Über­lan­ge Steu­er­strei­tig­kei­ten – und die Gewähr­leis­tun­gen der EMRK

Der Anwen­dungs­be­reich der in Art. 6 Abs. 1 EMRK ent­hal­te­nen Gewähr­leis­tun­gen beschränkt sich auf Strei­tig­kei­ten in Bezug auf zivil­recht­li­che Ansprü­che und Ver­pflich­tun­gen oder über eine erho­be­ne straf­recht­li­che Ankla­ge. Steu­er­recht­li­che Strei­tig­kei­ten im enge­ren Sin­ne wer­den von die­ser Gewähr­leis­tung nicht erfasst.

Über­lan­ge Steu­er­strei­tig­kei­ten – und die Gewähr­leis­tun­gen der EMRK

Zwar hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in einer Ent­schei­dung zur Dau­er eines Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens, das nach der Hes­si­schen Dis­zi­pli­nar­ord­nung (HDO) durch­ge­führt wor­den war, die Ver­zö­ge­rung des vor­ge­richt­li­chen förm­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens mit in die Prü­fung ein­be­zo­gen hat, ob Art. 6 Abs. 1 EMRK ver­letzt sei 1. Der EGMR hat in der genann­ten Ent­schei­dung dem dor­ti­gen Stpfl. eine Ent­schä­di­gung für die über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er zuge­spro­chen, obwohl die HDO in ihrem § 61 eine ‑mit § 46 FGO im Kern ver­gleich­ba­re- Vor­schrift ent­hielt, mit der der Beam­te nach sechs­mo­na­ti­ger Dau­er des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens eine gericht­li­che Ent­schei­dung erzwin­gen konn­te, und der dor­ti­ge Stpfl. von die­ser Mög­lich­keit kei­nen Gebrauch gemacht hat­te 2.

Gleich­wohl kann Art. 6 Abs. 1 EMRK im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht zuguns­ten der Stpfl. her­an­ge­zo­gen wer­den. Der Anwen­dungs­be­reich die­ser Vor­schrift beschränkt sich auf "Strei­tig­kei­ten in Bezug auf ihre zivil­recht­li­chen Ansprü­che und Ver­pflich­tun­gen oder über eine gegen sie erho­be­ne straf­recht­li­che Ankla­ge". Auch wenn der Begriff "zivil­recht­li­che Ansprü­che und Ver­pflich­tun­gen" in der Recht­spre­chung des EGMR tra­di­tio­nell sehr weit aus­ge­legt wird, fal­len steu­er­recht­li­che Strei­tig­kei­ten (im enge­ren Sin­ne) nicht dar­un­ter. Dies ent­spricht stän­di­ger Recht­spre­chung sowohl des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te 3 als auch des Bun­des­fi­nanz­hofs 4. Soweit die Stpfl. anfüh­ren, das EGMR-Urteil in NJW 2002, 3453 sei ledig­lich mit 11 : 6 Stim­men ergan­gen, so dass immer­hin sechs Rich­ter des EGMR die­se Ent­schei­dung für falsch gehal­ten haben 5 ändert dies nichts dar­an, dass es sich bei den dar­ge­stell­ten Grund­sät­zen um die Recht­spre­chung des EGMR han­delt. In sei­ner vor­ge­nann­ten Ent­schei­dung zu einem nach der HDO geführ­ten Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren hat der EGMR die Anwend­bar­keit des Art. 6 Abs. 1 EMRK nur des­halb bejaht, weil es sich bei Strei­tig­kei­ten aus dem Beam­ten­ver­hält­nis zugleich im wei­tes­ten Sin­ne um arbeits­recht­li­che ‑und damit um zivil­recht­li­che- Strei­tig­kei­ten han­delt 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 27. April 2016 – X R 1/​15

  1. EGMR, Urteil vom 16.07.2009 8453/​04, NVwZ 2010, 1015, Rz 44[]
  2. vgl. EGMR, Urteil in NVwZ 2010, 1015, Rz 51[]
  3. aus­führ­lich EGMR, Urteil vom 12.07.2001 – 44759/​98 – Ferrazzini/​Ita­li­en, NJW 2002, 3453, Rz 20 ff.; für Zöl­le und Ein­fuhr­ab­ga­ben auch EGMR, Ent­schei­dung vom 13.01.2005 – 62023/​00, Euro­päi­sche Grund­rech­te-Zeit­schrift 2005, 234[]
  4. BFH, Beschlüs­se vom 21.02.2006 – I B 32/​05, BFH/​NV 2006, 1305, unter II. 2.; vom 22.07.2008 – II B 18/​08, BFH/​NV 2008, 1866, unter II. 3.b; vom 09.09.2008 – VI B 72/​07, unter b bb; in BFH/​NV 2011, 2011, Rz 16; vom 18.03.2013 – VII B 134/​12, BFH/​NV 2013, 1102, und in BFH/​NV 2015, 800, Rz 8[]
  5. vgl. die in NJW 2002, 3455 ver­öf­fent­lich­te abwei­chen­de Mei­nung von sechs Rich­tern[]
  6. EGMR, Urteil in NVwZ 2010, 1015, Rz 37 ff.[]