Steu­er­ver­wei­ge­rung aus Gewis­sens­grün­den

Nach der Recht­spre­chung sowohl des Bun­des­fi­nanz­hofs 1 als auch des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 2 kann sich der Steu­er­bür­ger nicht der Mit­fi­nan­zie­rung von Staats­tä­tig­kei­ten, die er aus Gewis­sens­grün­den ablehnt, ent­zie­hen.

Steu­er­ver­wei­ge­rung aus Gewis­sens­grün­den

Der Schutz­be­reich des Grund­rechts der Gewis­sens­frei­heit (Art. 4 Abs. 1 GG) ist durch die Pflicht zur Steu­er­zah­lung nicht berührt und kann daher auch kei­nen Anspruch auf gewis­sens­kon­for­me Ver­wen­dung der Steu­ern begrün­den. Viel­mehr sind der Gewis­sens­frei­heit (Art. 4 Abs. 1 GG) von vorn­her­ein Schran­ken durch die Grund­rech­te Drit­ter sowie durch ande­re grund­le­gen­de Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en gesetzt. Zu letz­te­ren gehö­ren auch die Bud­get­ver­ant­wor­tung des Par­la­ments (Art. 110 Abs. 2 Satz 1 GG) und das demo­kra­ti­sche Prin­zip (Art.20 Abs. 2 i.V.m. Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG). Die­se grund­le­gen­den Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en und die auf ihnen beru­hen­de haus­halts­recht­li­che Ver­wen­dungs­ent­schei­dung über die ver­ein­nahm­ten Steu­ern unter­lie­gen dem­ge­mäß kei­nem Vor­be­halt der Gewis­sens­ent­schei­dung des Ein­zel­nen zu der Fra­ge, wie die staat­li­chen Ein­nah­men aus Steu­ern zu ver­wen­den sind.

Auch das Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 21. Juni 2005 3 bie­tet kei­nen Anlass zu einer gänz­li­chen Neu­be­ur­tei­lung der die Steu­er­ver­wei­ge­rung aus Gewis­sens­grün­den betref­fen­den Rechts­grund­sät­ze. Die dor­ti­gen Aus­füh­run­gen betref­fen die Gewis­sens­ent­schei­dung eines Sol­da­ten in Bezug auf die Nicht­be­fol­gung eines ihm erteil­ten Befehls und der sich dar­aus erge­ben­den unmit­tel­ba­ren Hand­lungs­an­wei­sung. In einer ver­gleich­ba­ren Kon­flikt­si­tua­ti­on befin­det sich ein Steu­er­pflich­ti­ger, der eine Mit­fi­nan­zie­rung von Staats­tä­tig­kei­ten aus Gewis­sens­grün­den ablehnt, nicht. In der Pflicht zur Steu­er­zah­lung liegt wegen der davon zu tren­nen­den haus­halts­recht­li­chen Ver­wen­dungs­ent­schei­dung- kein unmit­tel­bar eigen­hän­di­ges Han­deln, das für den Steu­er­pflich­ti­gen zu einem unüber­wind­ba­ren Gewis­sens­kon­flikt füh­ren kann.

Auch der Ver­fas­sungs­rang des Bud­get­rechts des Par­la­ments kann nicht in Zwei­fel gezo­gen wer­den. Die­ses Recht ist ein grund­le­gen­der Teil der demo­kra­ti­schen Selbst­ge­stal­tungs­fä­hig­keit im Ver­fas­sungs­staat 4 und umfasst auch das Recht des Par­la­ments, bei der Ver­ab­schie­dung des Haus­halts­plans der ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­ent­schei­dung für eine mili­tä­ri­sche Ver­tei­di­gung Rech­nung zu tra­gen 5.

Schließ­lich gibt das o.g. Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 6 auch kei­nen Anlass zur Prü­fung, ob und wie die Gewis­sens­frei­heit (Art. 4 Abs. 1 GG) eines Steu­er­pflich­ti­gen mit dem Bud­get­recht des Par­la­ments im Wege "prak­ti­scher Kon­kor­danz" har­mo­ni­siert wer­den kann. Das BVerwG-Urteil erkennt in Bezug auf die Gewis­sens­frei­heit die Not­wen­dig­keit zur Her­stel­lung "prak­ti­scher Kon­kor­danz" nur für den Fall, dass "tat­säch­lich eine Kol­li­si­on zwi­schen den sach­li­chen Gel­tungs­be­rei­chen meh­re­rer Ver­fas­sungs­be­stim­mun­gen vor­liegt, die es logisch und sys­te­ma­tisch zwin­gend erschei­nen lässt, eine wech­sel­sei­ti­ge Opti­mie­rung vor­zu­neh­men". Eine sol­che Kol­li­si­ons­la­ge besteht indes – wie sich aus der ange­führ­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und des Bun­des­fi­nanz­hofs ergibt – zwi­schen der Gewis­sens­frei­heit und dem Bud­get­recht des Par­la­ments nicht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 26. Janu­ar 2012 – II B 70/​11

  1. z.B. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 06.12.1991 – III R 81/​89, BFHE 166, 315, BSt­Bl II 1992, 303; und vom 16.10.2003 – IV B 46/​02, BFH/​NV 2004, 311[]
  2. z.B. BVerfG, Beschlüs­se vom 18.04.1984 – 1 BvL 43/​81, BVerfGE 67, 26; vom 09.10.1986 – 1 BvR 1013/​86, Steu­er­recht­spre­chung in Kar­tei­form, Abga­ben­ord­nung, § 3, Rechts­spruch 2; vom 26.02.1991 – 1 BvR 752/​87, HFR 1991, 722; vom 26.08.1992 – 2 BvR 478/​92, NJW 1993, 455; vom 02.06.2003 – 2 BvR 1775/​02, NJW 2003, 2600; vom 02.05.2007 – 2 BvR 475/​02, HFR 2007, 900[]
  3. BVerwG, Urteil vom 21.06.2005 – 2 WD 12/​04, BVerw­GE 127, 302[]
  4. vgl. z.B. BVerfG, Urteil vom 07.09.2011 – 2 BvR 987/​10 u.a., NJW 2011, 2946[]
  5. vgl. z.B. BVerfG, Beschluss in HFR 1991, 722, m.w.N.[]
  6. BVerwG, Urteil in BVerw­GE 127, 302[]