Über­ge­hen eines Beweis­an­tra­ges – und das recht­li­che Gehör

Das Gericht hat der Klä­ge­rin recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO) ver­sagt, indem es ihr vor Erlass des Urteils nicht mit der erfor­der­li­chen Klar­heit zu erken­nen gege­ben hat, dass es ent­ge­gen dem Beweis­be­schluss nicht mehr beab­sich­tig­te, den Zeu­gen zu ver­neh­men.

Über­ge­hen eines Beweis­an­tra­ges – und das recht­li­che Gehör

Durch einen Beweis­be­schluss ent­steht eine Ver­fah­rens­la­ge, auf wel­che die Betei­lig­ten ihre Pro­zess­füh­rung ein­rich­ten dür­fen. Sie kön­nen grund­sätz­lich davon aus­ge­hen, dass das Urteil nicht eher erge­hen wird, bis der Beweis­be­schluss voll­stän­dig aus­ge­führt ist. Zwar ist das Gericht nicht ver­pflich­tet, eine ange­ord­ne­te Beweis­auf­nah­me in vol­lem Umfang durch­zu­füh­ren. Will es von einer Beweis­auf­nah­me abse­hen, muss es zur Ver­mei­dung einer Über­ra­schungs­ent­schei­dung vor Erlass des Urteils die von ihm durch den Beweis­be­schluss geschaf­fe­ne Pro­zess­la­ge wie­der besei­ti­gen. Dazu hat es für die Betei­lig­ten unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck zu brin­gen, dass es den Beweis­be­schluss als erle­digt betrach­tet [1].

Erlässt das Finanz­ge­richt dage­gen vor der voll­stän­di­gen Aus­füh­rung eines Beweis­be­schlus­ses ein Urteil, ohne einen ent­spre­chen­den Hin­weis gege­ben zu haben, ver­sagt es das recht­li­che Gehör [2].

Zwar kann die Doku­men­ta­ti­on des Inhalts eines zuvor (z.B. in der münd­li­chen Ver­hand­lung) erteil­ten rich­ter­li­chen Hin­wei­ses nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [3] zumin­dest dann auch noch im Urteil erfol­gen, wenn dies ver­se­hent­lich nicht in das Pro­to­koll auf­ge­nom­men wor­den ist. Jedoch ist im vor­lie­gen­den Fall auch der nach dem Inhalt des Finanz­ge­richt, Urteils gege­be­ne Hin­weis „in Aus­sicht gestellt“ nicht mit der erfor­der­li­chen Klar­heit erteilt wor­den, zumal die in die­sem Zusam­men­hang vom Finanz­ge­richt dar­ge­leg­te Auf­fas­sung, kei­ner der Betei­lig­ten habe die Nicht­ein­ver­nah­me des Zeu­gen gerügt, in kla­rem Wider­spruch zum Inhalt der Nie­der­schrift steht: Zwar kann bei ver­zicht­ba­ren Ver­fah­rens­män­geln durch­aus auch durch blo­ßes Unter­las­sen einer recht­zei­ti­gen Rüge gemäß § 155 FGO i.V.m. § 295 ZPO auf die Gel­tend­ma­chung eines Ver­fah­rens­feh­lers wirk­sam ver­zich­tet wer­den [4]. Im Pro­to­koll ist jedoch fest­ge­hal­ten, dass nach Auf­fas­sung der Klä­ge­rin ein neu­er Ter­min erfor­der­lich sei und der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin einen Ver­zicht auf die Zeu­gen­ein­ver­nah­me nicht erklä­ren kön­ne. Dies lässt den vom Finanz­ge­richt gezo­ge­nen Schluss, kein Betei­lig­ter habe eine in Aus­sicht gestell­te Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt ohne Ver­neh­mung des Zeu­gen gerügt, inhalt­lich nicht zu.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 30. Sep­tem­ber 2013 – XI B 69/​13

  1. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 19.12.2012 – XI B 84/​12, BFH/​NV 2013, 745; vom 02.08.2013 – XI B 97/​12; vom 03.12.2002 – X B 26/​02, BFH/​NV 2003, 343; vom 23.10.2006 – III B 142/​05, BFH/​NV 2007, 422; vom 27.08.2010 – III B 113/​09, BFH/​NV 2010, 2292; vom 19.01.2012 – X B 4/​10, BFH/​NV 2012, 958, jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2003, 343; vom 06.06.2006 – V B 142/​05, BFH/​NV 2006, 2088[]
  3. BGH, Urteil vom 22.09.2005 – VII ZR 34/​04, BGHZ 164, 166[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 12.06.2012 – V B 128/​11, BFH/​NV 2012, 1804, m.w.N.[]