­so­nen vor­zu­be­hal­ten, die die in § 62 Abs. 2 FGO genann­ten Qua­li­fi­ka­tio­nen vor­wei­sen kön­nen 13. Der Klä­ger kann auch nicht ein­wen­den, Herr B… leis­te kei­ne Hil­fe in Steu­er­sa­chen, da § 62 Abs. 2 und 3 FGO unab­hän­gig davon gel­ten, um wel­che Mate­rie es sich han­delt und wel­che Ein­wen­dun­gen erho­ben wer­den. Abwei­chen­des ergibt sich schließ­lich nicht dar­aus, dass der Klä­ger erst­mals in der münd­li­chen Ver­hand­lung auf Bl. 27 sei­nes dort über­ge­be­nen Schrift­sat­zes behaup­tet, Herr B… habe beim Amts­ge­richt Mit­te unter dem Az. … C …/​12 Kla­ge gegen den Wider­ruf sei­ner Steu­er­be­ra­ter­zu­las­sung erho­ben. Nach­dem das Gericht den Klä­ger und Herrn B… vor der Zurück­wei­sung ange­hört und die­sen bei­den den Zurück­wei­sungs­be­schluss am 08.01.2013 bzw. 09.01.2013 zuge­stellt hat­te, muss­te es im Hin­blick auf § 155 FGO i.V.m. § 227 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO nicht aus der münd­li­chen Ver­hand­lung her­aus ermit­teln, ob die Behaup­tung des Klä­gers zutrifft und ob eine ggf. beim Amts­ge­richt Bran­den­burg erho­be­ne Kla­ge ihrem Inhalt nach geeig­net ist, die auf­schie­ben­de Wir­kung gemäß § 69 Abs. 5 Satz 1 FGO aus­zu­lö­sen. Im Übri­gen hät­te es der pro­zes­sua­len Sorg­falt des Klä­gers ent­spro­chen, mit Herrn B… im Ver­hand­lungs­saal zu erschei­nen und des­sen Auf­tre­ten für den Fall einer Auf­he­bung des Zurück­wei­sungs­be­schlus­ses anzu­bie­ten. Dies war nicht der Fall.

Da der Klä­ger einer­seits mit sei­nem Schrift­satz vom 06.09.2010 an das Amts­ge­richt Bran­den­burg aus­drück­lich eine Anfech­tungs­kla­ge gegen die Beschei­de vom 16.11.2009 erho­ben, jedoch ande­rer­seits in der münd­li­chen Ver­hand­lung trotz ent­spre­chen­der Nach­fra­gen des Gerichts kei­ne Rück­nah­me­er­klä­rung i.S. des § 72 FGO abge­ge­ben hat, sieht das Gericht die­se Kla­ge nach wie vor als anhän­gig an und ent­schei­det dar­über.

Die Kla­ge ist unzu­läs­sig, soweit sie sich nicht gegen die Beschei­de über Ein­kom­men­steu­er, Soli­da­ri­täts­zu­schlag zur Ein­kom­men­steu­er und Umsatz­steu­er, jeweils nebst dazu fest­ge­setz­ten Ver­spä­tungs­zu­schlä­gen 2007 und 2008 sowie über Vor­aus­zah­lun­gen zur Ein­kom­men­steu­er und zum Soli­da­ri­täts­zu­schlag zur Ein­kom­men­steu­er ab 2009, jeweils vom 16.11.2009 in Gestalt der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 05.08.2010 rich­tet.

Der Antrag auf Vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist als Haupt­an­trag unzu­läs­sig, weil sog. abs­trak­te Nor­men­kon­trol­len nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 2 GG nur auf Antrag der Bun­des­re­gie­rung, einer Lan­des­re­gie­rung oder eines Drit­tels der Mit­glie­der des Bun­des­ta­ges zuläs­sig sind. Das Gericht wird jedoch – soweit eine Sach­prü­fung eröff­net ist – prü­fen, ob Anlass zu einer sog. kon­kre­ten Nor­men­kon­trol­le nach Art. 100 Abs. 1 GG besteht.

Der Antrag auf Auf­he­bung von Voll­stre­ckungs­maß­nah­men ist – soweit es sich dabei nicht nur um einen Antrag auf vor­läu­fi­gen Rechts­schutz han­delt, über den der erken­nen­de Senat mit Beschluss vom 09.02.2012 – 7 V 7304/​11 ent­schie­den hat – unzu­läs­sig. Denn es ist nicht ersicht­lich, dass der Klä­ger Voll­stre­ckungs­schutz bean­tragt hat, die­ser vom Beklag­ten abge­lehnt wur­de, der Klä­ger dar­auf­hin Ein­spruch ein­ge­legt und der Beklag­te inner­halb eines Monats vor Ein­gang der Kla­ge die­sen Ein­spruch zurück­ge­wie­sen hat.

Auch der Antrag auf Erstat­tung von Abga­ben ist unzu­läs­sig, weil der Klä­ger zuvor einen Antrag auf Ertei­lung eines Abrech­nungs­be­scheids i.S. des § 218 Abs. 2 AO hät­te stel­len müs­sen, wofür kein Anhalts­punkt besteht.

Der Antrag auf Zah­lung von Zin­sen ist unzu­läs­sig, weil der Klä­ger inso­weit zunächst einen Antrag auf Zins­fest­set­zung gemäß §§ 233a, 236 AO hät­te stel­len müs­sen.

Im Übri­gen ist die Kla­ge zuläs­sig. Das Begeh­ren, Beschei­de ersatz­los auf­zu­he­ben, weil es an einer ver­fas­sungs­kon­for­men Rechts­grund­la­ge feh­le, ist hin­rei­chend bestimmt und nach­voll­zieh­bar, so dass aus­nahms­wei­se der schlich­te Auf­he­bungs­an­trag bei Ver­an­la­gungs­steu­ern als aus­rei­chen­de Bezeich­nung des Kla­ge­be­geh­rens ange­se­hen wer­den kann.

Fer­ner wen­det der Beklag­te zu Unrecht ein, die Ein­spruchs­ent­schei­dun­gen vom 05.08.2010 sei­en bestands­kräf­tig gewor­den. Denn durch die am 06.09.2010 im Wege der Kla­ge­er­wei­te­rung beim Amts­ge­richt Bran­den­burg erho­be­ne Kla­ge hat der Klä­ger gemäß § 70 Satz 1 FGO in Ver­bin­dung mit § 17b Abs. 1 Satz 2 GVG wirk­sam und unter Wah­rung der Kla­ge­frist im Sin­ne des § 47 FGO Kla­ge erho­ben 14.

Die Kla­ge ist jedoch, soweit sie zuläs­sig ist, unbe­grün­det.

Der Klä­ger wird nicht i.S. des § 100 Abs. 1 und 2 FGO in sei­nen Rech­ten ver­letzt.

Er wen­det zu Unrecht ein, die den ange­foch­te­nen Beschei­den zu Grun­de lie­gen­den Steu­er­ge­set­ze, ins­be­son­de­re die Abga­ben­ord­nung, das Umsatz­steu­er­ge­setz und das Ein­kom­men­steu­er­ge­setz sei­en ver­fas­sungs­wid­rig und daher unwirk­sam, da der Gesetz­ge­ber gegen das Zitier­ge­bot gemäß Art.19 Abs. 1 Satz 2 GG ver­sto­ßen habe. Soweit die genann­ten Geset­ze zu Ein­grif­fen in die Ver­mö­gens­sphä­re des Steu­er­pflich­ti­gen ermäch­ti­gen, stel­len sie sich als Inhalts- und Schran­ken­be­stim­mung des Eigen­tums­rechts dar, das nicht dem Zitier­ge­bot des Art.19 Abs. 1 Satz 2 GG unter­liegt 15. Soweit der Klä­ger der Auf­fas­sung ist, die Vor­schrif­ten über die umsatz­steu­er­li­che Nach­schau (§ 27b UStG) wür­den gegen das Zitier­ge­bot des Art.19 Absatz 1 Satz 2 GG ver­sto­ßen, ist dem ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass den ange­foch­te­nen Beschei­den kei­ne umsatz­steu­er­li­che Nach­schau zugrun­de lag und aus einer etwai­gen Nich­tig­keit des § 27b UStG nicht die Gesamt­nich­tig­keit des UStG folgt 16.

Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 17. Janu­ar 2013 – 7 K 7303/​11

  1. BGBl. I 1965, 1477[]
  2. GVBl. Ber­lin I 2004, 278[]
  3. AG Duis­burg, Urteil vom 26.01.2006 – 46 K 361/​04, NJW 2006, 3577[]
  4. Hess. FG, Urteil vom 22.09.2010 – 6 K 134/​08[]
  5. FG Ham­burg, Urteil vom 19.04.2011 – 3 K 6/​11, EFG 2011, 2189; das hier­ge­gen anhän­gi­ge Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren X B 143/​11 wur­de aus dem Pro­zess­re­gis­ter des BFH gelöscht.[]
  6. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 11.02.2003 – VII B 330/​02, VII S 41/​02, BFHE 201, 483, BSt­Bl II 2003, 422; vom 25.08.2009 – V S 10/​07, BFHE 226, 109, BSt­Bl II 2009, 1019[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.07.2007 – 1 BvR 2228/​06, NJW 2007, 3771, unter II.2. a, m.w.N.[]
  8. BVerfG, Beschluss vom 22.02.1960 – 2 BvR 36/​60, BVerfGE 11, 1, 5; BFH, Beschluss vom 13.06.1986 – III R 162/​82, BFH/​NV 1988, 502[]
  9. BFH, Beschlüs­se vom 02.07.1976 – III R 24/​74, BFHE 119, 227, BSt­Bl II 1976, 627; vom 30.08.1995 – XI B 114/​95, BFH/​NV 1996, 225; vom 21.11.2003 – III E 5/​03, BFH/​NV 2004, 363; vom 13.01.2010 – I S 38, 39/​09, BFH/​NV 2010, 1105[]
  10. BVerfG, Beschluss vom 20.07.2007 – 1 BvR 2228/​06, NJW 2007, 3771[]
  11. BFH, Beschlüs­se vom 20.01.1999 – XI E 4/​98, BFH/​NV 1999, 952; vom 21.01.2002 – VII B 58/​02, BFH/​NV 2003, 485; vom 13.01.2010 – I S 38, 39/​09, BFH/​NV 2010, 1105[]
  12. BFH, Beschlüs­se vom 01.07.2003 – IX B 13/​03, DSt­RE 2003, 1123; vom 07.09.2012 – V S 24/​12, BFH/​NV 2012, 2000[]
  13. BFH, Beschluss vom 13.11.2008 – X B 82/​08, ZSteu 2009, R214 a.E. m.w.N.[]
  14. von Groll in Grä­ber, FGO, 7. Auf­la­ge 2010, § 64 Rz. 17; Bran­dis in Tipke/​Kruse, FGO, § 70 Tz. 10; Stein­hauff in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, FGO, § 47 Rz. 103[]
  15. FG Ham­burg, Zwi­schen­ur­teil vom 19.04.2011 – 3 K 6/​11 EFG 2011, 2189 mit wei­te­ren Nach­wei­sen, Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de Az. X B 143/​11 aus dem Pro­zess­re­gis­ter des BFH gelöscht[]
  16. BFH, Beschlüs­se vom 12.04.2009 – XI B 23, 24/​08, ZSteu 2009, R538; vom 16.12.2009 – V B 23/​08, BFH/​NV 2010, 1866; vom 18.05.2011 – VII B 195/​10, BFH/​NV 2011, 1743, Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de gemäß §§ 93a, 93b BVerfGG nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, BVerfG, Beschluss vom 26.10.2011 – 1 BvR 1808/​11; vgl. auch BFH, Beschluss vom 19.01.2012 – VI B 98/​11, BFH/​NV 2012, 759[]