Steu­ern – Bei­trä­ge – Gebüh­ren

Das Grund­ge­setz kennt kei­ne Legal­de­fi­ni­ti­on der Steu­er. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt geht aller­dings seit jeher davon aus, dass das Grund­ge­setz für den Begriff "Steu­er" an die Defi­ni­ti­on in § 3 Abs. 1 AO anknüpft 1.

Steu­ern – Bei­trä­ge – Gebüh­ren

Danach sind Steu­ern "Geld­leis­tun­gen, die nicht eine Gegen­leis­tung für eine beson­de­re Leis­tung dar­stel­len und von einem öffent­lich-recht­li­chen Gemein­we­sen zur Erzie­lung von Ein­nah­men allen auf­er­legt wer­den, bei denen der Tat­be­stand zutrifft, an den das Gesetz die Leis­tungs­pflicht knüpft". Kenn­zeich­nend für eine Steu­er ist somit, dass sie ohne indi­vi­du­el­le Gegen­leis­tung und unab­hän­gig von einem bestimm­ten Zweck ("vor­aus­set­zungs­los") zur Deckung des all­ge­mei­nen Finanz­be­darfs eines öffent­li­chen Gemein­we­sens erho­ben wird 2. Ihre Höhe ist nicht durch die mit ihnen finan­zier­ten staat­li­chen Auf­ga­ben begrenzt 3. Zweck­bin­dun­gen des Auf­kom­mens aus einer Steu­er sind aller­dings grund­sätz­lich zuläs­sig, es han­delt sich dann um soge­nann­te Zweck­steu­ern 4. Die Erfül­lung der öffent­li­chen Auf­ga­ben, zu deren Finan­zie­rung Zweck­steu­ern die­nen, hat aber nicht den Cha­rak­ter einer Gegen­leis­tung der Abga­be­be­rech­tig­ten zuguns­ten der Abga­be­pflich­ti­gen; die Zweck­bin­dung beruht auf einer gleich­zei­ti­gen Ent­schei­dung des Haus­halts­ge­setz­ge­bers über die Ver­wen­dung des Steu­er­auf­kom­mens. Der Kreis der Abga­be­pflich­ti­gen knüpft dar­um bei den Zweck­steu­ern nicht an sol­che Per­so­nen an, die einen wirt­schaft­li­chen Vor­teil aus dem öffent­li­chen Vor­ha­ben zie­hen 5.

Bei­trä­ge und Gebüh­ren wer­den dem­ge­gen­über als Vor­zugs­las­ten bezeich­net 6 und fal­len mit wei­te­ren Abga­ben in die Kate­go­rie der nicht­steu­er­li­chen Abga­ben. Für Vor­zugs­las­ten gibt es kei­nen all­ge­mei­nen, ver­fas­sungs­recht­lich eigen­stän­di­gen Begriff. Das Grund­ge­setz steht deren Erhe­bung nicht ent­ge­gen; es kennt kei­nen abschlie­ßen­den Kanon zuläs­si­ger Abga­ben­ty­pen 7.

Als Gebüh­ren wer­den öffent­lich-recht­li­che Geld­leis­tun­gen bezeich­net, die aus Anlass indi­vi­du­ell zure­chen­ba­rer Leis­tun­gen dem Gebüh­ren­schuld­ner durch eine öffent­lich-recht­li­che Norm oder sons­ti­ge hoheit­li­che Maß­nah­me auf­er­legt wer­den. Bei­trä­ge unter­schei­den sich von Gebüh­ren dadurch, dass sie bereits für die poten­ti­el­le Inan­spruch­nah­me einer öffent­li­chen Ein­rich­tung oder Leis­tung erho­ben wer­den. Durch Bei­trä­ge sol­len die­je­ni­gen an den Kos­ten einer öffent­li­chen Ein­rich­tung betei­ligt wer­den, die von die­ser – jeden­falls poten­ti­ell – einen Nut­zen haben 8. Der Gedan­ke der Gegen­leis­tung, also des Aus­gleichs von Vor­tei­len und Las­ten, ist der den Bei­trag im abga­ben­recht­li­chen Sin­ne bestim­men­de Gesichts­punkt 9. Hier­durch unter­schei­det sich der Bei­trag not­wen­dig von der Steu­er.

Maß­geb­lich für die Qua­li­fi­zie­rung einer Abga­be als Steu­er oder nicht­steu­er­li­che Abga­be ist die Aus­ge­stal­tung des betref­fen­den Geset­zes 10. Die kom­pe­tenz­recht­li­che Ein­ord­nung einer Abga­be als Steu­er oder nicht­steu­er­li­che Abga­be rich­tet sich nicht nach ihrer gesetz­li­chen Bezeich­nung, son­dern nach ihrem tat­be­stand­lich bestimm­ten mate­ri­el­len Gehalt 11. Dabei ist kei­ne aus­drück­li­che Bezug­nah­me auf die Leis­tung im Abga­ben­tat­be­stand erfor­der­lich, son­dern es genügt, dass – erfor­der­li­chen­falls im Wege der Aus­le­gung – erkenn­bar ist, für wel­che öffent­li­che Leis­tung die Abga­be erho­ben wird und wel­che Zwe­cke der Gesetz­ge­ber mit der Abga­ben­be­mes­sung ver­folgt 12.

Ob eine Abga­be hin­ge­gen nach ihrem Grund und ihrer Höhe dem Grund­satz der Belas­tungs­gleich­heit (Art. 3 Abs. 1 GG) ent­spricht, muss für die Abgren­zung unbe­rück­sich­tigt blei­ben. Ist eine Abga­be wegen der recht­li­chen Ver­knüp­fung von Leis­tung und Gegen­leis­tung der gesetz­li­chen Aus­ge­stal­tung nach als nicht­steu­er­lich zu qua­li­fi­zie­ren, so bleibt es bei ihrer for­ma­len Zuord­nung unab­hän­gig davon, ob ihre Erhe­bung sach­lich gerecht­fer­tigt ist 13. Fra­gen der mate­ri­el­len Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Abga­be, ins­be­son­de­re ihrer Ver­ein­bar­keit mit den Gleich­heits- und Frei­heits­rech­ten, sind ohne Ein­fluss auf die Beur­tei­lung der Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz, denn die Kom­pe­tenz­nor­men des Grund­ge­set­zes ent­hal­ten grund­sätz­lich kei­ne Aus­sa­ge zu die­sen mate­ri­el­len Fra­gen 14. Es wür­de der auf For­men­klar­heit und For­men­bin­dung ange­leg­ten und ange­wie­se­nen Finanz­ver­fas­sung zuwi­der­lau­fen, wenn Abga­ben dadurch ganz oder teil­wei­se ihre Kom­pe­tenz­grund­la­ge ver­lö­ren, dass sie etwa über­höht oder sonst untaug­lich bemes­sen wer­den 15.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 18. Juli 2018 – 1 BvR 1675/​161 BvR 745/​171 BvR 836/​17 und 1 BvR 981/​17

  1. vgl. BVerfGE 67, 256, 282; 93, 319, 346[]
  2. vgl. BVerfGE 108, 186, 215 f.; 110, 370, 384; 124, 235, 243; 124, 348, 364; 137, 1, 17 Rn. 41[]
  3. vgl. BVerfGE 43, 108, 118 ff.; 61, 319, 344 ff.; 66, 214, 222 ff.; 82, 60, 86[]
  4. vgl. BVerfGE 7, 244, 254; 49, 343, 353 f.; 110, 274, 294[]
  5. vgl. BVerfGE 7, 244, 254; 49, 343, 353 f.; 65, 325, 344; 137, 1, 18 Rn. 43[]
  6. vgl. BVerfGE 110, 370, 388; 137, 1, 17 f. Rn. 42[]
  7. vgl. BVerfGE 113, 128, 146 f.; 122, 316, 333; 123, 132, 141; 137, 1, 17 f. Rn. 42[]
  8. vgl. BVerfGE 38, 281, 311; 137, 1, 18 Rn. 43[]
  9. vgl. BVerfGE 9, 291, 298; 137, 1, 18 Rn. 43[]
  10. vgl. BVerfGE 7, 244, 256; 49, 343, 352 f.; 123, 1, 17; 137, 1, 17 Rn. 40[]
  11. vgl. BVerfGE 108, 1, 13; 108, 186, 212; 110, 370, 384; 113, 128, 145 f.; 122, 316, 333; 124, 348, 364; 137, 1, 17 Rn. 40[]
  12. vgl. auch BVerfGE 108, 1, 20; 132, 334, 350 Rn. 50; 137, 1, 19 Rn. 44; 144, 369, 398 Rn. 65[]
  13. vgl. BVerfGE 108, 1, 13[]
  14. vgl. BVerfGE 123, 1, 17[]
  15. vgl. BVerfGE 108, 1, 14 f.; 123, 1, 17[]