Tele­fo­nisch ange­kün­dig­te Ver­spä­tung – und die War­te­pflicht des Gerichts

Die Garan­tie des recht­li­chen Gehörs gebie­tet, dem an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren Betei­lig­ten Gele­gen­heit zu geben, sich zu dem der Ent­schei­dung zugrun­de­lie­gen­den Sach­ver­halt vor Erlass der Ent­schei­dung zu äußern und sich mit tat­säch­li­chen und recht­li­chen Argu­men­ten im Pro­zess zu behaup­ten 1. Die­ser Pflicht des Gerichts zur Gewäh­rung des recht­li­chen Gehörs ent­spricht die Oblie­gen­heit der kla­gen­den Par­tei, im Zeit­punkt des fest­ge­setz­ten Ter­mins bei Gericht zu erschei­nen.

Tele­fo­nisch ange­kün­dig­te Ver­spä­tung – und die War­te­pflicht des Gerichts

Erscheint der Klä­ger im Zeit­punkt des fest­ge­setz­ten Ter­mins nicht zur münd­li­chen Ver­hand­lung und hat das Gericht kei­ne Anhalts­punk­te dafür, ob und wann der Klä­ger zum Ter­min erschei­nen wer­de, liegt es im Ermes­sen des Vor­sit­zen­den, ob er noch eine gewis­se Zeit abwar­tet oder im Hin­blick auf die Ter­mins­la­ge die Ver­hand­lung eröff­net 2.

Hat der unpünkt­li­che Betei­lig­te jedoch sein Erschei­nen vor Gericht aus­drück­lich ange­kün­digt und vor der Ver­hand­lung tele­fo­nisch auf eine unver­schul­de­te gerin­ge Ver­spä­tung hin­ge­wie­sen, folgt aus der pro­zes­sua­len Für­sor­ge­pflicht des Gerichts, dass es zur Gewäh­rung des recht­li­chen Gehörs eine ange­mes­se­ne Zeit war­tet 3.

Eine Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs liegt dann z.B. vor, wenn das Finanz­ge­richt bereits 10 Minu­ten nach dem Ter­min die Ver­hand­lung eröff­net und nach 3 Minu­ten sein Urteil ver­kün­det 4. Aller­dings wird das dem Vor­sit­zen­den zuste­hen­de Ermes­sen nicht ver­letzt, wenn der Klä­ger einen Ver­spä­tungs­zeit­raum ankün­digt und bei Über­schrei­tung des Zeit­raums kei­ne wei­te­re Nach­richt beim Finanz­ge­richt ein­geht 5.

Nach die­sen Grund­sät­zen lag in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall eine Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs nicht vor. Der Ein­zel­rich­ter hat im Hin­blick auf die vor der Eröff­nung tele­fo­nisch ange­kün­dig­te Ver­spä­tung wegen der Ver­kehrs­la­ge um "etwa 15 Minu­ten" bei der für 10:00 Uhr ter­mi­nier­ten Sache bis 10:20 Uhr zuge­war­tet, ohne eine wei­te­re Nach­richt zu erhal­ten, um dann die Sit­zung um 10:25 Uhr zu schlie­ßen und um 10:28 Uhr nach Wie­der­eröff­nung sein Urteil zu ver­kün­den. Hält der Betei­lig­te den von ihm selbst ange­kün­dig­ten Ver­spä­tungs­zeit­raum ("etwa 15 Minu­ten") nicht ein, wäre es auch ange­sichts der der­zei­ti­gen Mög­lich­kei­ten der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on zumut­bar gewe­sen, sein Ein­tref­fen wei­ter zu kon­kre­ti­sie­ren, anstatt das Gericht auf unab­seh­ba­re Zeit war­ten zu las­sen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 14. Okto­ber 2015 – V B 49/​15

  1. BVerfG, Beschlüs­se vom 05.10.1976 – 2 BvR 558/​75, BVerfGE 42, 364, 369; vom 21.04.1982 – 2 BvR 810/​81, BVerfGE 60, 305, 310; und vom 11.02.1987 – 1 BvR 475/​85, BVerfGE 74, 228, 233[]
  2. BFH, Urteil vom 25.09.1990 – IX R 207/​87, BFH/​NV 1991, 397[]
  3. BFH, Beschlüs­se vom 21.12 2005 – II B 3/​05, BFH/​NV 2006, 605 bei unfall­be­ding­tem Ver­kehrs­stau; vom 29.08.2008 – X S 27/​08 (PKH); vom 22.01.2009 – X B 114/​08[]
  4. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2006, 605[]
  5. so für einen ange­kün­dig­ten Ver­spä­tungs­zeit­raum von 10 Minu­ten und Wie­der­eröff­nung der Ver­hand­lung durch den Vor­sit­zen­den nach 19 Minu­ten: BFH, Urteil in BFH/​NV 1991, 397[]