Ter­mins­auf­he­bung bei Erkran­kung

Nach § 155 FGO in Ver­bin­dung mit § 227 ZPO kann ein Ter­min aus erheb­li­chen Grün­den auf­ge­ho­ben oder ver­legt wer­den. Lie­gen erheb­li­che Grün­de vor, ver­dich­tet sich die Ermes­sens­frei­heit zu einer Rechts­pflicht. Der Ter­min muss dann zur Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs auf­ge­ho­ben oder ver­legt wer­den, selbst wenn das Gericht die Sache für ent­schei­dungs­reif hält und die Erle­di­gung des Rechts­streits durch die Auf­he­bung oder Ver­le­gung des Ter­mins ver­zö­gert wird 1.

Ter­mins­auf­he­bung bei Erkran­kung

Ein erheb­li­cher Grund liegt regel­mä­ßig bei einer Erkran­kung vor, die den Betei­lig­ten an der Wahr­neh­mung eines Ter­mins zur münd­li­chen Ver­hand­lung hin­dert 2.

Bei offen­kun­di­ger Pro­zess­ver­schlep­pungs­ab­sicht oder bei Ver­let­zung pro­zes­sua­ler Mit­wir­kungs­pflich­ten in ande­rer Wei­se kann die Ableh­nung einer Ter­min­än­de­rung trotz Vor­lie­gens erheb­li­cher Grün­de ermes­sens­ge­recht sein 3. Als Ver­stoß gegen die pro­zes­sua­le Mit­wir­kungs­pflicht ist es aus­nahms­wei­se anzu­se­hen, wenn ein Betei­lig­ter infol­ge dau­er­haf­ter Erkran­kung objek­tiv nicht dazu in der Lage ist, das gericht­li­che Ver­fah­ren ohne Ver­tre­tung ord­nungs­ge­mäß durch­zu­füh­ren, und er kei­ne Vor­sor­ge für die Wahr­neh­mung anbe­raum­ter Ter­mi­ne durch Ver­tre­ter getrof­fen hat 4.

Im Streit­fall hat das Finanz­ge­richt eine Ter­min­ver­le­gung nicht wegen Pro­zess­ver­schlep­pungs­ab­sicht der Klä­ge­rin abge­lehnt, son­dern des­halb, weil die­se nicht Vor­sor­ge für den Fall einer Erkran­kung getrof­fen und kei­nen Pro­zess­ver­tre­ter beauf­tragt habe. Die Klä­ge­rin hat­te jedoch auf­grund des Inhalts der Ladung vom 1. Dezem­ber 2008 kei­nen Anlass, einen Ver­tre­ter mit der Wahr­neh­mung des Ter­mins zur münd­li­chen Ver­hand­lung zu betrau­en. In der Ladung wird die Klä­ge­rin auf­ge­for­dert, "bei län­ge­rer Ver­hin­de­rung" sich durch einen Bevoll­mäch­tig­ten ver­tre­ten zu las­sen. Die Klä­ge­rin brauch­te somit der Auf­for­de­rung nicht nach­zu­kom­men, wenn sie auf­grund ihres dama­li­gen gesund­heit­li­chen Zustands glaub­te, den Ter­min selbst wahr­neh­men zu kön­nen. Als die Klä­ge­rin am 21. Janu­ar 2009 wegen aku­ter Herz­be­schwer­den in das Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wur­de, ver­blieb nicht mehr aus­rei­chend Zeit zur Beauf­tra­gung eines sach­kun­di­gen Pro­zess­ver­tre­ters. Ein Ver­stoß gegen die pro­zes­sua­le Mit­wir­kungs­pflicht, der die Ableh­nung des Antrags auf Ter­min­ver­le­gung recht­fer­tigt, kann ihr des­halb nicht vor­ge­wor­fen wer­den.

Aus­drück­li­che Aus­füh­run­gen der Klä­ge­rin in der Beschwer­de­be­grün­dung dazu, was sie bei aus­rei­chen­der Gewäh­rung des recht­li­chen Gehörs vor­ge­tra­gen hät­te und dass die Ent­schei­dung bei Berück­sich­ti­gung die­ses Vor­brin­gens anders hät­te aus­fal­len kön­nen, waren nicht erfor­der­lich, da das Finanz­ge­richt zu Unrecht in Abwe­sen­heit der Klä­ge­rin ver­han­delt hat. In einem sol­chen Fall gilt die Kau­sa­li­täts­ver­mu­tung des § 119 Nr. 3 FGO ein­schrän­kungs­los 5.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 29. April 2010 – III B 35/​09

  1. z.B. BFH, Beschluss vom 23.11.2001 – V B 224/​00, BFH/​NV 2002, 520[]
  2. BFH, Urteil vom 04.05.1994 – XI R 104/​92, BFH/​NV 1995, 46, m.w.N.[]
  3. BFH, Urteil in BFH/​NV 1995, 46, m.w.N.[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 21.12.2001 – IX B 75/​01, BFH/​NV 2002, 662, m.w.N.[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 03.09.2001 – GrS 3/​98, BFHE 196, 39, BSt­Bl II 2001, 802[]